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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1929-03-29 · 13 (29.3.1929) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
5 (1929)
Issue
13 (29.3.1929)
Date
1929-03-29
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
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Seite 2 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG Nlllllll 13 des Berufes und der Entscheidung für diesen. Der Jugendbewegung aller Richtungen hat sieh Iiier ein breites Feld fruchtbarer Arbeil eröffnet, ihr obliegt es, den Jugendlichen die Innere Einstellung zu Arbeit und Beruf zu vermitteln. Sie hilft mit .m der Gestaltung des Willens der Jugend und macht sie frei von traditionellen Vorurteilen gegen bestimmte Berufe. Sie erweckt in ihr Achtung und Verständnis für jede schaffende Arbeit, die durch den Menschen, der sie leistet, erst ihren eigentlichen Werl und ihre Bedeutung erhält. Die Berufsberatung ist Helfer der Eltern und der Jugend. Mit ihnen zusammen stellt sie Eignung und Neigung der Jugendlichen fest, prüft sie die wirtschaftlichen Voraussetzungen der Ausbildung und die späteren Existenzmöglichkeiten Im gewählten Beruf. Ihre Aufgabe kann nur im Zusammenwirken mit den Eltern, der Schule und der .lugend ganz erfüllt werden. Die Frage, welcher Beruf gut oder schlecht ist, die oft vor der Berufswahl gestellt wird, kann meist gar nicht beantwortet werden, da sie am Wesentlichsten vorbeigeht. Worauf es zunächst ankommt, ist w irklich innere Umschichtung in der gesellschaftlichen Bewertung der verschiedenen Berufe, Achtung des berufstätigen Menschen nach seinen Leistungen und menschlichen Werten, unabhängig von dem von ihm ausgeübten Beruf. Hat man sich dazu durchgerungen, so ist man bereits der Berufswahl näher gekommen. Denn nun werden zuerst Eignung und Neigung des Berufsanwärters geprüft, und vom Ergebnis dieser Prüfung die Berufsentscheidung abhängig gemacht, sofern nicht unüberwindliche wirtschaftliche Iii nisse der Verwirklichung des SO festgestellten B;!\ Wunsches gegenüberstehen. Diese Feststellung ist besoi ers notwendig im Hinblick auf gewisse Uebertreibungen, i K11 man bei Behandlung von Fragen der Berufswahl in v (en Kreisen begegnet. Es ist irrig zu glauben, daß der Sim der Umschichtung darin liegt, z. B. zu verhindern, daB ein jüdl her .hinge Kaufmann wird, obwohl Eignung und Neigung für » >cn Beruf sprechen und auch gewisse wirtschaftliche Vorausse imgen erfüllt sind. Dies wäre genau so verfehlt wie die fr ere Mißachtung der manuellen Berufe. Es kommt nur dam;;: bei der Wahl des Berufes jene Vorsicht walten zu lassei die sich aus dem früher Gesagten ergibt. Darüber hinaus ber muH dafür Sorge getragen werden, daß die Ausbildung ii em gewählten Beruf eine möglichst gründliche und hochq hinzielte ist. In diesem Sinne soll auch nicht der Übergang um Handwerk schlechthin propagiert werden, auch hier tun genau geprüft werden, ob die Gewähr einer guten und g ridliehen Ausbildung gegeben ist. Es geht also nicht darum, ien ..guten" Beruf zu suchen oder einen „schlechten" abzulc en, sondern darum, für jeden jungen Menschen den Beruf zu ii en, der seinen individuellen Anlagen entspricht, und dann i für zu sorgen, daß er in diesem Beruf eine möglichst gute ei stungsfähigkeit erlangt. Aus: ..Jüd. Arn.- u. Wanderfflrsorge", März 929. SCHULPFLEGE UND BERUFSBERATUNG Von Edith Cohn, Berlin Schulpflege und Berufsberatung sind Sonderzweige der Wohlfahrtspflege. Sie lassen sich weder restlos in die Familienpflege eingliedern, noch decken sich ihre Aufgaben mit denen einer der drei Gruppen: WirtschaftsfUrsorge, Jugendw ohlfahrt, Gesundheitsfürsorge. Die Schulpflege wächst überall, da wo sie produktiv organisiert ist. über einen mechanischen Gesundheitsfürsorgeienst als Hilfskraft des Schularztes hinaus. Sie berücksichtigt die erzieherischen Aufgaben in engerem Kontakt mit der Lehrerschaft, als dies, von Einzelfällen abgesehen, der FamiHenfürsi rge möglich ist. Ferner gibt ihr die Verbindung mit dem i ternhaus und den Wohlfahrtseinrichtungen einen Einblick in die wirtschaftlichen Gegebenheiten und die Familiensituation, ledes Schulkind bedeutet ihr eine lebendige Einheit, zu deren Kraftentfaltung Schule, Haus und weitere Gemeinschaft beitragen sollen. Die Schulpflege leistet vermittelnde Arbeit. Die Berufsberatung (deren Inhalt und Organisation hier nur in ihrer Beziehung zur Schulpflege behandelt werden) enthält gleichfalls wirtschaftliche, pädagogische und hygienische Elemente, Bei aller Beachtung der Familiensituation und der volks« irtschaftlichen Momente w ill aber auch sie die Gesamt- Persönlichkeit des Jugendlichen selbst erfassen. Denn ihre Beratung soll ihm helfen, sich für einen Beruf, der seinen Ijitwicklungsinöglichkeiten entspricht, zu entscheiden, soweit diese Aufgabe in der bestehenden Gesellschaftsordnung subjektiv zu lösen ist. Ii: der Förderung des Einzelnen innerhalb der Gemeinschaft I egegnel sich also die Tätigkeit der Schulpflege mit der der Berufsberatung zum Zeitpunkt der Schulentlassung und Berufswahl des Jugendlichen. Bei solchen Ereignissen im Leben des Jugendlichen zeigt es sich, wie die Vorbereitung auf eine Lebensaufgabe erfolgt ist. Das sechsjährige Kind, das körperlich gepflegt wurde, und das im Umgang mit Menschen, möglichst mit Altersgenossen, seine seelischen und geistigen Kräfte üben konnte, wird sich beim Schuleintritt als schulfähig erweisen. Auch die Berufsfähigkeit bei der Schulentlassung ist eine Probe, ob die Maßnahmen von Haus und Schule zu einer gesunden Entwicklung der Jugendlichen geführt haben. Oft liegen die Schwierigkeiten, die sich beim Eintritt in Jas Berufsleben ergeben, schon lange zurück. Ihre Anfänge la -en sich oft bis in die frühe Kindheit verfolgen, in der, wie A ed Adlers Individualpsychologie es lehrt, sich der Lebensstil, ler Charakter des Kindes bildet. Ist es z. B. mißachtet geblie en, daß ein ehrgeiziges Kind Niederlagen scheut, so bleibt es vier Bcrufsberatcrin, die es neu kennen lernt, zuweilen unversi lieh, warum seine Berufswahl trotz guter Zeugnisse sieh tu zögernd und phantastisch vollzieht. In anderen Fällen la en sich Berufswünsche, die weder Neigung noch Fähigkeiten, i ch Zukunftsaussichten zu berücksichtigen scheinen, nur erkl. wenn man erfährt, daß sie hauptsächlich dazu dienen sollen, ms einer Familiennot herauszukommen. Die Berufsberatern! in sich nach allen Möglichkeiten um, die ihr das Leben und Sti en des Jugendlichen deutlich machen können. Bei ihren aufklä nden Vorträgen in den Schulen sucht sie die Fühlung, baut sie US durch Fragebogen, die von Schülern und Lehrern beantwi tel werden und steht in Verbindung mit den in Frage kommet en Wohlfahrtseinrichtungen. Im Zusammenwirken der Schulpf ge an den jüdischen Schulen und der jüdischen Berufsberatun in Berlin hat sieh gezeigt, daß ein reibungsloser Geschäftsverl lir zwischen den Ämtern beim Austausch der Schiilgesundlu sscheine und Fragebogen nicht ausreichend ist. Er ist die \ rbedingung für die Versorgung einer Anzahl einfach und ü sichtlich gelagerter Fälle. A1k.t nur bei verantwortlicher emein Schaftsarbeit der Schulpflegerin und der Berufsberai 1 können in lebendiger, vertrauensvoller Aussprache Differei en geklärt werden, wenn z. B. Vorurteile der Eltern, Utopien fl Jugendlichen und Härten des Wirtschaftslel>ciis auszuglei sind. Solche menschliche Vermittlungstätigkeit kann nicht di > Akten und noch so sorgfältige Gutachten ersetzt werden. Die Schulpflegerin kennt fast immer schon gerade schwierigen Jugendlichen. Oft erseheint ihr der Zeitpunkt Berufswahl als eine Gelegenheit, die Zukunft eines Schützli günstiger zu gestalten. Dies gelingt ihr nur mit Hilfe der f; liehen Kenntnisse des Wirtschaftslebens, die die Berufst» terin bietet. Die Berufsberateriii allein kann nach kurzfristi wenn auch intensiver Beschäftigung, eine Frage, wie z. B. '

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