Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 5 (1929)
- Issue
- 9 (1.3.1929)
- Date
- 1929-03-01
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 2 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG Nun | g Xiihl an, hin I69S (mit 1133) Uber tausend hinauszukommen. Seil \l^> sinki sie wiederum und hält sieli (bis auf das .lalir 1747) unter tausend, in manchen Jahren ganz bemerkenswert tief. V.s wird zu untersuchen sein, welche Ursachen dieses Auf und AI) herbeigeführt haben. Für manche auffällig niedrigen Zahlen er- Kibl sieh leicht die Erklärung. So wenn 1680 Iösi nur J.W> bzw. 103 (gegen 1678 : 763 und 1679 : 707) und 1713 I7N S2{) bzw. S38 (gegen '■ 1007 und 1715 : lins) Besucher eintrafen: In diesen Jahren herrschte die Pest im Lande. Sehr deutlich ist auch der Einfluß der schlesischen Kriege auf die Teilnahme der luden an den Messen bemerkbar. 1745 wahrend der Besetzung Leipzigs und Sachsens durch die Preußen und ebenso 1757 bis 1759, seit dem erneuten Einrücken der preußischen Truppen Ist die Zahl der Meßgäste tief hinabgedrückt. Zu einer äußerst interessanten Vermutung führt den Herausgeber eine Betrachtung der Angaben über die Qemeinden, Jenen die Meßfahrer angehörten. „Es scheint, als ob" in Zeiten und Verhältnissen, in denen aus den einzelnen Orten nicht so viele nach Leipzig reisen konnten, „in den Gemeinden das Bedürfnis . . . vorhanden w ar. auf alle Fälle selber durch ein Mitglied dort vertreten zu sein" und „wenigstens irgend jemanden aus ihrer Mitte zum Einkauf und Verkauf zur Messe zu entsenden". Die Liste der (iemeinden. aus deren Mitte Mcl.ibcsiicher die damals überaus beschwerliche Reise unternahmen, erreichte 1763 eine Höchstzahl von 103 Namen deutscher Orte. An zweiter Stelle steht der Zustrom aus Böhmen, Mähren, österreichisch« Schlesien und Ungarn. Keineswegs besonders stark war der Zuziii; aus Polen. Ganz schwach war das eigentliche Ausland vertreten. Zu Auswertungen solcher Art treten mm aber andere, die man bei der scheinbar trockenen Aneinanderreihung von Namen ,nii wenigsten vermuten würde. W ir gewinnen ein Kauz leben« diges liild von dem bunten Treiben während der Meßwochen. Die Meßbesucher richteten sich ihre Gottesdienste ein. und es Jähren 1694 1717, also 23 Jahre hindurch, fast regelmäßig der Messe gewesen, Aber nicht nur in kaufmännischer Tan begegnen uns Frauen. Ein Meyer Moses aus Dresden ersL mit seiner Frau Eva Meyerin und seiner Tochter Marie A alle als Musikanten, eine Frau Sophie aus Halberstadt, s«. bar allein, als Musikantin, ebenso (1762) eine Frau Sara Breslau mit einem Raritätenkästchen. Aus solchen nüchternen Aufzeichnungen sprechen s Lebensschicksale zu uns. W elche Lebenssorgen müssen solche Frauen getrieben hüben, sich hineinzustellen in d Strudel des Meßtreibens, das, auf die Verhältnisse jener Zi zurückgestellt, an Hast und Erregung wohl im Ausmaß, sicher nicht der Art nach dem heutigen nachgestanden hat: lesen wir auch manches andere aus den Lebensschicksalei Messebesucher. Wir sehen Söhne zuerst als Begleiter Väter, dann selbständig, und später wieder ihrerseits mit Söl zur Messe kommen. W ir erfahren, wie Männer Jahre hind mit ihrer Frau erscheinen, dann ohne diese, und dann wiede mit einer anderen, und erkennen, daß inzwischen der Tod Eheband zerrissen hat. Oder wir lesen von einem Manne, viele Jahre hindurch auf der Messe sein Geschäft selbst,i betrieben hat, dann aber als Angestellter im Dienste i anderen tätig ist. Es ist leicht zu ersehen, dal! diese Listen für die f a mili geschichtliche Forschung eine Fundgrube von g außerordentlicher Wichtigkeit darstellen. Sie geben Famil namen und Wohnorte bisweilen mehrerer Geschlechtsfo derselben Familien, sie weisen auf verwandtschaftliche Ziehungen so mannigfaltiger Art. daß man schon jetzt von i fast unerschöpflichen Fülle an Stoff sprechen darf. Fehlen a in den Listen die einflußreichsten und angesehensten Meßgii weil sie auf (irund der besonderen Frei- und Kammerpässe den Abgaben frei waren, so begegnen doch Personen gei die als Vorfahren heute wohlbekannter Namen von Inten;cii int na, Intus *-n ten 'er So ler rcr ich ^■in ler fehlte nicht au Rabbinern. Vorbetern und Schuldienern, die zu sind: Gebort aus Berlin, Toller aus Prag, Ephraims und <i. diesem Zwecke nach Leipzig kamen. Sie brachten sich ihre Diener, Köche und Köchinnen mit. Auch für Belustigungen aller Art war gesorgt. Eine ganz stattliche Zahl von Musikanton, Taschenspielern, „Gauklern" usw. stellte sich ein. Auch Arme fehlten nicht, die die Ansammlung einer so grollen Zahl von iiKist bemittelten (ilaubciisbrüderu und -schwestern benutzten, um Abhilfe für ihre Not zu suchen. Man muß den Mossebohörden zugestehen, daß sie solchen „Gästen" nicht verständnislos gegenüberstand, denn man erhob von ihnen keine Maut. Häufig kamen zur Messezeit auch Personen nach Leipzig, die. auf einer Reise begriffen, hier nur Gelegenheit abwarteten, mit anderen, die das gleiche Ziel hatten, weiterzureison. Auch ihnen kam man Ikü Abgabenerhebung entgegen. Aus den „Denkwürdigkeiten der QIQckele von Hameln" wissen wir. daß in jenen Zeiten die jüdischen Frauen ihren Männern in ihrem Gewerbe tätige Hilfe leisteten, und oft genug nach deren Tode die Geschäfte selbständig weiterführten. Über den Umfang dieser beruflichen Frauenarbeit geben die Meßlisten recht interessante Aufschlüsse. Wir sehen Frauen häufig ihre Männer zur Messe begleiten; später erscheinen sie dann als W itwen, nicht selten mit ihrem Personal wie mit Söhnen oder Töchtern. Die „Wertheimerin" aus Berlin ist in den perts aus Berlin und viele andere. Kein Zweifel: Die Veröfft lichung wird, wie wenige zuvor, das Interesse an der Fainii forschung außerordentlich steigern. Groß wird auch die Ausbeute an kulturgeschicl lieber Erkenntnis werden, die das Buch ermöglicht; es stattet gewisse genauere Rückschlüsse auf die Lebensvcrli nisse der Juden, ihre Verteilung auf Länder und Städte. Seßhaftigkeit oder Bereitschaft zur Wanderung (z. B. der M kaut Lox in Wölfl gibt 1696 und 1699 Breslau. 1696 und 1700 I Im als seinen Wohnort an; der Musikant Jacob Moses koi 1712 aus Breslau, 1719/1720 aus Dessau), ihre Boziehungei den NichtJuden (z. B. ein Baruch Wölfl kommt 1744 als Di< des Grafen V. Sohns nach Leipzig; ein Heinrich Samuel Königswart hat 170.? bei der kgl. poln. und kurf. sächs. Kam in Leipzig zu tun). Zur Kenntnis der Entstehung der jüdisv. Familiennamen liegt neues reiches Material vor. Sind dies alles auch Prägen, die nicht uns in Leipzig al angehen, so sind sie doch mit Leipzig so eng verknüpft, daß fast mehr noch als die anderen alle Veranlassung haben, i Herausgeber der Listen und der Oeselisch, z. Förd. d.Wissen d. Judenb. herzlichst für die so wertvolle Veröffentlichung danken. Rabbiner Oustav Coli; Reichsbund jüdischer Frontsoldaten S Ortsgruppe Leipzig Geschäftsstelle: Dr. Alfred J«coby, Leipzig C i, Peterssir. 22 Der Messeabend im neuen Gewände! Meßmontag, Jen 4. Mar/. 1929, 20 Uhr, in den Gold-Silbersalen des Centraitheaters (früher Kammcrmus.iks.uie, Hingang Dittrichring 19 MESSEABEND mit künstlerischen Darbietungen, Konzert, Überraschungen / Tanz Kapelle Waldo-Ohersdorf Volkstümlicher Eintrittspreis RM 1.— Alle Kameraden des R. i. F. und B. j. F. mit ihren Damen und Gästen, sowie l-'rcundc und Gönner sind herzlichst eingeladen Die Leipzigct Kameraden werden gebeten, I.ikorspcnden für unsere Bar bis Montag mittag an die Geschäftsstelle gelangen zu lassen Tischbcstcllungcn (für Leipziger Teilnehmer nur schriftlich; bis zum gleichen Zeitpunkte an Kamerad Dr. A. Jacoby, Petersstraße 22, erbeten