Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 5 (1929)
- Issue
- 7 (15.2.1929)
- Date
- 1929-02-15
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 GEMEINDEBLATT UHR ISRAHI.ITISCIIHN RHI.ICIONSC.HMHINUH ZU LEIPZIG Nummer 7 segnet." I »;ts Reich des Messias ruht auf dem Glauben an die Gewaltlosigkeit. In der messianischen Zeit werden die Völker umschmieden itire Schwerter zu Sicheln und ihre Lanzen zu Rebenmessern, und ein Volk wird gegen das andere keinen Krieg mehr (Uhren." Wer aller war der Gegenspieler dieses herrlichen Menschen? Der Vertreter der englischen Souveränität, der Vizekönig ein lüde! Sir Isaaks Rutus Lord Reading! Erinnert man sich noch, wie die jüdische Welt die Tatsache feierte, dal! in dem freisinnigen England ein .lüde eine so hohe Stellung bekleiden konnte. Welch ein Triumpf im Emanzipationskampfe! Wars auch ein Erfolg des Judentums? Nein! Ein solcher wäre es nur dann gewesen, wenn die Verbundenheit Lord Readings mit Jen Idealen des Judentums so stark gewesen wäre, daß er die dem Judentum verwandten Föne in der Hotschaft Gandhis gehört hätte. Mau sage nicht, dal! er dann seiner Amtspflicht nicht genügt hätte; denn aus diesem Verstehen wäre ohne Zweite! eine Verständigung entstanden und seine Diplomatenkunst wäre mit dein Kranze gekrönt worden, den das Judentum dem Sieger reicht, der aus einem Leinde einen Freund sich macht. Wenn, wie einst im Perserreiche Mordcchai zu Esther, jüdische Stimmen zu dein Juden auf dem Throne des englischen Vizekönigs gesprochen hätten: ..Wer weiß, ob Du nicht zu solcher Zeit um so ier Aufgabe willen zur Herrschaft gelangt bist," wenn diese: das Ohr Lord ReadiiiKs gefunden und er ihn kraft seines ,],. scheu Empfindens verstanden und ein Strom der Svm| beide Männer miteinander verbunden hätte, dann wäre die ein Kiddusch Haschern sondergleichen gewesen, dann hätte fü Judentum eine wahrhaft historische Stunde geschlagen, 111 es hätte seinen Lieblingsgedanken, „Frieden zu stiften zwn en einem Menschen und seinem Nächsten" in gigantischer V ise verw irklichen können. Her Beweis wäre erbracht worden.!,iü die Lehre des Judentums eine Lebensmacht sei. die Fi len zwischen Völkern und Kulturen stiften könnte, daß der Oed ike des Pricstertuins Israels unter den Völkern keine leere PI!V sei, Hin in Pesttagspredigten das Strohfeuer der Begeish zu entfachen, sondern daß das Judentum dieser seiner Me heitsaufgabe sich bewußt ist und das Wort des Prophet« öffentlichen Leben ihm Leitstern ist: „Israel, mein Volk ist du. durch dich werde ich verherrlicht." Der jüdische Vizekönig war dieser Mann nicht! Line i;. historische Minute verstrich ungenützt, ja unerkannt. V ann wird ein Moment in der jüdischen Geschichte wiederkehre! um solchen Perspektiven! Der Dichter Hugo Salus gestorben In Prag starb vor einigen Tagen der jüdische Dichter Hugo Salus. Die deutsche Literatur nennt eine ganze Gruppe jüdischer Namen, die von Prag aus ihre dichterischen Schöpfungen in die Welt sandten. Wer kennt nicht aus dieser reichhaltigen Reihe Max Hrod. Franz Werfel. Kafka. Haum. Salus gehört einer noch früheren Generation an. 1866 in Böhmisch- Leipa geboren, trat er als Prager Arzt gegen Lude des vorigen Jahrhunderts mit Gedichtsammlungen hervor, die ihn schnei! bekannt und beliebt machten. Seine Lyrik klingt in den dunklen, gedämpften Tönen Gedankentiefen Sinnes: feines Formempfinden macht sie anmutig ansprechend. Audi seine Novellen sind lyrisch. „Bilder und Sinnbilder, Gleichnisse, >eziehungsreich wie jede Lyrik". Seine jüdische Gesinnung 1?i sicli in einer Anzahl von Gedichten aus; es sei an du f| rezitierten erinnert: „Der hohe Rabbi Low", „Ahasver", ..AI lied" („Meinen Großvater hab ich noch gekannt, er truj Päckel über Land....."). Auch in anderen verrät sich jiidi^ es Empfinden, wenn froher Optimismus den Glauben an das 1 t< im Menschen zu wecken trachtet. So in dem Gedichte . Ier Meister", das wir zur Erinnerung an den Dichter liier w ie rgeben. DER MEISTER Die Jünger spradien also: „Hoher Meister, Du sprichst uns stets von unsres Volkes Geist, Der zukunftssicher uns die Wege weist; Wir aber sehn ringsum nur kleine Geister, Kleinliche Geister, die der Stunde leben, Sehn Arme, hochgereckt zu Fluch und 1 lohn, Und Arme, ausgestreckt um Sold und Lohn, Nichts Großes sehn wir rings in Tun und Streben! Künd' uns das Wunder, daß du doch vertraust, Und daß du gläubig in die Zukunft schaust!" — Der Meister neigt dasHaupt :„Ich will's euch sagen! Folgt mir empor! Ihr steht zu tief!" — Die Schar Folgt ihm zum Kulm des Bergs. Wie göttlich klar. Wie rein die Gipfel in den Aether ragen! Dann sprach er also: „Hier lernt tiefer schauen! Ich seh, wie ihr, der Brüder wogend Heer, Gestreckter Arme lodernd Flammenmeer, Ein Züngeln, Zucken, Flackern, Brodeln, Brauen, Ein leidenschaftlich wogend Armgewimmel, Millionen Arme, hoch gereckt zum Himmel! „Doch dieser Arme Glut geht nidit verloren! Seht, aus dem Brand, der diese Arme streckt l nd sie verlangend oder fluchend reckt, Wird eine Wolke meinem Blick geboren; Die seh idi schwer von meines Volkes Säften Schweben und schwellen. Schaut, im Morgenstrahl Steigt sie empor, sie füllt das ganze Tal. Die Wolke strotzt von ungenützten Kräften, Dodi sie birgt Blitze! Tragt zu Tal die Kunde: Die Wolke birst! Bald naht die große Stunde!"