Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 5 (1929)
- Issue
- 7 (15.2.1929)
- Date
- 1929-02-15
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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ßemeitiö eblatt DBR ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEM&INDE ZU I tl 07 I^L AMTLICHES NACH RICHTEN BLATT LiH I m Mm I\7 DER GEMEINDEVERWALTUNG« pu <,(imiiuleblfitt erscheint |rdm FrclUm und wird tli ii Mit^lU-cU m iht Itrli^ioiisKf'mrlnclr unenl yi li hdi dui.ii die Vost nuicfteUi - Schrtftleltuniti (iciri iiiilcrahbinrr liustitv Cohn, Ltip/Ii-, l.ohrstra.r in NUMMER 7 / JAHR6ANC 5 FREITA615* FEBRUAR 1020 Anielprnverwftltunfi und Druck! Buchdruckcrel tujiufl Pries, Lelptfgtt llrüdrrslr. 50 — leinrui "uinili — l'ustsdirtk l.t-ip/.i^ l< > -< > — Niidulrmk nur inu Quellen« Mi|nbe uiui mit OenehntguiMj det Vertanen Rcstfttcl EINE VERPASSTE GELEGENHEIT Gedanken über Mahatma Gandhis „Jung Indien" Von Rabbiner Dr. Aber, Bremen In jedem von uns, der in der Welt jüdischer Gedanken lebt und weht, lodert eine geheime Sehnsucht, die Taue zu schauen, in denen die Fülle sittlicher und religiöser Kräfte, die im Judentum schlummern, das Angesicht der Welt, in allen sichtbar, umformen. Hierauf beruht der niessianische Gedanke im Judentum, der jedoch nie ein Vertrösten auf das linde der Tage bedeuten wollte, sondern stets mit einem ..bimheroh b'jomenu" bald in unseren Tagen, mit einem „ba'agoloh bisman koriw" schnell in naher Zeit sich verband. Wer aller von dieser Sehnsucht erfaßt ist, empfindet es schmerzlich, wie müde der jüdische Wille geworden ist, wie Itnsei Glaube an die Gestaltungskraft jüdischer Ideale so stark erschüttert ist, da Ii wir nicht einmal den Hlick für die Chancen uns bewahrt haben, die das Schicksal uns gibt. Wenige Jahre erst sind es her, dal! dein Judentum ein solcher wahrhaft historischer Moment beschieden ward, der leider nicht erkannt wurde. Denn die Weltgeschichte kündet eben ihre Kroßen Augenblicke vorher nicht wie eine Veranstaltung an und der moderne Mensch beachtet vielfach nur das. was zuvor ihm .iiik ündigt wird. In dein Zusammentreffen des grollen Inders Mahatma Qai Iii mit dem englischen Vizekönig von Indien Sir Isaaks Rufus l.ord Reading wird vielleicht später der Historiker unserer Zeil inen weltgeschichtlichen Augenblick grollten Formats erbücl n. Seitdem Komain Rolland sein herrliches Much Uber Qai Iii schrieb, ist dieser grolle Inder dem geistigen Europa keii Unbekannter mehr. Nach der Lektüre seiner Reden in der S;n iilung Jimg-Indicn und seiner Briefe aus der Qefängniszeii inu der jüdische Leser an den Ausspruch .Inda halevis im Kusarl denken: Wisse, wer auf einen Propheten stößt, fühlt in Sich einen neuen Geist erwachen, fühlt sich von anderen Mensch i durch Lauterkeit der Gedanken, durch Verlangen nach böl rer Stufe des Menschentums, durch Festhalten an Demut WH Reinheit geschieden. Hier wirkt unseren Propheten ver- W t eine Persönlichkeit, eine grolle Seele das bedeutet Mi itma - die durch die ihr innewohnende religiöse Kraft den pol scheu Willen von nicht weniger als dreihundert Millionen Mi ehen formt. Und wenn diese Schriften uns zu nichts andei in anregten als zu einem lebendigen Verständnis unserer eiien Propheten aus der durch Gandhis Kampf gewonnenen An- :hauung heraus, dann kann ihre Lektüre bedeutsam werden. Dl ilier kommt die tiefere Verwandtschaft, die die Ideen Gandhis, so sehr er auch in gew issen Dingen in hinduistische Anschauungen sich gebunden fühlt, mit den Lehren des Judentums aufzeigen. Denn seitdem der letzte der Propheten Israels das Wort gesprochen hatte: Vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Untergang ist groll mein Name unter den Völkern, hat das Judentum immer ein feines Gefühl für diejenigen Bewegungen gehallt, die in der Richtung des eigenen Strebens lagen. Nur aus solcher Kulturoffenheit heraus konnte der Begriff der h'rommen unter den Völkern der Welt geschaffen werden, zu denen wir Gandhi ohne Hedenken zählen. Was Moritz Lazarus an Jeremias rühmt, daß er alle politische Moral verdamme, die nicht zugleich moralische Politik sei, ist auch das politische Bekenntnis des grollen Inders. „Ich habe", sagt er einmal, „bei mir selbst und meinen Freunden versucht, Politik mit Religion zu verbinden. Mit Religion meine ich nun nicht die der Hindu, sondern ich meine die, die über allen Hinduismus hinausgeht, die den Menschen bis in die Tiefen der Seele verändert, unlöslich mit der ewigen Wahrheit verknüpft und darum unablässig läutert. Religion ist das Unverrückbare im Menschen, das keine Anstrengung zu groll findet, um zur vollen Entfaltung zu gelangen, und das die Seele nicht ruhen läßt, bis sie sich selbst gefunden, ihren Schöpfer und die wahren inneren Beziehungen zw ischen ihm und sich selbst erkannt hat." Das religiöse Prinzip, das Gandhi in das politische Leben übernimmt, ist der Gedanke der Gehaltlosigkeit. Alüsina. Auf dem Wege der Gehaltlosigkeit, verbunden mit der Forderung der NonCooperation, d. h. der Auffordeurng, der englisch-indischen Regierung jegliche Mitarbeit zu versagen, will er ohne Blutvergießen das Joch der britischen Herrschaft brechen. „Gewalt ist das Gesetz der Bestie, Gehaltlosigkeit das unserer Art. Der Geist schlummert in der Bestie, so daß sie kein anderes Gesetz kennen kann als das der physischen Kraft. Die Würde des Menschen fordert Lrgebung au ein höheres Gesetz, an die Kraft des Geistes." Wer denkt bei einem solchen Ausspruch nicht sofort an die prophetische Verkündigung: „Nicht durch Kraft und nicht durch Stärke, sondern durch meinen Geist, spricht Gott." Die Lehre Gandhis enthält somit hinsichtlich der Forderung der Gehaltlosigkeit für uns Juden keinen neuen Gedanken. Dali Gehaltlosigkeit, dal! Frieden eine Macht sei. spricht der Jude immer und immer wieder durch das Wort aus: „Gott gibt Macht seinem Volke, dadurch, dal! er sein Volk mit Frieden