Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 5 (1929)
- Issue
- 6 (8.2.1929)
- Date
- 1929-02-08
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
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g .binar 1920 GEMEINDEBLATT DER 1SRAH1.I IISCMKN RHLIGIONSGEMI-1NDK ZU LEIPZIG Seite 3 \\ ndcrcr muH die Empfindung haben, daß es in seinem Intcre e liegt, liier ZU bleiben, um selbst daran mitzuhelfen, wieder eordnete Verhältnisse zu kommen. Aueli das Bedenken der I huhu der Juden zur landwirtschaftlichen Arbelt ist nicht Kauz ihaltig, denn wir können in Hunderten von Fällen den Beweis ei ringen, dBfl .luden auch in Deutschland sich in der Landwlrtv H ausgezeichnet bewährt haben. In einem solchen Betriebe d< nicht auf Vollwertigkeit der Arbeit (iewicht legen kann, mfls- Sl sie sich um so eher bewähren. Es kommt noch hinzu, daß wir i, cht die Absicht haben, die Wanderer, die in der Kolonie m rgebracht werden, zu landwirtschaftlichen Arbeitern zu erziehen, wenn dies für den Einzelnen auch nicht ausgeschlossen ist. Die Kolonie soll lediglich ein Übergangsheim sein, bis es gelungen ist, den einzelnen Wanderer auf Grund seiner Eignung und Fähigkeit in Arbeit zu bringen. Entscheidend für die Frage der Kolonie ist die Frage des Leiters. Wir haben kaum Fachleute auf diesem Gebiet, und es ist sehr fraglich, ob w ir jemanden finden werden, der sowohl sozial-politisch wie landwirtschaftlich und verwaltungstechnisch in der Lage ist, eine solche Anstalt zu leiten. Doch ist dies eine Frage, die erst späterer Erwägungen bedarf. Aufruf zur Schaffung einer Jüdischen Arbeiterkolonie (Hauptstcllc für Jüdische Wandcrfürsorgc, Berlin N 24, Au;uststr. 17. Postscheckkonto Berlin 9156) Das deutsche Judentum hat sich in der Hauptstclle für jfleh; e Wanderfürsorge das Organ geschaffen, das der Regcluni der jüdischen Wanderung und ihrer Fürsorge in Deutschdient. Nachdem die mannigfachen Organisationsformen dei Vorkriegszeit, um die sich hervorragende Persönlichkeiten des deutschen Judentums lange Zeit bemflhten, durch den Krieg um! seine Nachwirkungen ihr linde fanden, ist es nunmehr der Ii, tstelle in den wenigen Jahren ihres Bestehens gelungen, ein geschlossenes Netz von Landes- und Provinzialverbänden aul und auszubauen, die die Fürsorge für alle jüdischen Wanderer innerhalb Deutschlands ausüben. Line neue Form der hen Wanderfürsorge hat damit begonnen: DerjfldischeMensch,dersichaufderW a n - de r 11 n g befindet, hat es nicht meIi r nö ti g. sich von Qemeinde zu (iemeinde durchzu■ schnorren, er hat es nicht mehr nötig, in d i e Häuser zu geh e 11, u m sich die notwendigen Mittel für seinen Lebensunterhalt zu erbe 11 e I n. Jede Fürsorgestelle ist in der Lage, kraft der finanziellen / mmenfassung aller Gemeinden ihres Bezirkes weitreichende H imaBnahmen zu ergreifen. Rechtsschutz zu erteilen, imm telbare Beförderungen in die Heimat vorzunehmen, im Einzel die durch Verbindung mit dem jüdischen Arbeitsnachweis V eil zu beschaffen. Im Verlaufe der mehrjährigen Tätigkeit der Hauptstclle für ji sehe Wanderfürsorge hat sich al>er gezeigt, dal! es eine 1 e von Menschen gibt, die sich ohne weiteres in den ProzeB Wirtschaftslebens nicht wieder einordnen lassen. Für diese ischen besteht heute keine andere Möglichkeit, als auf der i dstraBe zu bleiben. TIMM) SIMM) .1 u d e n w a ndem all j ä h Mich innerh a I h D e 11 t s c h I a n d s , f Teil von ihnen befindet sich auf Arbeitssuche, ein anderer 1 il will nach der Heimat reisen, andere wiederum warten auf I matspapierc. Staatenlose auf Regelung ihrer Staatsaugeigkeitsverhältnisse, Strafentlassene auf die Möglichkeit, sich der iu das Wirtschaftsleben einzuordnen. Die Erschütterung jüdischen Wirtschaftslebens Deutschlands, insbesondere die astrophale Lage des jüdischen Mittelstandes, das Schwinden Rentnerschicht zwingen heute Juden jeden Alters in starrem Malle zur Wanderschaft und zur Arbeitssuche. Dem tischen Arbeitsnachweis kann es bei der gegenwärtigen kriihaften, und dauernden allgemeinen Arbeitslosigkeit nicht <ner gelingen, jeden jüdischen Arbeitslosen in Arbeit unterztiingen. Ls fehlt eine Institution, die es ermöglicht, Menschen 11 der Straße fernzuhalten, die es erlaubt, ihnen vorüberhe'id Arbeit und Nahrung zu geben. Die beste Organisation muh dem P r 0 b 1 e tn der Wanderfflrsorge hi 1 f10s gegen0bers t e Ii e n, wenn es ihr nicht gelingt, sich die Möglichkeit zu verschaffen, unabhängig vom Arbeitsmarkte einzelne Menschen in Unterkunft und Arbeit zu bringen. Alle Projekte sind erwogen worden. Die vielfachen Erfahrungen der letzten Jahre haben gezeigt, dal! insbesondere die rein gewerblichen Unternehmungen ungeeignet sind. A 11 e F a c Ii I e u t e 11 n d f ii h r e n d e 11 P e r s ö n 1 i C h - keiten d e r Wanderfflrsorge sind sich darüber einig, dal! wirkliche Aussicht au f durchgreifenden Erfolg nur eine Arbeiterk 01 on 1 e auf I a n d w i rts c haf 111 c h - g ä r tnerischer Basis mit Arbeitswerkstätten aller Art geben kann. Die christliche und allgemeine Wandcrfürsorgc verfügen Uber einige hundert derartiger Anstalten, die zum Teil Ausgezeichnetes und Vorbildliches erreicht haben. Das deutsche Judentum verfügt nicht über eine einzige derartige Institution, obwohl z. B. allein die Notw endigkeit, jüdischen Strafgefangenen vorübergehend Unterkunft und Arbeit zu beschaffen, sich täglich dringender erw eist. Die zu gründende Arbeiterkolonie w ird nicht nur Arbeit und Brot geben, sondern sie wird auch die Möglichkeit zulassen, pädagogisch auf die Wanderer einzuw irken, und wird uns erst durchgreifend in die Lage versetzen, im Zusammenhang mit den jüdischen Arbeitsnachweisen für baldige Wiedereinordnung in das Wirtschaftsleben selbst zu sorgen. Die jüdischen Landesverbände Deutschlands haben sich mit dein Projekt der Hauptstclle befallt, bedeutende Fachleute sind zur Begutachtung herangezogen worden. Es ist ein landwirtschaftli C h -gärtnerische s ProjektinAussichtgen0mmen m11der Möglrchke11, vorläuf ig täg 1 i c h 50 W a n d e r e r auf zun e h 111 e n. Diese Zahl wird sich durch Ausbau des Betriebes im Laufe der Zeit vervielfachen lassen. Das Projekt beansprucht einen Kostenaufwand von etwa 300000 M. Reich und Staat haben ihr Interesse für diese erste jüdische Arbeiterkolonie iK'kundet und ein Darlehen von 60000 M. bewiligt. Die Arbeitsgemeinschaft der jüdischen Landesverbände hat ihre Zustimmung bereits gegeben. Ls ist zu hoffen, dal! alle jüdischen Landes- und Wohlfahrtsverbände Deutschlands diesem Projekt ihre Aufmerksamkeit und ihre Unterstützung schenken werden, da es sich hier um eine der ernstesten Wohlfahrtsfragen des deutschen Judentums handelt. Die Landesverbände Bayerns und Sachsens haben ihre Sympathie bekundet und ihre finanzielle Unterstützung in Aussicht gestellt. Der Wohlfahrtsausschuß des Preußischen