Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 5 (1929)
- Issue
- 6 (8.2.1929)
- Date
- 1929-02-08
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 2 GEMEINDEBLATT DLR ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG Nimiiii i, Kontinent erleben, wird das Problem des ausländischen, staatenlosen Arbeiters, der kein Recht auf Aufenthalt und Arbeit hat, zu einem fast unlösbaren und damit auch zu einer außerordentlichen Belastung der jüdischen Wohlfahrtspflege. Diese stellt liier einer großen Anzahl vcii Menschen gegenüber, die dauernd gehetzt werden, weil sie nicht in der Laue sind, den polizeilichen Anforderungen, die für den Ausländer vorgeschrieben sind, zu entsprechen. Arbeiten dürfen sie nicht, und leben müssen sie. Es darf also niemanden Wunder nehmen, .> enn sie d u r c h zie 11 os e s W a nd ern von Ort /. u Ort und durch Inanspruchnahme der Provinzialkassen ihren L e b e n s u n t e r Ii a 1 t zu bestreiten versuchen. \\ er nun einmal diese Art der Wanderuns angetreten hat. der ist naturnotwendig gezwungen, immer wieder zu wandern, denn in den meisten Fällen wird ja nicht einmal der Versuch gemacht, diese Art der Wanderer seßhaft ZU machen und in Arbeit /.u bringen. Da diese Wanderer meist kein Reiseziel haben, oder sehr bald festgestellt wird, dal.i das von ihnen angegebene Reiseziel nur fiktiv ist. können sie auf Grund der Richtlinien der Hauptstelle nicht befördert w erden. Da sie auch keine Unterstützung erhalten, sind sie geradezu gezwungen, dem ilausbcttel zu verfallen, sie kommen sehr bald auf die Warniiu^sÜste und sinken so immer tiefer in das Lumpenproletariat, .itis dem ein Aufstieg nur selten möglich ist. Die Provinzialkassen stellen diesem schwierigen Problem hilflos gegenüber. Befördern sollen sie nicht, da ein Reiseziel nicht vorhanden ist; am Ort belassen wollen sie den Wanderer nicht, da sie sonst gezwungen sind, längere Zeit für seinen Lebensunterhalt zu sorgen. Da hilft mau sich nun. indem man dem Wanderer einen größeren oder kleineren Qeldbetrag in die Hand drückt und ihm bedeutet, nunmehr sein QIQck bei einer anderen Qemeinde zu versuchen. So wird diese wilde Wanderung indirekt von den Provinzialkassen sehr oft gefördert. Im Verlauf ihrer Wanderung kommen fast alle diese ziellosen Wanderer nach Berlin, und hier steht man nun vor der Aufgabe, ihnen zu helfen, Es sei zugegeben, daß die Möglichkeit der Hilfeleistung nach mancher Richtung hin in Berlin größer als sonstwo in Deutschland ist. aber für die Dauer ist es auch für Berlin nicht möglich, alle diese traurigen und hoffnungslosen Lalle zu bearbeiten. In Berlin, wo früher eine große Herberge bestand, die geschlossen werden mußte, wird nun der Versuch gemacht, diese Wanderer in privaten Schlafstellen unterzubringen, und sie dann vom Wohlfahrtsamt der .Indischen Qemeinde aus zu betreuen. Hat man einen solchen W anderer durch Unterbringung :n einer Schlafstelle erst einmal sclihaft gemacht, und versucht m.in nun. seine Verhältnisse zu ordnen, seine Staatsangehörigkeit festzustellen oder seine Legitimierung durchzuführen, so gelingt es auch, ihm bei intensiven Anstrengungen dauernd zumindest vorübergehend Beschäftigung zu verschaffen. Erwähnenswert ist nach dieser Richtung hin die großzügig ausgebaute Brockensammlung und Kleiderkammer des Wohlfahrtsamtes der Jüdischen Qemeinde Herlin. die die Möglichkeit gibt eine größere Zahl gelernter und ungelernter Arbeiter zu beschäftigen. Dadurch, dal! man den Wanderer nunmehr beobachten kann, dalj man ihm die Möglichkeit der Ruhe und Sammlung gibt, läßt sich, wenn auch mit Schwierigkeiten, im Einzelfall bestimmt eine Lösung finden. Aber diese Hilfsmittel reichen nicht aus, können nicht genügen, um der großen Zahl dieser staatenlosen Wanderer wirksame Hilfe zu geben, insbesondere deshalb nicht, weil neben ihnen eine zweite Gruppe von Wanderern vorhanden ist. bei deren BefürsOTgung ebenfalls mannigfache Schwierigkeiten zu überw inden sind, denn auch sie passen nicht in den Rahmen der Richtlinien, und auch sie bedürfen einer weitgehenden individuellen BefÜrsorgung, die nur dann möglich ist. wenn der Wanderer seßhaft gemacht wird. Ich denke hier an die «rolle Zahl der Wanderer, die wohl in Deutschland staatsangehörig oder als Ausländer hier bereits geboren sind. La ist hier auf die Lage des jüdischen Handelsangestellten in Deutschland hinzuweisen, auf die Tatsache, dal! die Verdrängung des jüdischen Arbeitsnehmers immer größ« n Umfang annimmt Eine große Zahl jüdischer Handelsanges ter und sonstiger Arbeitnehmer, die in ihrer Heimat keine . ieschäftigung finden können, geht auf die Wanderung, zuvu mit der Aussicht auf eine Arbeitsstelle, meist ganz ziellos, wohl gerade in diesen fällen die jüdische Wanderfürsorge id Wohlfahrtspflege, die letzten Endes doch nur Ergänzungs rsorge sind, nicht eingreifen sollen, ist es nicht zu verbind n, daß auch diese Wanderer zu einer Belastung der jüdis>; Wanderfürsorge werden. Rechtlich ist ihre Situation klar. Di j, einen geregelten und weit ausgedehnten Ausbau des jüdise en Arbeitsnachweiswesens könnte manchen dieser Menschen lie Wanderung erspart werden. Leider sind wir noch nicht so v it. anderseits stellen wir vor der nicht wegzuleugnenden Tatsa e, daß die moralischen Schäden der Nachkricgs- und Inflatii szeit auch für das deutsche Judentum «roll waren. Die Mö^l ikeit, die in der Inflationszeit gegeben war, (ield in grölic. m Ausmaße leicht verdienen zu können, die allgemeine Locker g der Rcchtslicgriffc haben eine grolle Zahl von .luden in Dein- - land Straffällig gemacht Gerade jetzt wird das Problem Strafentlassenen auch für uns aktuell. Jene Leute, die währ d oder kurz nach der Inflation sich irgendwelcher Vergehen sei .!- dig gemacht haben und bestraft wurden, kommen jetzt zur I - lassung. Die Unterbringung eines Strafentlassenen ist in vi« n Fällen schwieriger als die eines Ausländers. Es bedarf wochi i- und monatelanger Arbeit, bis es gelingt, einen derartigen M< i sehen wieder in eine Arbeitsstelle zu bringen. Um aber ei e Betreuung der Strafentlassenen wirklich durchführen zu k - neu und sie vor zweckloser Wanderung zu bewahren, ist es i wendig, sie erst einmal in ordentliche Unterkunft zu brinu i. Dazu ist die jüdische Wanderfürsorge hellte kaum in der La e. Die wenigen jüdischen Unterkunftsheime, die vorhanden si!. dienen nieist nur den Zwecken der Durchwanderung, sie s J für Unterbringung für längere Zeit nicht geeignet Für die k neren Qemeinden ist eine solche Unterbringung oft auch . - finanziellen Gründen kaum möglich. Die Folge ist dann, i auch diese von den Gerichten bereits gezeichneten Mensel auf die Wanderung gehen; auch sie geraten immer tiefer in » n Abschaum der Großstädte, werden wieder rückfällig, gel; und bestraft und sind nunmehr dazu verurteilt, rettungslos gründe zu gehen. Neben diesen zwei Qnippen, den Staati - losen und den Strafentlassenen, ist auch in der jüdischen W derfürsorge, wenn auch in kleinerem Umfange, der Typus i s asozialen und pathologischen Wanderers vorhanden, di n ebenfalls nur durch Unterbringung und sorgsamste Betreut - geholfen werden kann. Diesen Objekten unserer Fürsorge stehen w ir völlig hilf gegenüber, da es uns an Einrichtungen fehlt, die es uns ermi liehen, eine bestimmte Anzahl von Menschen längere Zeit mit zubringen und zu beschäftigen, bis es gelingt, jeden eInzell wieder in geordnete Verhältnise zu bringen. Das Direktori der Hauptstelle hat sich monatelang mit diesem Problem schäftigt, ohne eine befriedigende Lösung finden zu könn Nach laugen Vorbereitungen und Verhandlungen ist man dem Entschluß der Schaffung einer derartigen Anstalt gck< men. Gedacht ist dabei an eine landw irtschaftliche Kolonie äl lieh den Bodelschwinghscnen Anstalten sowie den Arbeit kolonien. die bei der allgemeinen Wanderfürsorge seit Ja' zehnten vorhanden sind und nicht ohne Erfolg ihre Aufgabe i füllen. Die Bedenken, die gegen ein solches Projekt sprech< sind bekannt. Die Abneigung der Juden gegen Kasernieru die Frage der Fähigkeit zur landwirtschaftlichen Arbeit, ( Problem des Leiters, all dies sind Fragen, die einer ernsten I ratung bedürfen. Voraussetzung ist. dall die zu schaffende A slalt keine Zwangsanstalt und keine Kaserne sein darf. Sie m der Mentalität und Eigenart der von uns betreuten Elemei entsprechen, sie kann nur dann ihren Zweck erreichen, vvi sie vom Wanderer freivv illin aufgesucht wird, was übrigens au bei den meisten anderen bestehenden Kolonien der Fall ist. 11