Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 5 (1929)
- Issue
- 6 (8.2.1929)
- Date
- 1929-02-08
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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ßemeuiöeblatt [ER 16 RAE LI TISCHEN RELIGIONSGEM&INDE ZU LEIPZIG AMTLICHES NACH RICHTEN BLATT DER GEMEINDEVERWALTUNG! 1' i Ci'nirliKtrbtatl crsilicinl |rdrn Irrlt.m und wird MifKlirdi'rn dw H>'ll)(loiisK«'nH'liidc um-ntKt-ltlidi durdi die zugestellt — Schrlftleltungt (. irlndfrabblnrr (lustav Cohn, Li'lpzl)[, l.ölirstrBUc IO NUMMER 6 / JAHRGANG 5 FREITAG 8» FEBRUAR 1020 An/dm inriu, tliiin^ und Dnuk: Hiidulriukrrrl August PrU s, Leipzig, Hrüdrrstr. 5«J - 1 Vrnruf 7000Ö - Pütt« sdirck Leipzig 5jy 2() — Nadulrmk nur mit (Jm-llmaiiKabc und mit lit'nehmlfiung des Vorfmcn m'sl.ittrt Aus dem Aufgabenkreis jüdischer sozialer Arbeit VORAUSSETZUNGEN UND NOTWENDIGKEITEN EINER JÜDISCHEN ARBEITERKOLONIE Von S. Adler-Rudel, Berlin Seit langem beschäftig! der Plan der Schaffung einer ludischen Arbeiterkolonie die „Hauptstelle für Ifldische W anderfflrsorg e". Nach eingehender Vorberatung und Vorbereitung soll nunmehr die breitere jüdische Öffentlichkeit für die Durchführung des Planes gewonnen werden. Um unsere Leser über die Qedanken zu unterrichten, die für die neue Einrichtung ausschlaggebend sind, «eben wir die Ausführungen wieder, die der für die Verwirklichung so rührige Verfasser in der Mitgliederversammlung der „Hauptstelle" im Mai \'>27 gemacht hat Die Schriftleitung. Während die allgemeine Wanderfürsorge fast ausschließlich Wanderer deutscher Staatsangehörigkeit zu betreuen hat und nur einen geringen Prozentsatz von Ausländem aufweist, steht die jüdische Wanderfürsorge einein außerordenti großen Prozentsatz ausländischer Wanderer gegenüber, v - schon von vornherein eine Erschwerung der Arbeit bctet Soweit es sich bei dein ausländischen Wanderer um ( ii Durchwanderer handelt, der im Besitz ordnungsmäßiger I lierc und eines bestimmten Reiseziels ist, dem lediglich die 1 Idmittel für seine Reise ganz oder zum Teil fehlen, ist die für notwendige Hilfeleistung verhältnismäßig einfach. Hier hanes sich lediglich um die Bewältigung eines organisatorischen blerns und um Aufbringung der für die Reise notwendigen 1 Idmittel. Diese Arbeit ist zwar kostspielig, aber Immerhin lit zu bewältigen. Schwieriger wird das Problem des wallenden Ausländers aber, wenn er ohne Papiere nach Deutschd eingereist ist und hier erst nach monatelangen Verbandsren in den Besitz der notwendigen Reisedokuniente gelangen an. Noch schwieriger wird die Aufgabe, der wir gegenüber* hen, wenn der Ausländer überhaupt nicht in der Lage ist, ic Staatsangehörigkeit nachzuweisen, wenn er zum Kreis r sogenannten Staatenlosen gehört. Hier stoßen wir schon i eine außerordentlich schwierige Präge, die für die andere anderfflrsorge kaum vorhanden ist. Die Staatenlosen sind llcicht die bedauernswertesten Opfer des Krieges; die ErhUtterungcn des europäischen Ostens, die zum Zerfall alter taateu und zur Entstehung neuer Staaten geführt haben, haben s Problem der Staatenlosigkeit in einem bisher nicht gekannten Umfang aufgerollt. Dadurch, daß diese Erschütterungen hauptsächlich in jenen Teilen Kuropas erfolgt sind, in denen die Juden in Massen siedeln, ist die Zahl der jüdischen Staatenlosen außerordentlich groß. Durch den Krieg und seine Polgen sind ungeheure Menscheniiiassen in Bewegung geraten, sie drängten nach dem Westen, wo sie Ruhe und Arbeit zu finden hofften. Bei der geographischen Lage Deutschlands ist es kein Zufall, daß ein Teil dieser Menschen den Weg über Deutschland nahm und hier längere oder kürzere Zeit bleiben mußte. Soweit Ruhe im Osten eingetreten ist, konnten diejenigen, deren Staatsangehörigkeit geklärt war, in ihre Heimat zurückkehren oder nach Übersee auswandern. Die anderen aber, deren Staatsangehörigkeit nicht mehr festgestellt werden konnte, und die infolgedessen nach den neuen osteuropäischen Staaten nicht zurückkehren konnten, blichen in Deutschland oder wanderten westwärts. So lange die deutsche Wirtschaft aufnahmefähig war. konnten sie hier durch ehrliche Arbeit ihren Lebensunterhalt bestreiten. Die Ruhrbesetzung und die nach Beendung der Inflation einsetzende Wirtschaftskrise trafen diese staatenlosen Arbeiter am schwersten. Sie wanderten westwärts nach Frankreich und Belgien. Die bald einsetzende Stabilisierung der Wirtschaft betraf naturgemäß den eben erst eingewanderten ausländischen Arbeiter am schwersten und zwang ihn erneut zur Wanderschaft, die w iederum über Deutschland führt. Oerade der ausländische Arbeiter hat es auch in Deutschland besonders schwer, da jeder Beruf und jede Betätigung außer der des Arbeiters dem Ausländer eigentlich freisteht. Der Ausländer bedarf, um in Deutschland bleiben zu dürfen, lediglich eines Passes und einer Aufenthaltserlaubnis. Der ausländische Arbeiter benötigt darüber hinaus noch die Oenehnügung zur Arbeit, die allerdings nicht an seine Person, sondern an den Arbeitsplatz gebunden ist. Er ist damit, sofern sich Oberhaupt ein Arbeitgeber findet, der sich der Mühe unterzieht, die Genehmigung zur Beschäftigung eines ausländischen Arbeiters zu erlangen und die daraus entstehenden Kosten zu tragen, diesem Arbeitgeber ausgeliefert. In einer Zeit normaler Wirtschaftskonjunktnr wäre dieses Problem wahrscheinlich weniger kompliziert. In einer Periode der Arbeitslosigkeit aber, wie wir sie jetzt nicht nur in Deutschland, sondern fast auf dem ganzen