Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 5 (1929)
- Issue
- 3 (18.1.1929)
- Date
- 1929-01-18
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/4876568-5968790-5969075--2234-4879841- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Ib. Januar 1929 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG Seite 3 e am raschesten in den Besitz Emillas kommen soll, ist er h, .it, das Urteil zu unterschreiben, ohne einen Blick hineinz in. Nur zwei Worte findet er, als Ihm sein Rat das Aktens ,| «eben will. Diese beiden Worte „recht Kern" kennzeichn die Art und Weise, mit der man so oftmals über ein M ischenleben hinweggegangen Ist und noch hinweggeht, i iing zeichnet im Qegensatz dazu CamlUo Rot als einen Et lmenschen, der, um eine Übereilte Unterzeichnung des | surteils zu verhindern, im letzten Augenblick den Vorwand gi nicht, daß er doch lieber das Todesurteil an einein andt;n Tage vorlegen möchte. Bekanntlich ist Lessings äußeres Leben wenig erfolgreich gl jsen. Vielleicht wäre dies anders gekommen, wenn er Sl ere Konzessionen an seine Umwelt zu machen verstanden Iii . Aber niemals hat er, um eine Brotstelle „zu halten". Ii dwie seine Feder verkauft. In einer Zeit wie der unseren, in r der Mainnionismus die Seelen verdirbt, dürfte auch hier du Beschäftigung mit Lessing vielleicht manchen noch auf de v*eg wahren Menschentums führen. So ist es verständlich, daü Lesshlg Freimaurer wurde; verkörperte ja damals die Freimaurerei eine Stufe der Menschenliebe, die LessiiiK allzu.. 11 mußte. Aus jenem Geiste heraus hat er seine Schrift „Ei sl und Falk" geschrieben. Die beiden jungen Freunde gehen an einem erquickenden Morgen spazieren und sprechen übei die Gedanken, die sie bewegen. Bemerkenswert ist auch, was er in diesem Zusammenhang über den Staat saut. Sie koi neu auf diese Präge, als sie die Ameisen in ihrer gescl ftigen Zusammenarbeit betrachten. „Die Staaten," so sauen sie. „vereinigen die Menschen, damit durch diese und in dieser Ve inigung jeder einzelne Mensch seinen Teil von Glückst keil desto besser und sicherer genießen könne." Seine weltbürgerlichen Ideen baute er weiter aus in seiner Abi mdlung: „Die Erziehung des Menschengeschlechts". Fr gt . durchaus nicht von den historischen Religionen aus, sie sind für ihn alle nur ein Durchgangsstadium. Fr träumt von einem Reiche der Zukunft. Was für den einzelnen Menschen dir Erziehung bedeutet, das ist die Offenbarung bei dem ganzen M schengeschlecht „Erziehung Kibt dem Menschen nichts. V, er nicht aus sich selbst haben könnte: sie Kibt ihm das, v er aus sich selbst haben könnte, nur geschwinder und I, iter. Also «ibt auch die Offenbarung dem Mcnschcngi hlechte nichts, worauf die menschliche Vernunft, sich selbst Ol rlasscn, nicht auch kommen würde: sondern sie Rah und s ' Ihm die wichtigsten dieser Dinge nur früher. Wenn auch dt erste Mensch mit einem Begriff von einem Einigen Gott s rt ausgestattet wurde: so konnte doch dieser mitgeteilte nicht erworbene Begriff unmöglich lange In seiner Lauterkeit bestellen. Sobald ihn die sich selbst überlassenc menschliche Vernunft zu bearbeiten anfing, zerlegte sie den einzigen Unermeßlichen in mehrere ErmeBlichere und gab jedem dieser Teile ein Merkzeichen." Lessing schildert dann, wie gerade das israelitische Volk von Qott ZU seiner Aufgabe auserwähll wurde. „Ein Volk, in diesem heroischen Gehorsam gegen Gott erzogen, sollte es nicht bestimmt, sollte es nicht vor allen anderen befähigt sein, ganz besonders göttliche Absichten auszuführen; als es zu Jahren des Verstandes gekommen war. stiel! es der Vater auf einmal in die Fremde, damit es erkenne, wie wohl ihm zu Hause gewesen, und wie wenig es sich dessen bewußt war." Wir müssen es uns versagen, an dieser Stelle Lessing im einzelnen weiter in seinen Gedankengängen zu folgen. Seine Auffassung läuft darauf hinaus, daß den ganzen Wik der Erziehung des Menschengeschlechts jeder Einzelne noch einmal durchlaufen muß. Am Schluß der geistigen Entwicklung erhofft er sich eine Vernunftsreligion. Diese so wenig beachtete Schrift ist sein religiöses Testament gewesen, Sie zciKt auch zugleich die Grenze, bis zu der wir ihm in seiner Gedankenwelt folgen können. Hier muß mit einem Wort sein „Nathan" gestreift werden. Jene berühmte Erzählung von den drei Ringen, die die drei Religionen verkörpern, will ja letzten Endes auch die historischen Religionen überflüssig machen. So dankbar wir dem Dichter für die Gestalt des Nathan sein müssen, der der Weit zeigte, dali das Judentum auch andere Typen hervorbrachte, als die man in der Regel in ihm vermutete, so werden wir doch auch die Trennungslinic gegen seine Auffassung zeigen müssen. Für Lessing konnte der in seinem Glauben gebundene Mensch niemals der beste Mensch sein. Mit Lessing sehen wir gewiß edle Menschlichkeit und Reinheit als ein hohes und höchstes Ziel an. Aber w ir Juden Klauben doch, dali wir diesem am nächsten kommen, wenn wir es im Rahmen des Glaubens erfüllen, in den wir hineingeboren sind. Wir sehen zwischen Menschen- und Judentum heute keine Grenzen mehr. Wir Klauben, die besten Menschen zu sein, wenn wir auch die besten Juden sind. Trotz dieser Einschränkung können wir doch einen weiten Weg mit Lessing gemeinsam gehen. Wer, wie er. so von höchster Liebe zur Menschheit erfüllt ist, der hat auch dann noch einen Anspruch. Kchört zu werden, wenn man der Meinung ist. dal! mau ihm nicht in allem zustimmen kann. Und daß unsere Zeit besonders einen Tropfen LcssingSCher Humanität notwendig hätte, das bedarf keiner besonderen Begründung. LESSING UND MENDELSSOHN Von S. Meiltll "Teiint mau den Namen Lessing, SO ist es uns, als tauchte VI urplötzlich aus stark bewölktem Himmel ein strahlender ^1 Stern hervor, der, seiner Sendung bewußt, in leuchten- )ii Mut und in mutigem Leuchten Wolkenmassen zerteilt und belschleier zerreißt, auf daß das Licht sich sieghaft die Welt ibere. Leasing bedeutet noch immer das Signum des Kampfes Ken Unkultur und Barbarei, gegen Unduldsamkeit und Vorteile Jeglicher Art. Lessing ist der große, edle, tapfere cnsch, der alles, was er sonst noch war: den großen Dichr, den scharfsinnigen Kritiker, den geistvollen Literaten irch die hohe Würde wahren Menschentums Oberragt. Es Kibt in der deutschen Literatur keinen zweiten Namen, r den Juden so teuer wäre wie der Name Gotthold Fphraini essiiiK. Für uns bedeutet Lessing nicht nur einen denkwürigen Abschnitt in der Literatur und einen Wendepunkt in der Geistesgeschichte iür uns ist Lessing vermöge der Idee, die er verkörpert und die noch immer im Leben der Verwirklichung harrt, ein Stück Qegenwartsprogramm. Trotz der erlangten Aufgeklärtheit und der errungenen Freiheit gibt es noch so viele aufzuklären und zu befreien, versteht sich, im Sinne Lessings aufzuklären und zu befreien, daß uns der Schöpfer des „Nathan" heute noch Wegweiser zum Ziele sein kann. Uber die Bedeutung Lessings für die Gegenwart helle sich vieles sagen. Das Wesentlichste in Kürze hierüber hat Georg Witkowski in der Einleitung zu seiner im Bibliographischeil Institut zuLeipzig erschienenen Lessing-Ausgabe klar und schön ausgesprochen. „Auf ewigen Sitzen." so schreibt Witkowsky, „erhaben über das Getriebe der Nachwelt, thronen. Göttern gleich, die Großen unserer klassischen Zeit. Noch immer wenden wir dankbar, bewundernd. Hilfe und Erhebung suchend.