Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 5 (1929)
- Issue
- 3 (18.1.1929)
- Date
- 1929-01-18
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LHIPZKi Nimuii „moralische Anstalt" willkommen, wie ihm jede Art des Ausdrucks im Kampfe der Meinungen willkommen war, von der wissenschaftlichen Darstellung seiner Ästhetik im Laokoon über die journalistischen Rezensionen der hamburgischen Dramaturgie bis zu den Aufrufen des Antigoetze. Für jede der vielen Schichten seines Schrifttums war ihm die von Ihm wiederentdeckte deutsche Sprache Waffe genug. Diesem Denker von Natur und (iahe war die Idee der Vernunft als der Herrscherin über das Universum eingeboren: wie es ja Kenn/eichen des Genies ist. daß Hinsicht und Leben im Einklang sind. Herrschaft der Vernunft anerkannte er über Leben und Schicksal, Wandel und Walten der Menschheit. Aber es war nicht jener erklügelte und abgeleitete, tote und konstruierte Betriff des Verstandes, den er im herrschenden Rationalismus der Zeit vorfand, der sich eine Weltkonstruktion ausdachte, die theoretisch und akademisch blieb. Die Lessingsche Vernunft ist eine in der wirklichen, der realen Welt ebendig wirkende Kraft, die jeder Mensch an sich, seinem Schicksal erlebt, die jeden Augenblick seines Daseins gestaltet. Das kann man sichtbar machen, wenn man die Vernunft erkennt: und an diese Sichtbarmachung Ring Lessiii«, indem er zunächst mit kritischem, tödlichem Blicke alles das traf, was widervernünftig war. was das Leben der Menschen zerstörerisch verwirrte. Diese Kritik erwuchs scheinbar aus belanglosem Anlaß. Aber es ist nicht seine Schuld, dal! ihm die Stunde keine gröleren bot, duli diese Wirklichkeit aus der er schöpfte, nur der siebenjährige Krieg, die Auseinandersetzung zwischen Adel und Bürgertum, zw ischen französischem Theater und Shakespeare, der Streit mit einem Pfaffen war. Es zeigt umgekehrt gerade die Größe seiner Genialität, daß er aus solchem Anlaß Verkünder von Menschheitsideen w urde. Das Genie schafft nicht aus Anlaß, sondern aus Notwendigkeit; die Wirklichkeit, in die es gestaltend eingreift, ist nur der rohe Stoff, den es meisterlich formt. Das Ziel der Herrschaft der Vernunft, die Lessing als Bedingung der Existenz der Menschheit in jenem glücklichen Lltlini und I.avater bei Mendelssohn. Nach dem Gemälde v. Moritz Oppenheimer Besitzer: Kommcrzicnral Dr. M. A. Siraus, Karlsruhe«. Jahrhundert der Deutschen aussprach, aber war „Hiunani |, Duldung, Großmut, Bewilligung der Achtung und der M i. schenrechte" ((). Hake). Nichts scheint uns Heutigen sei |. verständlicher, als die beiden letzten Forderungen. Aber es st nur eine Selbstverständlichkeit der Meinung, nicht der \ i. wirklichung. Gleich wie die französische Revolution geuican ihrer ersten Idee, noch zu Lessings Zeiten nur das Zen einer solchen Verwirklichung zeigte, so zeigt der Zustand Li, ipas im Jubel jähre Lessings n eine rein verbale und sehr fad - scheinige, sehr billige Ai rkennung seiner selbstverstä ilichen Forderungen. Denn ir in einem moralischen Zustai le der Welt ist ihre Erfüllt ig denkbar, weil für Lessing Ikgriff der Humanität nicht r wohlklingende Name einer I - sinnung, sondern vielmehr e e Haltung und unermüdlich tät e Wirksamkeit, nicht nur Etil ~. sondern praktische Ethik w . die er in seinem Leben beisp haft bewies. Der Kern der I - kenntnis Lessings bestand gen e in der Einsicht in die Dur - dringung von Ethos und, alle - mein gesagt, Politik, die An - kennung einer spezifischen Fo n der Ethik der Humanität u d Duldung auch und gerade in i r Gestaltung des Lebens der I meinschaft. Die Einsicht ist fast i - mittelbar einleuchtend; sie fa d Anerkennung aber sie fa d keine Verwirklichung. Sch n Trcitzschke stellt fest: „N t wenn die Ideen des Nathan si Ii in unserer Gesetzgebung vo - ständig verkörpert haben, da i erst dürfen wir uns rühmen, in einer gesitteten Zeit zu lebet Aber was gilt die Feststellung, wenn nicht die Einsicht selbst gü f Als der Mahner zur Verwirklichung einer Einsicht, von d r wir uns rühmen, daß sie uns schon fast selbstverständlich s erscheint uns Lessing in unsere Zeit hineingeboren, wie er in c seine vor zweihundert Jahren geboren wurde. Einmal, in Jen« Augenblick der Weltgeschichte, hatte der Weltgeist das Aull Lessings angenommen. An jedem Säkulum erscheint dies ma nende Antlitz, ansterblich wie der Weltgeist selbst, und es gi keine Zeit, für die Lessing nicht Zeitgenosse wäre. LESSING IN SEINER STELLUNG ZUR MENSCHHEIT Von Dr. Willy Cohn, Breslau Aus L.mLr feit, die im Nationalismus das Letzte und Höchste sieht, tut es anläßlich des Jon. Geburtstages <i'-ttliold Ephraim Lessings not, sich für ein paar kurze Augenblicke in eine Zeit zu flüchten, der der Mensch das Letzte und Höchste war. Wenn wir in der Zukunft über den Hall der \ olker /u einer wirklichen Einheit der Menschheit kommen wollen, so bleibt kein anderer Weg, als die nationalen Ideale unserer Tage weiter zu entwickeln, indem wir sie mit den humanen Ideen jener Epoche verbinden. Den meisten schwebt, wenn sie an Lessing denken, dabei lediglich Lessings „Nathan", vor. in dem der Dichter in so vollendeter Form seinen humanen Gedanken Ausdruck gegeben hat. .AIkt wenn man tiefer in sein Schaffen eindriu. so enthüllen uns auch seine anderen Werke eine Reihe \ i Gedanken, die seine große Liebe zur Menschheit zeigen. „Etnilia Galotti", jene flammende Anklage gegen den Egoi mus der Fürsten, bleibt zweifellos die beste Darstellung jen. Übergangszeit vor der französischen Revolution. Lessings Ste hing zur Todesstrafe, die ja auch heute noch leider ein durc' aus ungelöstes Problem darstellt, wird aus dem Drama kl. ersichtlich. Der Prinz von (iuastalla, in dessen Denken nur noc die Frau eine Rolle spielt, bekommt von seinem Rate Camill Rota ein Todesurteil zur Unterfertigimg vorgelegt. Von dei Wunsche beseelt, sich nur mit der Frage zu befassen, wi