Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 5 (1929)
- Issue
- 3 (18.1.1929)
- Date
- 1929-01-18
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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(hmxvib cblatt I &R ISRAELITISCHEN RELIGIONSG&M&IND& ZU I fcIPZIG AMTLICHES NACH RICHTEN BLATT DER GEMEINDEVERWALTUNG! i Geweindeblatf erschein! |eden Ircita«, und wird Mitgliedern der Rellgtontgemelnde unentgeltlich du- Port miflcätelll - 5c h r 1 f 11e 11 u ng i i inderftbblncr Guttai Cohn, Lctpslff, Löhritratte lo NUMMER t / JAHR6AN6 S FREIT AC 18» JANUAR 1020 Ansetgrnverwaltung und Druck! Buchdruckerel \u«ust Pries, Lelpslgi Bruderttr« SO - Fernruf 70006 - Postsiiink Leipgig 53990 - Nachdruck nur mit Quellen* anfuhr und mit Genehmigung drs Vertanen gestattet Anläßlich des 200. Geburtstages Lessings am 22. Januar LESSING UND UNSERE ZEIT Von Dr. Mauritius Kahn Ein Mann wie Lessing t&te mis not nenn wodurch Ist dieser Mann so groß als durch seinen Charakter, durch sein Festhalten! So kluge, so gebildete Menschen gibt es viele, aher wo isi ein solcher Charakter! Qoethe zu Eckermann, am 15. Oktober 1825. Diese schüttere Zeit keimt keine Klassik. Die Menschen des „Jahrganges 1902" (E. Qlaeser) finden nicht Ebenbild noch Ideal in klassischer Rulle und Geschlossenheit, ihre Sprache kennt, ihr Ohr vernimmt das erhabene Pathos klassischen Stiles nicht mehr, ihre meteorhaft glühende, dem Mo« mcni hingegebene Seele verträgt nicht die Gebundenheit gesti teter Pormen. Wahrend noch vor dein Kriege die klassi- Kunst die Hierarchie herrschender Werte bestimmte, wurde im Umbruch der Kriegs- und Nachkriegsjahre die ganze 1 der Wertungen erschüttert, die eine hundertjährige Trad n wie es sich erwies nicht unerschütterlich fest hat n können. Während die stürmendsten (ieister der Yorsgeneration nur scheu ihr Unverständnis zugestanden und falls sich selbst fiir die Langeweile verantwortlich machte die sie heim Lesen der Klassiker überfiel, verzichtet die 1 :cnwar( auf Scham und Scheu, und die Klassiker werden appen der Bücherschränke, die ungelesen vergilben ... I lieh, die tiefer Empfindenden holen sie wieder hervor, rufen wach ans jener Vergessenheit, in die sie bei der Menge ge- ' en. Aber sie tun es noch scheu und verschämt. In solche Zeit nun fällt die säkulare Erinnerung an einen, en Name wohl noch gekannt, dessen Werk aber kaum :h gelesen wird. Und siehe da, man entsinnt sich seiner, und ei wird plötzlich Symbol, der Name Lessing leuchtet wieder und es ist kein Ende der Reden und Schriften. Ja, man inert sich seiner: sein Wort wird wieder lebendig, das wunbare Deutsch seiner Rede klingt merkwürdig nah und so nicht antiquiert an unser Ohr, die durchsichtige Klarheit ner Qedanken nimmt uns In Hann, und fast mit verweisenii Fingerzeig wird man auf seine Stücke erneut aufmerksam, seit ISO Jahren nicht von der deutschen Bühne verschwan- 1. QewiB wird allzuviel von all dem nicht über den Gedenk-! hinaus haften bleiben, aber auch wenn sich die Feier zum tag wendet, die Zeit in ihrem tuniultuarischen Chaos ihre llen über Lcssiug erneut zusammenschlägt, so bleibt doch. Ii die Zeit den fast Vergessenen, den in Wahrheit Uuvcr- Uiichen inmitten ihres Zwiespalts der Erinnerung wert, und se Erinnerung seltsam lebensnah fand. Es bleibt die Erinnerung an einen Mann wach, der vor zwei Jahrhunderten im Verlaufe eines kurzen und harten Lehens zu einer Einsicht vordrang, die für seine Zeit unerhört neu, für unsere lächerlich selbstverständlich zu sein scheint. Prüft man näher, so stellt man fest, daß diese Einsicht keineswegs so neu war. Wie sie sich jener Zeit gab, daß sie aber für die unsere noch durchaus nicht so selbstverständlich ist und fast wieder mit der Gewalt einer neuen Erkenntnis auftreten mag. Denn die Lessingsche Einsicht liegt gar nicht so sehr weit von jener entfernt, die das Judentum nicht vor zwei Jahrhunderten, sondern schon vor zwei Jahrtausenden aussprach, aber sie isi heute so wenig erfüllt, wie sie es damals oder zu Lessings Zeiten war. Fast will es scheinen, dali es sich um eine Einsicht und Forderung handelt, die für jede Zeit neu gefunden, für jede ihre spezifische Form haben muß. Das mau der (iriuid für jene perennierende Aktualität sein, wie sie der jüdischen Religion so einzigartig eigentümlich ist, und es mag zugleich die neue Aktualität Lessings erklären. Es mag schon sein, dal! es hier 11111 ei«.' Einsicht, fast schon um eine Aufgabe und Forderung geht, die aus der Geschichte der Menschheit nicht wieder fortgedacht werden kann, selbst wenn sie dein Bewußtsein des Zeitgeistes auf längere Sicht entschwindet, l ud es ist gerade für uns luden jeder Anlaß willkommen, sie wieder und w ieder in Erinnerung /.u bringen, besonders wenn zugleich jener Qoethesche Wunsch und Ruf anklingt nach einem Manne wie Lessing, der .groben Freimut. Geradheil und Kühnheit mit der (iewalt der Sprache vereinend, einer Zeit die Einsicht zu neben vermag, die ihr not tut. Die Einsicht, von der die Rede ist. ist die Forderung der Herrschaft der Vernunft, unlöslich verbunden mit der Idee der Humanität. Sie war für Lessing nicht erklügelt und reflektiert, sondern strömte aus der Fülle seines inneren Lebens, wie sie auch dem Judentum aus der Fülle seiner unmittelbarsten und vitalsten Epoche zugeströmt ist. Denn Lcssiug war Denker von Geblüt. ..der Krolle Verstand schlechthin" (Gundolf), obschon er nicht ganz das war. was wir zünftig einen Philosophen zu nennen gewohnt sind. Aber er selbst hat das Primat des Denkens in seinem Schäften festgestellt. Dali er seine Erkenntnisse dramatisch darzustellen gesucht hat. steht dem nicht entgegen; es ist nur Zeichen dafür, daß es ihm nie und nirgends nur auf das ..reine" Denken und Erkennen ankam, sondern auf die unmittelbaren Wirkungen seiner Erkenntnisse: und darum war ihm das Theater als durchaus