Mannheim
Compact Memory

Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1929-01-11 · 2 (11.1.1929) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
5 (1929)
Issue
2 (11.1.1929)
Date
1929-01-11
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/4876568-5968790-5969073--2220-4879828
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG Nimm, Wert Jes Individuums erkannt. Hinsichtlich des Problemes, Mehrheit oder Minderheit, hatte auch das Judentum am Anfange ein Mißtrauen Regen die W ahrheit des Urteils der Mehrheit, w urde aber gezwungen, das Prinzip der Mehrheit zu proklamieren als eine juridische und soziale Norm und hat für die .Minderheit nur ein privates theoretisches Recht erhalten. Mau muß in Betracht ziehen, daß der sogenannte »revoltierende Alte', und /war ein rabbinischer Richter, welcher sein Amt gegen die Vi rschriften der Majorität des Synhedrions ausübte, nur für seine gefährliche Praxis bestraft wurde, nicht aber für den Mut, seine eigene Meinung zum Ausdruck zu bringen. Ibse ii zeichnete sich durch seinen Kampf gegen den sozialen Konventionalismus aus, und das jüdische Volk, welches Propheten hervorgebracht hat Vorkämpfer für die Ethik in der Politik, für die Mural der Religion, für den Idealismus im realen I eben, sympathisiert mit seiner Wahrheitsbewegung. Der Jude Nordau hat sich durch sein Buch „Die konventionellen Lägen" , «gezeichnet. W enn wir gerecht sein wollen, müssen wir zu- . daß auch der K< nventionalisinus seinen W ert hat. als ein fierender Paktor in der Gesellschaft, aber mir, insofern er im Rahmen der Formen bleibt. Würde er die Natur der Gesellschaft beherrschen, so müßte er bekämpft werden. Es ist nicht der Ort. des breiten über diesen Punkt ZU reden; wir erwähnen nur, daß auch die „jungen Juden" gegen den Konventionalismus kämpfen, der sich in den Gemeinden und Gesellschaften unseres Volkes ausbreitet. Der Individualismus und der Antikonventionalismus .äs haben ihn zum Reformator des Ehelebens gemacht, l ud im Bereiche der Häuslichkeit verteidigt er die Rechte des iduums, kämpft gegen Heuchelei und Lüge und erstrebt seitiges Verständnis. Mit einer beispiellosen Feinheit malt ei alle psych« l( gischen Nuancen in dieser Hinsicht und mit der Macht eines großen Tragöden zeigt er die Katastrophen als Resultate des Mangels an gegenseitigem Verständnisse. Die Ibsen Restellten Probleme nehmen bei den .luden eine am Form an. In der jüdischen Häuslichkeit endet der Roman i am Ta«e der Hochzeit, wie Schopenhauer sagt, sondern Gegenteil, nach der Hochzeit beginnt die Romantik, wenn i der Liebe, SO di ch wenigstens der Treue. W iewohl das ö nomische Moment eine beachtenswerte Rolle spielt, bildet < das soziale Moment, das sind die Kinder, den Grundpfeiler Familie, Die l-iebe zu den Kindern ist die Quelle der Pi des jüdischen I lauses, L'ür die Psychologie des Volkes kann die Korrespond zwischen Ibsen und Sonnenthal interessant sein. I jüdische Künstler Adolf Sonnen! h a 1 schlägt dem Autor Dramas „Nora" vor, daß am Ende des Dramas Nora il Mann verlassen, er aber die Kinder behalten möge; aber I! hat ans dramatischen Motiven nicht zugestimmt. Die im Ju< tum entwickelte Idee der Treue und das Moment der Liebt, den Kindern diktiert den .Inden andere Lösungen des Problei des norwegischen Dramatikers. Jedenfalls können wir a von ihm lernen, das Niveau des Individuums in der Ehe heben, die psychischen Anforderungen mit den sozialöki misehen auszugleichen. Die Theorie der Vererbung hat in Ibsen einen drai tischen Interpreten gefunden. Er sucht das Unglück der IL dität zu dramatisieren und beeinflußt dadurch indirekt Moralisator. Es ist bekannt, daß das Judentum die Macht I leredität verwertet, aber auch d i e fi rbsc h a f t d e s (i ti t betont. Für uns ist es wichtiger, daß wir dem jüdischen Volke Stolz der Erbschaft predigen, der ihm durch Jahrtausende i seinen Ahnen übergeben wurde, und SO können wir Kanu mit den „Gespenstern" der Geschichte. (Aus dein Rumänischen von Dr. B. K Das Schach und die Juden Von S. M e i s I s. Zuvörderst eine kleine Reminiszenz: In jenen Tagen, da Dr. Immanuel Lasker um die Schachkrone ran«, die er drei Jahrzehnte i getragen hatte, gerade damals hielt es die antisemitische Ber- ,Deutsche Tageszeitung" an der Zeit, „offen und unverblümt", . antisemitisch gehässig, gegen die „Meister jüdischen Hintes und Namens" loszuziehen und zu verlangen, «JaU endlich die „minderet: Rasse" von dem „deutschen Schach" (wohlgemerkt: deut« es Schach!) ferngehalten werde. In einem Artikel Uber Schach und Judentum, den das antisemitische lilatt damals veröffentlichte, wurde nichts weniger verlangt, als ein „Arierparagraph" tur die deutschen Schachvereine, tis war gerade die Zeit, da die Arier in die Judenreinen Berge" zu Steigen wünschten: nun sollten auch die vierundsechzig schwarzweiBen Felder von den Juden getan herl werden. „Soll denn wirklich der Kampf gegen die allgemeine Vcrji lunt ar an den Pforten von Caittas Weich haltmachen?" lammerte Ui.r arische Schachfreund. Darauf wäre zu erwidern: Wer I al denn den ..Ariern" die Pforten von Caissas Weich eröffnet? Juden S, die zusammen mit den Arabern das königliche Spiel den Europäern vermittelten. Mas Schachspiel zu einer Kunst, zu einer Wissenschaft erhoben zu haben, ist das Verdienst der Juden, die sieh ernstvoll diesem Spiel gewidmet, die es theoretisch ausgebaut und teriell gefordert haben. V.s ist sicher kein Zufall, da LI der erste Schachweltmeister der Jude Wilhelm Stelnitz, und dafi sein Nachfolger aul dem Schachthrone l»r. Kinanucl Lasker war. Die Beziehungen der luden /um Schach sind so alt, dali man füglich -.anen kann: Die luden haben bereits Schach gespielt, als die „Arier" noch auf ihren Bärenhäuten lagen. Schon im Talmud wird das Schachspiel erwähnt und in den rabbinischen Kesponsen wird die Präge erörtert, ob es erlaubt sei, am Sabbat Schach zu spielen, oder ob dieses Spiel lenen M) Dingen zuzuzahlen sei, die der Jude am Sabbat nicht verrichten darf. Her französische Gelehrte Aaron Alexandre (geb. 17(,0. «est. 1K50) geht in seiner „täicyelopcdie des Kehe^s" so weit, das Schach in 2. Sam. Kap. 2 hineinzudeuten, was ihm allerdings nur durch eine „exegetische Spielerei" gelingt In einem deutschen Sagenbuche aus dem 16, Jahrhundert wird Ki Salomo als Erfinder des Schachspiels bezeichnet. Eine Anekdote N Salomos Schachspiel mit seinem Feldherrn Benalahu ist in deiits. Sprache zu finden in „Erster Teil Jüdischer Historien oder I mudischc, Rabbinische, wunderbarliche Legenden . . . Teutsch \ fertiget. Christophorum Helvlcum Professorem in der Univers Gießen. Getruckt zu Gießen bey Caspar Chamlchi, im Jahre MDCX Die Historie XLI trüin die Überschrift: „Wie König Salomo Schachspiel betrogen ward und wie er dahinter kam." Danach hii also das königliche Brettspiel seinen Slegesxug durch die Well dem Hebräcrlandc genommen. Die Sage knüpft indes gewöhnlich an den persischen Köi Khosru Anuschrlwan an, der der Erfinder des Schachs gewesen si soll; jedoch läßt sich nicht genau der Zeitpunkt bestimmen, wi Perser und Araber zum eisten Male mit dem Schachspiel bek.r geworden sind. Sehr Wahrscheinlich ist es, dali das Schachspiel. Indien erfunden, im 5. Jahrhundert von Persern, Arabern und Ju< gekannt und den Europäern vermitteil wurden ist. Der erste Eui päer, der das Schach erwähnt, ist Petrus Alphonsi (im elften Jahrhl dertl in seiner Disciplina clericalis (herausgegeben von H. Schill Herlin Is27, Kap. VI. B, S. 44). Das umfassendste deutsche \\ l über Geschichte und Literatur des Schachs ist die „Geschichte U Bibliographie des Schachspieles" von Dr. Antonius van der Lin. (Das Lindeschc Werk enthält auch eine wertvolle Abhandlung „D Schach und die Juden", von Prof. Steinschneider.) Sehr /ahlreich sind die Schachlcweiidcn und Schachauekdui die für die Wertschätzung und Verbreitung des Schachspiels bei i1 luden höchst charakteristisch sind, obgleich sie auf historische <i tung nicht Anspruch machen können, laue der bekanntesten Schal legenden ist die vom „jüdischen" Papst Anakiel IL, dessen bürgi lieber Name angeblich Elchanan gewesen war. und den sein Val Rabbi Simon aus Mainz, als er als Fürsprecher der luden i dem Papst in Rom erschien, bei einer Schachpartie einem Zug als Sohn wiedererkannt haben soll. Eine in Ihrei A

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.