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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1929-01-11 · 2 (11.1.1929) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
5 (1929)
Issue
2 (11.1.1929)
Date
1929-01-11
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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(Bememö eblatt PER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGE-MEINDE-ZU l {-ID7\Cwm AMTLICH ES NACH RICHTEN BLATT hLI* Mm l\7 DER GEMEINDEVERWALTUNG« \ i »cmelndeblatl erscheint fcdcn Freitag und w ird i Mitgliedern der RellgtonsgeMelndc unentgeltlich di die flusl suaestetll - Sc hr II* 11 et t u ng i ictnderabblner Gustav Cohn, Ldpslg, LAhrstrabe 10 NUMMER 2 / JAHRGANG S FREITAG 11» JANUAR 1020 tnielgenverv sltung und|Drucki Buchdruckerei tugusl Pries* Lelpstg, BrOderstrtJK) - l'crorul 7000Ö — Pnstscheca Lelpxlg 53930 - Nachdruck nur mit Quellenangabe und um Genehmigung dci Verfassers uesl >ttcl IBSENS SOZIALER INDIVIDUALISMUS Von Oberrabbiner Dr. J. Nicmirower, Bukarest rtii \ i Ka Wenn wir die künstlerischen Details der Ibsenschen dramatischen Werke außer acht lassen, können wir vier Punkte als die wichtigsten in der literarischen und rotatorischen Tätigkeit Ibsens bezeichnen: 1. Der IndiualismuszugunstenderGesellsc Ii a f t; 2. d e r in |) f d e r W a Ii r Ii e i t g e g e n d e n K 0 n v e n t i o n a I i smiis; gegenseitiges Verständnis und Wertschätzung der individuellen Eige nsC Ii a 11 e n i :i d e r E Ii e; -4. Ii c d e U t U n K der \' e r e r I) n n jt i in in ura- Ii sche n I.e b e n. Es ist bekannt, daß der Individualismus in Ibsen einen großen Apostel gefunden hat Der Individualismus darf selbstverständlich nicht verwechselt werden mit dem v n I g a r e n Egoismus, der nicht System ist, sondern eine Politik der schlechten und dummen Menschen: auch nicht mit dem Erhaltungstriebe, den S t e i n t h a I „Selbstsucht" nennt. Der Individualismus ist eine Doktrin, die den Portschritt der Mensch- Ii. t in ihrer Differenzierung sieht, das (iliick der (leseilift in der Entwicklung des Individuums, das Ziel in der Ethik, in der Vervollständigung und Harmonisierung der Kräfte des Ii lividuums. Wiewohl Max S t i r n e r in ..Der Einzelne ti d sein Eigentum" dem Individualismus die Tiefe der Philosophie gegeben hat. anderseits Niet/ sehe den Indiviuisinus mit einer prophetischen Philosophie und einer mysti- . ich Poesie umkröiit hat. ist der Individualismus dennoch das sentum einzelner und die Hoffnung der Uebermenschen geeben. Im politisch-sozialen Leben ist die individualitische R i C h t u n g , welche bei der freiheitlichen Entwick- Ig eine Polle gespielt hat. immer mehr und mehr durch die OZiale und nationale Richtung beseitigt worden. . nicht Individuen, sondern allein Völker beachtet In der onomischen Wissenschaft kommt statt der Schule aus Manester, die dem Individuum Freiheit gibt, die sozialistische oder iversalistische Schule zur Qeltung, Der Staat respektiert bis i einem bestimmten Punkte die Rechte des Individuums, hat er das Pestreben, das Leben des Menschen in den Dienst der iGemeinheit zu stellen. Die Staatsidee herrscht mit allen 'IiiIkiii der Anarchisten und allem Nictzschcanischen <iehrei gegen ..das Idol des modernen Staates". In Wahrheit bestellt das Problem der Zukunft in e m h" i n d e n der S y n t Ii e s e z w i s c heu I n d1V i - ualIsmus und Sozialismus. Der egoistische ndivldualis m U S und der k o n v e n t i o n c 11 e Altruismus müssen zu einein sozialen Indivina I i s in u s g e b r a c Ii t w erde n. Ein«" solchen ndividuallsmus finden wir in den Werken Ibsens. Der nordische Dichter war ein wahrer Künstler; er hat wahrhaftige menschliche Gestalten hervorgebracht, nicht Schatten seiner Ideen; er machte nicht Soziologie, sondern er zeigte, dal.! Egoismus und Altruismus sich im Leben vereinigen. Seine Helden sind nicht gewöhnliche Menschen, sondern interessante Figuren, vom psychologischen Standpunkte! Individualitäten! Und die Individualität ist der Uebermehsch Ibsens. Jedenfalls kann jemand Individualist werden durch Beeinflussung vom Medium der Gesellschaft aus. ohne daß er seine Energie zum Glücke der Gesamtheit benutze. Bei diesem Punkte hat der Gesellschaftskritiker Ibsen in seinem Drama „Ein Volksfeind" die Frage des Kampfes des Individuums mit der Gesellschaft berührt, hat die öffentliche Meinung gegeißelt und hat die Rechte der Minorität gegenüber der Majorität gerettet. Nach meiner Meinung wiegt für ihn das Urteil des Individuums schwerer als die öffentliche Meinung und als das Urteil der Majorität; es hat auch die Pflicht, sich aller erlaubten Mittel zu bedienen, um seine private Meinung zur öffentlichen zu machen. Aber abgesehen von den theoretischen und idealen Gebieten: auf dem Gebiete der Realität muß er sich unterordnen, weil bei den gemeinsamen Fragen, welche sich nur auf den füllen oder auf eine Gruppe beziehen, die öffentliche Meinung oder das Urteil der Mehrheit ein Regulator ist. oft ungenau und ungerecht, aber notwendig für die Erreichung des gemeinsamen Zieles. Vom jüdischen Standpunkte können wir die Ideen Ibsens bekräftigen, wenn wir sie in freier Weise beachten. In der weiten hebräischen Literatur gibt es Urteile individualistischen Charakters, andere mit sozialen Tendenzen. In unserer Geschichte sind grolle Individualitäten hervorgetreten, aber noch mehr ist der Geist der Masse zum Vorschein gekommen. Unsere Ethik hat das seelische Leben des Individuums valorisiert, sich aber mehr mit den sozialen Notwendigkeiten befaßt, so dal! wir uns von der wissenschaftlichen Wahrheit nicht entfernen, wenn wir sagen, daß das Zusammengehen beider Prinzipien, des Rechtes der Individuen und ihrer Pflichten der Gesellschaft gegenüber in der Tendenz des Judentums gelegen ist. Derselbe Rabbi Akiba. welcher im Traktat Nedarim des palästinensischen Talmuds erklärt hat. daß das biblische Gebot: ..Liebe dein e n Nächst e n w i e d i c Ii s e I b s i" das wichtigste Prinzip der jüdischen Lehre ist, hat im babylonischen Talmud, Traktat Baba-Mczia, entschieden, dal] der Mensch sein eigenes Leben dem des Nächsten vorziehen müsse. Fr, der Patriot, der Vorkämpfer für die Unabhängigkeit seines Vaterlandes, hat den

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