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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1929-01-04 · 1 (4.1.1929) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
5 (1929)
Issue
1 (4.1.1929)
Date
1929-01-04
Page
[Seite] (sequence 5)
Language
German
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januar 1920 GFMF.INDFHFATT DER ISRAELITISCHEN RELICIONSCIEMEINDE ZU LEIPZIG Seid' 3 he Literatur in unvergänglichen Werken /nr Darstellung Reicht hat, zeiKt die Seele des Ostjudeti in ihrer naiven und oftls erschütternden Innerlichkeit. Das Mizarre dieser tranimischen Qestalten, die in weltfremder l'nhekiinunertlieit das Ichen Scnnenschein. das in diese Niederungen des Lebens ingt, auffangen, versteht Rahel Szalit In ihren llthograscheu Illustrationen zu verlebendigen. Wenn wir daher heute bereits auf die zahlreichen Werke hinweisen kunen, die die graphischen Künste als typisch jüdische Erzeugnisse hervorgebracht haben, so können wir mit gewissem Stdz bekennen, dal.i der bildnerische (ieist des Juden hier am weitesten selbstschöpferisch vorgedrungen ist und das Wesen Jüdischer Kunst In eine besondere Form zu gießen verstanden hat. Die religiöse Frage im neuen Rußland Herr Dr. Ismar Preund veröffentlicht im Qemelndeblatt der i seilen Qemelnde zu Berlin eine Aufsatzreihe über „Das Judenlem in Rußland". Der zweite Aufsatz, (im Dezember-Heft) ist der i, Jösen Praxe gewidmet. Der Verfasser, der längere Wochen in I .nid geweilt hat, führt darin u. a. folgendes aus: in demselben Malle, wie ich von dem wirtschaftlichen Wiederauwerk in Rußland im allgemeinen außerordentlich günstige, zum! geradezu erhebende Eindrücke mitgenommen habe, so nieder- M iid ist der Eindruck gewesen, den Ich gewonnen habe, soweit ch um das kulturell-religiöse Leben handelt. Herr Dr. Preund schildert die Eindrücke, die er bei dein Besuch d Leningrader Großen SynaKo.ce gewonnen hat. Zu dem Sabbathi: sdienst hatten sieh ungefähr -in Menschen eingefunden: alte! und „Batlonim" beschäftigungslose Müßiggänger. Der Kantor hi ritt den gesamten Gottesdienst allein, ein Chor war nicht vorn. Kinder unter is Jahren, sagte man ihm, dürfen die Synagoge besuchen, geschweige denn im Chor mitwirken, und für einen M erchor hat mau kein Geld. Die Kirchen aber waren am Sonn- .•ifüllt. Auch in der Moskauer Synagoge, die vielleicht linu bis ISKI Menschen fallt, fand der Verfasser nur eine kleine Zahl Bevor, ein Kautor war nicht vorhanden, sondern nur ein Chord l nt. In Odessa fand er die größte Synagoge in einen Klub UtngC- .lelt. in Minsk in ein Kino, in Cherson und Somforopcl fürchtete ein ähnliches Schicksal. Nicht anders war die geistig-religiöse ■V osphäre in einer Kolonie des Cherson-I MstriktS, die schon etw a I.' lahre besteht und an die 4000 Seelen zählt. Dort gibt es nicht 1 i Synagogen und Ifldische Schulen, nicht mit ein indisches Hospl- I sondern lüdischc Polizei, ein jüdisches Gericht und einen indischen 1 frat. Man kann sich schwer vorstellen, wie die iüdische AutOUOrestloscr durchgeführt sein könnte, als hier. Zum Freitag-Abend- Icsdiensl in einer der Synagogen fanden sich aber bloß 11 Perlt ein. Am nächsten Vormittag ging der Verfasser in die zweite igoge. l'r traf an die 20 Menschen au. Das Bild aber das gleiche: Jiliclllich alte Leute. Die Alten hängen noch am Judentum. Sie durchaus religiös eingestellt und leben nach aber Weise. Aber sehen ihre Web versinken. Die Jugend ist kommunistisch, athei- :h, antireligiös. Systematisch wird durch die von der l'artei misierte antireligiöse Propaganda dieser (ieist auch in der lüdln Jugend großgezogen. Diese Beeinflussung beginnt bereits in allerfrühesten Jugend. Sie durchdringt das letzte Dorf und sie mt auch die iüdische Jugend. Iüdische Schulen fand der Verfasser llen übrigen lüdischen Kolonien, die er besuchte, vor. Hebräische Iftzelchen überall. Alle möglichen Disziplinen werden dort gcrt. Aber von indischer Religion hört man nichts. Die Feldarbeit! überall am Sabb.ith, aber die Schulen sind offen. Der Verfasser nicht verallgemeinern. In diu Kolonien Wcillrulllands sind zwar Ii die Schulen am Sabbath geöffnet, aber die Kinder gehen nicht Außerhalb der Schule erhalten sie Religionsunterricht, Unterisling in Hebräisch und Bibel durch einen ..Webben". Ein Erlebnis: einem Chaluzlm-Dorl in der Nähe von Dschankoj in der Krim, das sprünglich für 130 Personen bestimmt war. gibt es heute nur etwa 1 Siedler. Von den übrigen ist es etwa der Hälfte geglückt, an das ■ I ihrer Sehnsucht, nach Erez Israel, zu kommen, die andere Hälfte ' ihre Zlonssehnsuchl mit Sibirien büßen müssen. Der auf der '"nie verbliebene Rest hat offiziell den Zionismus abgeschworen, dieser Ch.ilu/iui-Kolonic fand der Verfasser ein prachtvolles Mcnlieiimateri.il: iunne Männer und hinge Mädels, arbeitsfähig und rbeitslUStig, Sie haben in Wenigen Jahren Wertvolles zuwege gerächt (iroiie Obstplantagen, die von einem motorischen Brunnen ipeist werden, große Traktoren, lebendes und totes Inventar zeigen Ben gewissen Wohlstand und das Leben der Inngen Leine unterinander macht einen harmonischen und freien Eindruck. Ein ricliiges Gemeinschaftsleben: Alles gehört allen, alle arbeiten für alle. Ein Gottesdienst ist aber nicht vorhanden, wer will, geht zu dem eine Stunde von der Kolonie entfernten ..Minian". In ilen meisten neuen Kolonien aber, in denen es noch an Synagogen fehlt, findet sich in einem der Mauser ein . Minian". Fast überall ist am Orte selbst oder in erreichbarer Nähe ein Schauchel vorhanden, der die Leute mit rituell geschlachtetem Fleische versieht. Minsk mit seinen 60 000 luden unter I in nun Einwohnern ist nicht Leningrad, und wenn mau am Freitag vor Sabbath durch die Straßen der Vorstadl geht, in denen fast ausschließlich luden wohnen, so grüßen aus den Penstern die Sabbathllchter. Die Synagogen und Betstuben sind besucht. All das ist selbstverständlich. Iis soll auch nicht verkannt werden, dall Kalinindorf, die Kolonie, in der der Verfasser den Sabbath verbrachte und von der er oben sprach, die Hochburg des indischen Kommunismus darstellt. Anderswo sieht es besser um die Religion. Was hier aufgezeigt werden sollte, das sind die Tendenzen, die zur Zeit im religiösen Lehen der russischen luden wirksam sind, die Entwicklung, mit der mau zu rechnen hat. wenn das Wahrzeichen des russischen Judentums von Morgen „Kalinindorf" heißt. Als Herr Dr. Freund nach Moskau zurückkam, hatte er eine Aussprache mit führenden Persönlichkeiten der russischen Regierung. Fr wurde zunächst von dem Vorsitzenden des Komzet, Herrn Smidowitsch, emofangen, der die maßgebende Regierungsinstanz für alle religiösen Prägen überhaupt ist. Nachdem Dr. Freund der Aufforderung entsprechend über die Eindrücke Vortrag gehalten hatte, die er von den Kolonien in wirtschaftlicher Hinsicht empfangen, kam er BUl die religiöse Frage zu Sprechen. Fr betonte, dal! iür den deutschen luden, wie für den Westeuropäischen überhaupt, der Begriff des Judentums von der religiösen Franc nicht zu trennen sei auch nicht für dieienlgen, die grundsätzlich auf nationalem Heden stehen. Fr schickte die allgemeine Franc voraus: ..Kennt Rußland überhaupt Glaubens- und (icwissciisfrcihcit'.J" Die Autwort lautete: ..Die russische Verfassung gewährleiste! ausdrücklich diese Freiheit." Wir haben, fuhr Smidowltsch fort, Trennung von Staat und Kirclie. Der Staat ist gegenüber der Religion neutral. Wo die lüde:: eine Wehrheil darstellen, haben sie völige Glaubens- und Gewissensfreiheit. Die indischen Feiertage sind Staatsfeiertage usw. Niemand bindert die Jugend, auch die unter 18 Jahren, Synagogen zu besuchen, wenn ihre Eltern es wollen' sie dürfen auch in einem Synagogenchor mitwirken. Religionsunterricht ist aus den staatlichen Schulen ausgeschlossen, wenn aber die Eltern privatim die Kinder in den Reilglonsfächern unterweisen lassen wollen, steht dein nichts im Wege. Smidowltsch versicherte Herrn Dr. Freund gegenüber, daß die Moskauer Synagoge den luden nicht genommen werden wird. Her Mereschln, Vizepräsident des Komzet. der selbst Jude ist. bestätig! in allen Punkten die von Smidowltsch erteilte Auskunft. Herr Dr. Freund stellt einen klaffenden Widerspruch fest zwischen den Antworten der Regierungsstellen und den Antworten, die man von den Leuten erhält. Fr erklärt diesen Widerspruch damit, daß neben der Regierung noch eine zweite Instanz existiert: die kommunistische Partei. Innerhalb dieser Partei gibt es eine Iüdische Sektion, die sogenannte Jewsekzia, die hetzt und treibt. Es unte he 't Iür den Verfasser gar keinem Zweifel, daß die verantwortlichen rassischen Regierungsstellen es ernst meinen mit der Nichteinmischung in die religiösen Angelegenheiten als Konsequent des Grundsatzes der Trennung von Staat und Kirche, aber die lüdischen Kommunisten fühlen sich als Qralshüter der kommunistischen Ideologie. Auch hier sind es nicht die eigentlichen Führer, sondern die Qötter minderen Raiines, die sich hervortun möchten. Eine Atmosphäre der Verängstigung ist geschaffen. Man hält viele Dinge für verboten, die tatsächlich nar nicht verboten sind. Wenn die Entwicklung, wie sie im Flusse ist. sich hemmungslos weiter vollzieht, dann ist. wenn das alte Geschlecht gegangen, in in oder .'il Jahren das russische Judentum als religiöser Begriff gewesen. Die Gesundung muH von innen herauskommen, von den Juden selbst. Man braucht au der Zukunft nicht zu verzweifeln. Dazu berechtig) das Vertrauen auf den Wirklichkeitssinn der russischen Regierung. Es

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