Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 5 (1929)
- Issue
- 1 (4.1.1929)
- Date
- 1929-01-04
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG Nimuiii ] chener Fliegenden Blättern", dem Londoner „Black and White" und dem Pariser „Le Rire", vor allem aber durch seine Karikaturen zum Dreyfusprozeß bekannt geworden. In Frankreich erregte der aus Kreslawka stammende Abel Pan n durch seine von unerhörtem Sarkasmus und zwingender Ki unk geladenen Bilder viel Heiterkeit. Seitdem sich der Künstler aber biblischen rhemen zugewendet hat, ist er zu einem geistesarmen Illustrator herabgesunken, der eine jüdische I a mikunst voller h< hlen Pathos an Stelle des ihm eigenen Hurs betreibt. In Deutschland war Edmund Edel ein viel belachter Illustrator der meisten Witzblätter. Man kennt ihn auch aus seinen meist humorvollen Plakaten, in denen er in Anlehnung an die Franzosen einen durch starke Kontraste wirkenden Plakatstil entwickelte und auf die deutsche Plakatkunst einw irkte. Dieses neue Kunstgebiet, durch die gewaltig einsetzende kommerzielle Reklame schnell zu großer Popularität gelangt, hol den Malern und Zeichnern neue Möglichkeiten. Schlagende Pernwirkung muß durch eine Art geistreichen Apercus und seh.nie Zeichnung das Auge anziehen, den Kern der Sache herausschälen und durch Bildwirkung den erklärenden Text ersetzen, Ls ist bezeichnend, dal.i der überwiegende Teil der gesuchten Plakatzeichner .luden sind. Durch eine prägnante, auch den Humor nicht entbehrende Zeichenmanier hat sich Joe Loe (Joel Löwenstein aus Mosbach) einen Namen gemacht. Und schließlich ist als einer der besten und bekanntesten Karikaturisten Berlins Walter Trier zu nennen, der in Plakat. tienbild und Illustration Meisterliches leistet. Seine Kunst oder, besser gesagt, sein Humor erschöpft sich nicht in der aturenzeichnung tür Plakat und Buch - wobei auch der entzückenden Kinderbücher gedacht sei , Witzblätter und Einzelblätter. Auch das Bühnenbild und Dekorationsstück gehört in sein vielseitiges Pn gramm. Besonders als Theatermaler hat er sich durch ebenso amüsante wie künstlerisch bedeutsame Enta irfe 'hervorgetan, wobei er oftmals den Kitsch in geradezu gartiger W eise zu persiflieren versteht. Ebenfalls über das Witzblatt gelangte Frust Stern zur I h e a t e r k n n s t. Seine Zeichnungen für den Simplizissimus, unter der Sonne Th. Th. Heines entstanden, waren mehr kalligraphische Kapriolen, die für ihn nur einen Anfang bedeuteten, t ne Entwicklung ZU einem besonderen Stil, den er später zu ganz besonderer Dekorationskunst ausbildete. Max Reinhardt entdeckte ihn für das Theater. Bei ihm w urde er der Inspirator der vielbedcutenden Inszenierungen des Deutschen Theaters. Seine Entwürfe bestehen aus zierlichen Figurinen. Die Gesamtder komponierte er hauptsächlich in graphischen Blättern, die dann auch der Anlaß zu den bedeutenden Buchillustrationen wurden, in denen er sich z. B. in den (ieist eines Lenz und Büchner besonders vertiefte. Seine ganze Liebe aber gehört F.. T. A. Hoffmann. Wohl kein anderer Künstler hat das Wesen des Dichters so trefflich zu erfassen verstanden. Schließlich müssen auch die Illustrationen sowie die Dekorationen ZU Wedekinds ..Pandora" erwähnt werden. Zwei Künstler haben sich vor allein um die Entwicklung des russischen Theaters verdient gemacht. Leo Bakst, 18(VS in <in dno geboren, hieß eigentlich Rosenberg, wurde als Junge getauft, trat aber später wieder zum Judentum über. Seine Kostüm- und Dekorationsentwürfe für das russische Ballett wurden weltberühmt. Als im Jahre 1910 die „Scheherezada" in Paris aufgeführt wurde, war sein Name in aller Munde. Auch d.c Inszenierung der „Kleopatra" und Schumanns ..Karneval" sind unvergeßliche Entwürfe dieses ganz im Geiste dieser graziösen Tanzkunst schaffenden Meisters, dessen Kunst allerdings mit dem Untergang des kaiserlich russischen Balletts ebenfalls sein linde fand, und der schließlich in dem trüben Bewußtsein, daß seine Zeit vorüber sei. 1924 in Paris starb. Der andere, dem das heutige russische 'Theater sehr viel verdankt, ist der bereits an anderer Stelle erwähnte Nathan Altmann. Seine abstrakten Kompositionen mit geometrisch n Volumen wandte er zuerst bei der ersten Jahresfeier > r Oktoberrevolution an, da er in Leningrad den Urizkiplatz i i Dekorationen schmückte. 1921 schuf er Bühnenbilder / „Dybbuk", denen 1922 die zu Gutzkows „Uriel Acosta" i Goldfadens ..Zehntes Gebot" folgten. Altmann verwirft \ r allem das Illusorische der Theaterdekoration und ersetzt s durch reale räumliche Formen. Fr widersetzt sieh der IIa i bemalten Leinwand, die nur eine Illusion des Gegenstandes u! einer Ausstattung gibt. Hiergegen verwendet er konstruic . Gegenstände, in denen sich die Handlung abspielt. Fr m nicht, sondern konstruiert und baut. Die Farbe wird nur nebenbei angewendet, da sie am meisten die anderen Stoffe ii - tiert, deshalb aber als alte illusionicrcndc Knust abgew ie w ird. Die Bühne ist ihm noch ein vorläufiger Zwang, das Tin . ter der Zukunft soll Massenhandlung auf Straßen und Pläl darstellen. Diese Anschauungen haben dem russischen The,; ganz neue Impulse gegeben, die sich allmählich bemerk! machen. Die Betrachtung graphischer Arbeiten jüdischer Künstlet könnte ins Unübersehbare ausgedehnt werden, wenn es n darauf ankäme, die unzähligen Einzelblätter aller derer zu nt neu, die ihre künstlerische Betätigung auf diesem Gebiete üb . Fs bereichert unsere Kenntnis nicht, ist an sich auch bedt tungslos, daß viele der auch als Maler bekannten KüiistK Graphiken mit jüdischen Sujets schaffen. Wichtig ist vielmehr die Tatsache, daß wir einigen unserer jüngeren Künstler die Wiedergeburt des schöiu jüdische n Buches verdanken und damit unser altes K turrecht als die geistigen Führer des Schrifttums in modern. Form der Welt dokumentieren. Fs sind künstlerische Leistu «en, die viel zur Belebung jüdischen Lebens beitragen und b weisen, daß sich die Gestaltungskraft jüdischen Geistes nicht der literarischen Form erschöpft. Der produktivste und erfolgreichste Künstler auf diese Gebiete, dein es gelungen ist, eine Synthese zwischen der Ti dition und moderner künstlerischer Gestaltung zu finden, i I o s e p Ii B u d k o. Ihm verdanken wir unter anderen die ersu modernen Illustrationen zur Haggada. äußerst feine kleine Bläi chen, die das Dekorative mit dem Illustrativen zu einer kiiiis lerischen Einheit verbinden. Hier zum eisten Male erwacht d hebräische Initiale zu neuem Leben. Hier Rnden wir den Koi takt zwischen dein alten (ieist und dein modernen Kunstemi finden. Wenn Budko eine cliassidische Legende mit Holzschnil teil illustriert, so versteht er es. die seltsame Atmosphäre du ser eigenartig mystischen Dichtung in das Kunstwerk hinein/ projizieren, und wenn er zu einer modernen Ausgabe der Psa men dekorative Holzschnitte entwirft, so lassen auch diese da Altjüdische w ieder aufleben. Selbst kleine anspruchslose E> libris muten wie altpalästinensische Münzen an. Die gesamt jüdische Symbolik wird in mannigfaltigen Zierleisten, Orn; meinen und dem verschiedensten Buchschmuck neu belebt. Neben den Budkoschen Büchern muß auch als eines der hei vorragensten Holzschnittwerke die Haggada von Jaco Steinhardt erwähnt werden. Auch ihm gelingt die Form; liening einer typisch jüdischen Note, die jedoch im Ycrglck zu der lyrischen Feinheit eines Budko mehr mit der DramatiI wuchtiger Schwarzweiliblüttcr arbeitet. Noch einiger andere Werke muß hier gedacht werden. Der bereits genannte Mali Leo Michel son hat zu dem Fuchsbuche des Berekhja bt Natronai und zu dem Heldenbuch Sepher hajaschar Hol/ schnitte entworfen, die zu den besten Illustrationen eines all jüdischen Buches gehören, und schließlich reiht sich liier nocl eine Künstlerin an. der es vorbehalten geblieben war. die jii disch-novellistische Illustration zu schaffen. Durch die Dich tungen eines Mendele, Scholein Alejchim und Perez ist uns eint besondere Welt jüdischen Lebens und jüdischer Einstellung e öffnet worden. Die lebhafte Phantasie und der eigenartige Humor, der sich in einer grotesken Kunst kundtut, wie sie die jüd: