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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1928-12-29 · 52 (29.12.1928) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
4 (1928)
Issue
52 (29.12.1928)
Date
1928-12-29
Page
[Seite] (sequence 5)
Language
German
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Seite lUrftigkeit in rein materiellem Sinne in Anspruch genommen, i! wer gegeben hatte, glaubte eine religiöse Pflicht erfühl zu Ii «n. Daß mit Almosen, mit uncrarbeitetem Uelde die Kraft des |. dachten nicht gestärkt, sondern geschwächt wurde, «J;11• in den i sten Fällen nicht Helfendes geschaffen, mehr Schaden ais \ /eii gestiftet wurde, j;i ü;iIi mit dem eisten Almosen Men; en für ihr Leben lang zu Bettlern gemacht winden, das de nicht so verhängnisvoll fär die Gesamtheit wie heute, so I. ^e eine Gemeinde unbewußt Aufsicht übte und ernstliche S udigung verhütete und gutmachte. Füi die Erziehung unserci tigen Jugend bedeutet das, sie sollte gelehrt werden, nicht \ isen zu «eben, sondern Hille zu bringen. Wie stark der i i schied in der Auffassung der Generationen von ihren : Ilten dem Mitmenschen gegenüber war. /eim sich daran, da Ii i i vor einem Menschenatter in vielen Familien die Sitte best j, an bestimmten Tagen, meistens am Freitag ganzen Reihen vi Bittenden Almosen zu geben, ohne Ansehen der Person. In isem liehen entlasteten diese „Wohläter" ihr Gewissen, und Kinder sahen dann eine I radition, die sieh ebenso vererbte wn Jas Besclienktwerdcn. Ein Beispiel Lüdet der Teil der früheu lerusalemer Bevölkerung, der von der Chalucka lebte, und dt 'iiit Entrüstung dagegen protestierte, ein Recht zu verlieren, ie Chalucka aufhörte. Diese traditionelle Auffassung von \\ iltätgkeit, die heute nur für die ganz Arbeitsunfähigen und für die Alten noch wellen mag, ist asozial. Sie trennt die Men- H mehr voneinander, als sie sie einander nähert. Das einsehe Moment durch Persönlichkeit und Lebensführung in den «rollen Gemeinden ohne Einfluß, und das Ansein anderfallen unserer Gemeinschaft, das durch Areligiosität, Fainilienlockerung und andere Faktoren seit langem das jüdische Leben durchlöcherte und bedrohte, beschleunigte auch den den Verfall. I -r zeigt sich in den mitleidlosen Zahlen des Geburtenrückganges in den Ehen, des Anwachsens der Zahl unehe k r Kinder, der „Verhältnisse", der Mischehen, der gefährdeten lugend usw. Angesichts dieser Verfallserscheinungen bricht langsam wieder der Gemeinschafisgedanke Hahn im sozia- Sinne der Verantwortlichkeit. Sie ist altes jüdisches Erbgut, < uchsen ans der vom Judentum vollzogenen Entdeckung des W neiisehen. Jede Sünde des ein/einen ist nicht mir eine Sünde st eii Gott, sondern auch eine soziale Sünde. Das Unrecht, das .1 chieht und das man hinnimmt und geschehen läßt, ist ein ales Unrecht an der Gemeinschaft. Daraus allein ergeben unzählige soziale Aufgaben für uns luden. Wir sehen S inptome, die uns Besorgnis einflösen, Zustände, die uns errecken. \\ ie entdecken wir ihre Ursachen, wie entfernen wir s . ehe die Krankheit ausbricht? Wo sollen wir anfangen, um i < iemeinschaft vor Folgen zu schützen, die ihre I Ihre und ihren i stand in Frage stellen'.-' Nicht voii Wegen und Methoden rein I sorgerischer sozialer Arbeit soll hier die Rede sein, sondern \ i dem. was den Grundstein des Aufbaus bildet, von der rein ischlichen, sozialgesellschaftlichen Hasis der Gemeinde. Wir sind weit entfernt von der wahren Demokratie, wir spren verschiedene Sprachen nebeneinander und verstehen uns lt. Die einzelnen seilen mir ihre besonderen Interessen und it die allgemeine Aufgabe, unser Judentum zu erhalten und / gestalten im Sinne des einigenden Qottesgedankens. Solange aber getrennte »jüdische Bevölkerungskreise" haben, die i ander nicht kennen, wenn sie auch dreimal im Jahre im 1 tteshause beisammen sind, solange es „bessere Juden'- gibt, uigc wir noch jenen aiiseinanderreilieiiden (icist unter uns Ii ben, der von allen Geistern der verbreitetste und unter uns len der absurdeste ist. den Kastengeist, solange werden die liwierigkeHen im sozialen Aufbau jüdischen Qemeinschafts- »ens nicht beseitigt werden. Selbst die Erschwernisse durch innerjüdischen politischen Spaltungen würden durch beses soziales Verständnis, durch Erziehung zur Qutgläubigi. zur wahrhaftigen reinen, vorbildlichen Lebensführung gc- Idert, vielleicht beseitigt werden. Das ist die «rolle Bedeutung zialer Arbeit, dal! sie den Hoden, v ielleicht den einzigen Hoden bildet, am" dem die Gegensätze in unserer Mitte sich ausgleichen w erden. Hier liegt wahrscheinlich eine Lösung der so vielfachen, nur mit Worten und Ratschlägen beantworteten Jugendfragen, der Jugendsehnsucht nach der Teilnahme an den «rollen Dingen der Menschheit, „an jener Arbeit, die von der «rollen Schuld der Zeiten Minuten, I age, Jahre streicht". Ein starkes Heispiel der lebendigen Durchführung dieser Sehnsucht, einander zu erstehen, um miteinander ZU leben und zu schaffen im Rahmen der religiösen Gemeinschaft, ist das Os'tloudoner Settlement von Basil und Rosie Henriquez, In religiösen, künstlerischen, seelischen Erlebnissen bildet sich eine Atmosphäre freudigster Kameradschaftlichkeit und hier wächst eine Jugend heran, die Verantwortlichkeit füreinander lernt und weiterträgt ins Leben. Line Jugend, die die alte Kultur unserer Religion kaum mehr kannte, weil sie Litern und Großeltern verschüttet worden war durch Hunger, Not, Pogrom, durch I nwissenbeit, Starrheit und Aberglauben. Sie findet im Heim Hunderte haben es gefunden und haben es erlebt neben dem Geschenk der Zivilisation eines freien Landes, das sie Ordnung und körperliche Reinheit, die Vorfrucht seelischer Reinheit, lehrt, das unmittelbare Erlebnis höchster jüdischer Kultur in Gestalt ihrer l iilirer. Hier wächst ans der Freiide an dieser selbstlosen Führung, an diesem wahren Mitmenschentum Freude an der Gemeinschaft und Freude au der Arbeit draußen im Lebenskämpfe, Verständnis für die Sorgen und Nöte, für die Pflichten, aber auch für die Rechte des Elternhauses. Hier erzieht man zur Verantwortlichkeit füreinander und für die Allgemeinheit über die Sonderinteressen hinaus. Führer und Geführte, Lehrer und Lernende sprechen eine Sprache und verstellen einander. Oft ist diese Sprache Musik, sie zeigt sich auch liier als die sozialste aller Künste, die die Gegensätze ausgleicht und das Ungeeignete bindet und die Freude schafft, selbst in der «rollen Arbeit, das Handwerkliche zu meistern. Das Ostlondoner Settlement ist. soviel ich weiß, das einzige jüdische Settlement in England, es ist das Heim der lugend in Whitecliapel, der helle Lichtstrahl im Leben des dunklen armen, schwer arbeitenden Ghetto, Verheißung und Erfüllung, Freude und Glück für Kinder und Eltern und Brücke von der Gegenwart in die Zukunft. Die durch das Settlement gegangene lugend fühll die Missn n. weiterzutragen, was sie erworben hat an jüdischer Kulturarbeit. Das Settlement des Ehepaars Henriquez, das seine Zeit, sein Vermögen, seine ganze Kraft diesem sozialen Aufbauwerk widmet Von v ielen Hellern in demselben Geiste unterstützt . hat viele Nachahmer in Amerika gefunden. Oder waren diese schon früher da und hatten sie ihr Vorbild im Hüll House der Jane Vddams,einer Ouäkerin, und im Henry Street Settlement in Neuyork gefunden, das von der Jüdin Lillian W ald mitten im Ghetto der Riesenstadt errichtet wurde'.-' Diese sowie das Werk der Henriquez sind wohl zurückzuführen auf die erste Settlementarbeit überhaupt, auf Toynbee Hall, das Arnold Toynbee im Londoner Osten schuf, wo er junge Oxforder Studenten verpflichtete, mindestens ein Jahr unter der arbeitenden, au Glauben verschiedenen Bevölkerung zu leben und im Mitleben und Mitarbeiten den sozialen Frieden ZU bereiten. Solche Gemeinschaftskeime in der Gestalt von Jugendheimen müssen auch bei uns fruchtbare Saat aufsprießen lassen. Solche Heime zu gründen Ist die notwendigste soziale Aufgabe der Gemeinden. Sie werden die seelisch, geistig, körperlich obdachlose Jugend bodenständig in der jüdischen Gemeinschaft machen. W as abtrünnig zu werden droht, aus Vereinsamung, aus Maugel an Kameradschaft, aus Unfähigkeit, der Umwelt zu w iderstehen, die sie aufnimmt, um sie ganz zu resorbieren, wird neue Hin dun« finden, letzt nach den schweren Versäumnissünden, welche die Trägheit unserer Herzen verschuldet hat. kommt der aufrüttelnde Ruf der Jugend. Hören wir auf ihn. ehe es zu spät ist. nähren wir das Feuer, ehe es verlöscht!

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