Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 4 (1928)
- Issue
- 52 (29.12.1928)
- Date
- 1928-12-29
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/4876568-5968788-5969070--2195-4879806- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 2 GEMEINDEBLAT1 DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZI LEIPZIG Ninimi .1 »,i die hiesigen Qarköche der jüdischen N;iti<>n die Speisen gar nicht nach unserer Zufriedenheil zubereiten, und wir .in keinem Orte die Speisen so schlecht gemacht finden als in Leipzig, so haben « ir die G IUckc Be re ii 1.1. welche in der Königlichen Küche /n Berlin die Kochkunst gelernet, darzu ausersehen und sie dahin vernu cht, daü sie sich entschlossen hat, in den Leipziger Messen eine QarkUche anzulegen, daher wir denn sehr wünschen, dal.i die von derselben dieserhalb gesuchte Conzession ihr ertheilel w erden möchte," Unterzeichnet war dieses Gesuch von den angesehendsten Berliner .Inden, auch lag ein Zeugnis bei, ans welchem ersichtlich war. dal! Glücke ßerend drei Jahre l*'i dem angesehenen Leipziger Schutz- und Handelsjuden Elkan Her/, dem Freunde Mi ses Mendelssohns, und sieben Jahre bei dem Berliner Bankier Mendel Oppenheim als Köch:n in Stellung gewesen war. Der Rai gestattete ihr auf diese Fürsprache hin. auf dem BrUhle eine Garküche zu errichten. — Vuch von anderer Seite wurde des öfteren Klaue geführt gegen die Inhaber der Garküchen. So schrieb die Polnische hidenschaft am H. Oktober 1804 an den Rat der Stadt: „Da w ir haben bemerken müssen, daß unter den Leuten von unserer Gemeine, während sie auf der Leipziger Messe heysammen sind, laute Klagen über ihr Essen geführt werden, weil man in den gewöhnlichen Judenküchcn unsere Speisegesetze und Verbote so leichtsinnig vernachlässigt, als 1 b die ganze Sache /um Gespött geworden wäre. Und da es in unserer Gewalt nicht stehet, diesen Unordnungen abzuhelfen, so haben wir. die Unterschriebenen, nach Überlegung der Sache den Entschluß gefaßt, daß uns unser Essen in der Messe zubereitet w erden soll vi n dem hochgelehrten Herrn Schammesch aus Lissa. Vorsteher und Lehrer der Binder Schule a I I Ii i e r. Denn Wir wissen, daß er Religion besitzt und daß auch seine Frau religiös «einig ist, dali sie es nicht für unbedeutend hält, irgend etwas von dem zu thun, was unsere Weisen verbothen haben, und dal! sie (beide) auf alle Dinge Acht haben werden, damit alles koscher und vollkommen sey. Sooft wir auch künftig mit Gottes Hilfe zur Messe kommen werden, soll uns das Essen allzeit von dem gedachten Herrn Joseph David Pick Beschickt werden, auch verpflichten wir uns bey den Herren des Rathes in Leipzig zu unterstützen, daß ihm erlaubt werde, für uns eine Garküche mit der nöthigen Bedienung zu halten, damit er unsere Wünsche befriediget da wir darauf bedacht sind, uns von jener unrechten Handlungsweise entfernt zu h.dten. Gott wird dazu helfen und wird ihm Verstand und Einsicht verleihen, um seine Aufrichtige Gottesfurcht zi weisen. Dies alles zu bekräftigen, haben wir uns eigen n. diu unterschrieben." F s f o I g e ii die N a m c n : Fiasar Chajim, Levit Bär Jehoschia aus Ilro< Abraham Nathan U liana us Krakau, Mose Isaac aus Brod, Kolonymus Kaiman aus I Joseph Meier Lansnn Bind. Dob Bcresch Cohen aus | Inda Löw Mose .ms Bn Abraham Nelken aus Bn Jacob Bär aus Brod. Mose Jacob Zetzsches u. Brod. Iiiisch Schlesicr, Geldw» ler. ans Brod, luda Low Cohen Tarler Brod, W oiif aus Weißenfeld, Jopha Stelzer aus Brod. Nachman Koritzer aus Bn Johel Joseph aus Brod. Bartich, < ieldw echsler. Brod. Mose David, l evit aus Bi Joel Satlew<w aus Brod. Der \oii diesen Brodyer luden empfohlene Schuldiener I stand bei den Stadtgerichten in keinem unten Ansehen, i es mit dem „Judengesindel" hielt. Der Rai wollte ihm da keine Konzession erteilen. Als die Brodyer Kaufleute hei Ankunft zur Michaelismessc obigen Jahres dies erfuhren, \ ■ langten sie vom Rate Entgegenkommen, da sie doch die stäri ti Judenschaft zur Messe seien, auch machten mehrere vi n ilu ..in einer Messe für mehr als 5n min Thlr. hier in Leipzig 1 schälte." Würde ihrem Wunsche nicht Rechnung getrai wolle man diese Geschäfte auf die Naumburger Messe V legen! Der Rat bewilligte daraufhin das Gesuch und erte dein Lehrer an der Brodyer Schule die Konzession /nr Frn - tun.« einer Garküche für die polnische Judenschaft. So vermehrten sich die Garküchen von Jahr zu Jahr: L i waren deren bereits |s im Betriebe. Die Besitzer aber klau insgesamt Dber schlechte Geschäfte, ..da ihrer zu viele seil UBER SOZIALE ARBEIT Von Paula Ollendorff Wenn Erfahrung der Ausgangspunkt sozialer Erkenntnis und Gerechtigkeit der Sieg dieser Erkenntnis über die menschlichen Instinkte ist. dann bedarf es noch der Liebe und der schöpferischen Phantasie, damit aufbauende soziale Arbeit geleistet wird. Ohne diese beiden wird die Arbeit keine erzieherische Kraft haben und entweder nur dein Augenblick dienen oder leicht zu Schablone und Routine w erden. Dann heut d.e Gefahr berufsmäßiger Sozialarbeit Ihr sollten nur Mensel eii dienen, welche die künstlerische Gabe haben, die jedem Erzieher zu eigen sein muß, zu schauen und zu formen; denn alle soziale Arbeit ist Erziehung zu dem einen Ziele: Den Menschen zu helfen, nieiischenw iirdger zu sein und menschenwürdiger zu leben, um Gott ähnlicher zu werden. Dieses Ziel i^t das unseres jüdischen Lebens. Die religiöse Durchfurchung der Seele hat es nach jüdischem Denken zum Zweck, die Saal sozialen Pflichtbewußtseins reifen zu lassen; hierin liegt das aber den ein/einen und seine Seelenruhe hinausgehende Ziel des Judentums.Denen zu helfen, die dem Leben n gewachsen sind, sei es aus körperlicher, seelischer geistigerv sei es aus der Schwierigkeit und Unfähigkeit, aus eigener Ki das Lehen /u leben, aus dem Druck von Sorge und Unglück s zu befreien, wird Gebot. Aus ihm entstand ganz natürlich i Tradition der Wohltätigkeit unter den luden: sie war in ihi Folgen für den einzelnen und für die Gesamtheit Ubersehbar, lange die Juden in kleinen Gemeinschaften lebten, wo Beisp und Vorbild einen menschlichen Maßstab gaben. Unter den v« änderten Verhältnissen des heutigen jüdischen Qemeinschaf lebens müssen dem geheiligten Inhalt indischer Nächsteniii andere Ausdrucksformen gegeben werden. Mitleid und W( tiitigkeit, in das die Tradition zum größten Teile umges« v urde, sind nicht Nächstenliebe. Sie 1el>eii dem Augenblick, ei lasten nur das eigene Gewissen, sind keine soziale Arbeit bauen nicht auf die Zukunft und für die Erreichung unsei Zieles. .Das gute jüdische Heiz" wurde vornehmlich iiir Iii''