Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 4 (1928)
- Issue
- 51 (21.12.1928)
- Date
- 1928-12-21
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/4876568-5968788-5969068--2182-4879794- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite -' U.MI im.I 151 AI I DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG Nummi einmal zurück. Ob nicht die Gründung „gutgesinnter" Zeitungen möglich sei. „Unmöglich." Nathan erwähnte, dali man sich in Rußland von der Sozialdemokratie eine stanz falsche Vorstellung mache. Auch Bebel sei keineswegs so extrem. Witte: ..Lassen Sie ihn doch ZU mir kommen." „Man würde sauen: Hebel ist ein Verrückter oder ein Verräter." Am selben Abend noch ist er bei dem Innenminister Fürsten i Ibolenski. Obolenski, klug, stark reliuiüs. sagt: er tue. was er im Innern für recht halte, ohne jede Provokation. In der Judenage sei das ganze Ministerium einig. Aber die praktische Lösung sei schwierig. Unmittelbar nach den Pogromen hätte man die volle Gleichberechtigung geben sollen. Jetzt sei das erschwert. Vielfach ständen die .luden im Vordergrund der revolutionären Bewegung. Nathan machte den Minister auf den fehlerhaften Zirkel diese- Gedankenganges aufmerksam: weil man die luden malträtiert, sind sie revolutionär; wenn man warten will, bis sie ruhig sind, klimmen sie nie zur Beruhigung. Überall gewann er den Eindruck: unter Wille, aber Unentschlussenheit und schwächliches Zurückweichen vor der Ausführung, gleichzeitig das Bestreben, die Verantwortung abzuwälzen. W itte wagte keinen entscheidenden Schritt, weil ei sich Jen höfischen Intrigen nicht gewachsen fühlte. Im folgenden Jahre geht Paul Nathan wieder auf zwei Monate nach Rußland. Hie revolutionäre Bewegung hält an. Der Parteitag der Kadetten wird verboten. Witte ist gestürzt, die Duma gefährdet. Das offizielle Organ des neuen Ministerprädeuten Stolypin hetzt gegen die luden. Im Juli IWo kommt es zu Pogromen in Odessa, die von den Matrosen niedergeschlagen werden. Am 20. August 1906 hat Nathan eine Unterredung um Stolypin. und /war auf der Apothekerinsel bei Petersburg, auf der die Datsche de- Ministerpräsidenten liegt. Nathan betont, er habe als Ausländer kein Recht, namens der russischen Juden zu sprechen. Kr könne nur die Auffassung des Auslandes wiedergeben. Stolypin sagt geradeheraus, die früheren Regierungen hätten in der Behandlung der Judenfrage unglaubliche Torheiten gemacht. Ks sei ganz selbstverständlich, dali eine \olle Emanzipation erfolgen müsse. Das könne aber nur langsam geschehen. Mit Hilfe der Duma. Nathan: „Aber sonst geschehen doch einschneidende Maßregeln ohne die Duma. Es handelt sich hier um drängende Forderungen der < ierechtigkeit." Stolypin: ..Ich verfahre durchaus nach Recht und Gerechtigkeit" Nathan weist demgegenüber auf die Pogrome hin. Stolypin: ..Das ist kein Beweis, dal! die Regierung den Juden nicht Gerechtigkeit widerfahren läiit.'* Nathan: ..Die öffentliche Meinung der zivilisierten Welt ist davon überzeugt, dali die Juden keine Gerechtigkeit finden." Stolypin: „Wo mir ein Kall mitgeteilt wird, schaffe ich Remedur." Der russische Ministerpräsident skizziert dann die einzelnen Maßnahmen, die Nathan mit dem Finanzminister Kokowzew besprechen soll. Ks handelt sich um fünf Punkte: 1. Erlaubnis zum Aufenthalt auf dem Lande, j. Zulassung zu Direktorstellen, 3. Aufhellung der Beschränkungen für die privilegierten Kaufleute. -4. Zulassung zum Branntweinausschank, 5. Genehmigung eigener Schulen. Stolypin bittet seinen Besucher um eine schriftliche Aufzeichnung, ein W unsch, den dieser überhört, um sich nicht zu binden. Zwei laue darauf hat er die l nterredung mit dein Finanzminister. Kokowzew, ein kühler Bürokrat, der die Unterhaltung in einem ausgezeichneten Deutsch führt, ist sehr verstimmt, als Nathan präzise Anklagen erhebt, die die Mitschuld der Re rung beweisen, und auf die er nichts erwidern kann. Die abschließende Unterredung mit dem Ministerpräsiden n findet nach zwei weiteren lagen statt. Stolypin, abgcspti | und schwer bedrückt, gibt zu. dali die Regierung mit einer \ schärfung der revolutionären Unruhen rechne. Witte wi man aber nicht zurückrufen, er sei bei Hof unbeliebt. Stolj fragt schließlich nach der Aufzeichnung. Als Nathan erkläri r habe keine mitgebracht, nimmt das Interesse an der Bes] chung sichtlich ab. Stolypin hatte offenbar selbst die Emp dung, dali der Boden, auf dem sie sich bewegten, untermill sei. Sein Gefühl war berechtigt in .iedem Sinne. Das La haus, in dem sie das Gespräch hatten, flog zwölf Stunden spü in die Luft. Stolypin selbst war nicht anwesend, seine Kin und zahlreiche andere Personen wurden schwer verletzt. Paul Nathan beurteilte die politische Situation viel zu nii teru, als dali er sich der Illusion hingegeben hätte, mit pol sehen und humanitären Argumenten allein Reformen im in sehen Staatswesen durchsetzen zu können. Er versprach - einen größeren Erfolg von einer Stärkung der Duma, von d< Druck der öffentlichen Meinung in Rußland und der im Ai land. In allen drei Richtungen hat er gewirkt. Von dem Ergebi seiner Unterhaltungen verständigte er die Führer der Kadett* und der weiter links stehenden Parteien. Die russische Pre.» und die deutsche, die französische und die der angelsächsisch« Länder hat er mit Informationen versehen. Den Reformwilli der russischen Staatsmänner hat er gestärkt. Aus seinem Mun hatte die Meinung der zivilisierten Welt über die Vorgänge ihnen gesprochen, so rückhaltlos in der Sache, so vornehm Ausdruck, wie sie sie noch niemals vernommen hatten. Das Vertrauen des Ministerpräsidenten Witte hatte dei deutsche Besucher in solchem Maße gewonnen, dali der tusche Staatsmann jedesmal, wenn er nach Deutschland kam. ei Begegnung mit ihm suchte. Er sprach ihn noch im Herbst dt Jahres 1906. Seine eigene Untätigkeit als Ministerpräsident en schuldigte er damit, dali ihm die Hände gebunden waren. Di größten W ert leute er auf seine Schöpfung, die Duma. Mit B hauen formulierte er mehrmals den Satz: „Diesen Angelhakt hat man im Rachen, und man kann ihn nicht wieder herauszh hen." Er machte auf Nathan den Eindruck eines klugen ui rücksichtslosen Emporkömmlings, den eine tiefe Verachtun gegen das impotente Gottesgnadentltm des Zarismus erfüllt im der unverhohlen seinen leidenschaftlichen Halt gegen die zui Ausdruck bringt, die ihn aus dem Amte gedrängt haben. Dali die Minister die Reformpläne nicht durchsetzten. . denen sie sich Nathan gegenüber bekannten, war Schuld di höfischen Kamarilla, die die Zarenpuppe au ihren Drähten zo Nathan erschien den Ministern, wie einer von ihnen bekennt, a ehrlicher Mittler, der, zunächst auf einem Teilgebiet, zwischt Regierung und Volk Frieden stiften wollte. War der Ausschlli des großen russischen Problems, den er behandelte, auch in klein, so ruhrte er doch au die Lebensfragen des gigantische Reiches. Mancher der Staatsmänner, mit denen er verhandelt mag eine Empfindung dafür gehabt Italien, dali dieser Arzt au Deutschland, der so klug und so überzeugend die Humaniti als das beste politische Medikament empfahl, dem kranke Riesenkörper eine heilbringende Medizin verschrieb. War es zu spät? Fehlten Einsicht und Wille? Im Septem her l(X»ti wurde das Warschauer ludenv iertel Schauplatz ein«, neuen Gemetzels. Hundert Tote und mehrere hundert Verwun dete waren die Opfer, und die Kanonen, die man dann zu spü auffuhr, zeugten von der Unfähigkeit einer Regierung, die die Dinge so weit treiben ließ. Am 31. Dezember 1 *X>T» legte dei Ministerrat dem Zaren den Entwurf eines Manifestes vor. da wenigstens die die luden beschränkenden Bestimmungen voi 1882 aufheben und Landpachtungen im Rayon gestatten sollte. Der Zar wies auch diese bescheidenen Vorschläge zurück und verhinderte den Beginn einer Reform, die vielleicht nicht um den luden geholfen hätte.