Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 4 (1928)
- Issue
- 51 (21.12.1928)
- Date
- 1928-12-21
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/4876568-5968788-5969068--2181-4879793- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
i Bemeitio (Matt »tR ISRAELITISCHEN RELIGION SGfrM&IN DE- ZU tlPZIG - AMTLICHES NACH RICHTEN BLATT DER GEMEINDE-VERWALTUNG» irhrl111 e>lt an u < reutelnderabblner Guttat «ihn. Dm Geateindeblatl endtetnfl wAchenl uiY.im l reltag und Lrlpalfi Löhretruüc lo. - DU* StiiriHIciiunu üben ir die unter dem Namen dn Vcrfatatiie cndmlm launl nden NUMMER 51 / JAHRGANG 4 h ird dm Mitgliedern der Reltnjtonageai (liirdi dir Pont iiigeetellt, - tnielf elnde unentgeltlich enverwaltunu. m,t' II ripe und «Ii«- \ eretramach richten nur die pieiln liehe Verantwortun||. - Nnthdrudi nur mit Qu ueta* llcn- FREITAG 21. DEZEMBER 1028 11; uits: Buchdruckerel tugutt rYiet ttrafle 59 Kernrul 7OOO0 Poatac . I elpalg, Bruderleck Leipzig S3Q 2*» labe und mtt (•ciichniluiin^ des \ rrfassci«» \tv> tattei VruwtgenveHreterj J. kühne, Leina g, Bauhoratrattc 9 DER ZARISMUS UND DIE JUDENFRAGE Erinnerungen an Paul Nathan Paul Nathans Wirken in Rußland Besuche bei Witte und Stolypin Humanität, das beste politische Medikament Kiiist Feder, der bekannte und angesehene Publizist, schreibt in einem kleinen, reich illustrierten Buche die Interessante Lebensgeschichte des großen Menschenfreundes und einflußreichen Politikers Paul Nathan, dem er bis su dessen Tode im Jahre 1927 in Freundschaft nahegestanden hat. Wir bringen mit freundlicher Genehmigung des Verlages, der Deutschen Verlagsgcsellschafl für Politik und Geschichte m. b. Ii. in Berlin, aus dem gerade in diesen Tagen erscheinenden Buche einige hochinteressante Abschnitte zum Abdruck. DVG. Das Studium der kleinasiatischen Verhältnisse, der Amitotischen Bahn, des wachsenden wirtschaftlichen und politischen Einflusses, den Deutschland in der Türkei und in Kleinsien gewann, hatten in Paul Nathan denQedanken wachgerufen, neben die Pariser jüdische Alliance und ihr französisches Schulwerk eine deutsche Alliance mit deutschem Schulwerk zu Stelen. Im Jahre 1899 traute er Ikm dem Auswärtigen Ami an, ob las Reich einer solchen Alliance Seluit/ gewähren würde. Ohne lesen Schlitz w ar die Arlvit im Ausland unmöglich. I >as Ami gab zunächst eine ausweichende Antwort. Nathan erfuhr mm gelegentlich, daß man die Botschaft in Konstantinopel und die Konsulate in Kleinasien um Qutachten ersucht hatte. Er seihst tat, Wie das seinem Charakter entsprach, von sich aus keinen v eiteren Schritt. Da tritt im Herbst ivini das Auswärtige Amt an ihn heran: auf Qrund der vorgenommenen Prüfung erscheine es zweckmäßig, daB eine deutsche Alliance mit den dargelegten Zielen iis Leben trete: das Auswärtige Amt sei bereit, ein solches I iitcrnehmcii zu fordern. Lr erkennt natürlich sofort, dall für die Regierung Erwägungen nicht der Humanität, sondern der politischen Nützlichkeit den Ausschlag geben. Aber er bemerkt dazu: ..Wenn die Nützlichkeit mit humanitären Bestrebungen zusammenfällt, um so Ik-ssct und um so nutzbringender." Er entwirft den Aufruf und die Satzung der neuen Organisation. ) Ernst Feder, Politik und Hunt ani(9 t. Paul Nathan, lau Lebensbild. 1928. Deutsche Verlagsgesellschaft iur Politik und Geschichte m. b. Ii.. Berlin W s. I »er 20. Mai l'XH w ird der (ieburtstag des Hilfsvereins der deutschen Juden, der m einem Umfang, wie kaum eine humanitäre Organisation vor dem Krie^. Menschenhilfe geleistet und den Paul Nathan fast ein Menschenalter geleitet hat, zusammen mit seinem Freunde, dem Berliner Großkaufmahn James Simon, einem Philanthropen und Kunstkenner, der in der Selbstlosigkeit seines Charakters und der Schlichtheil seines Wesens manche ihm verwandte Züge hat. Als die russische Revolution von 1'AlS ausbrach, war nach allen bisherigen Erfahrungen anzunehmen, dall mau den Versuch machen würde, sie im Blut der russischen Juden zu ersticken. Deshalb entschloß sich Nathan, persönlich nach Rußland zu gehen, um mit den maßgebenden Ministern Auge in Atme zu verhandeln. Vorher hatte er in London eine Unterredung mit Lord Rothschild. Sir Claude Montefiore und Sir Samuel MontagU, mit denen er seine Pläne besprach. In RuBland blieb er drei Wochen und besuchte Petersburg, Moskau. Kiew und Odessa. Die erste Konferenz mit Witte fand am 22. November 1905 statt. Hochgewachsen, fast unbeholfen in seinem (iliederbau. abgearbeitet, trat der russische Ministerpräsident zunächst sehr kühl diesem deutschen Privatmann gegenüber, der in innerrussische Verhältnisse hineinreden wollte. Lr erwärmte sich rasch, als er erkannte, wie klug und klar sein Gegenüber die Fragen der Humanität und der Gerechtigkeit mit den wirklichen politischen Interessen Rußlands zu verbinden verstand. Witte erklärte: „Wir sind mitten in der Revolution. Wil können die Judenfrage nur stückweise losen, sonst gibt es ein Blutbad." Nathan: „Die Zivilisation kostet Blut. Rechts und links wird auf die Juden losgeschlagen. Rußland steht wieder \ nr Pogromen." Witte gab das zu. I>ie bisherige Regierung sei eselhaft gewesen, daß sie es soweit kommen ließ. Aber jetzt sei es soweit. Zu einem praktischen Resultat führte die Unterredung nicht. Ali der Tür hielt der Ministerpräsident seinen Besucher noch