Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 4 (1928)
- Issue
- 50 (14.12.1928)
- Date
- 1928-12-14
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 2 GEMEINDEBLAT1 DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG Numm< jüdischer Altertümer Fortzusetzen wären. Denn wir können es nicht leugnen, daß eine nennenswerte Ritualkunst heute nichl mehr besteht, oder wenn sie besieht, doch in einer durchaus anderen Art. als es jene von einst war. Und doch das kann ebenso wenig angezweifell werden besteht heute das Judentum noch, und /w.n kaum weniger ausgesprochen als ehedem. Nur ist es heute in seinen Äußerungen weniger leicht zu finden, und weniger einfach zu deuten. Denn dieses Judentum besteht ik mehr im Reinreligiösen und Kulthaften und ist keineswegs mehr nach außen so abgeschlossen, wie früher. Was aber - so frage ich mich wird davon nun bleiben? Bewahrt werden? Wo wird man die Möglichkeit haben, sich darüber zu informieren, sich davon ein Bild ZU schaffen? Das aber ist schon heute kaum möglich, und späterhin wird es noch viel schwieriger sein. Mich reizt /.. B. die Soziologie der jüdischen Familie heute. Mich drängt es genau zu wissen, welchen Anteil haben Air deutschen .luden an den deutschen und europäischen Kuls stuugen auf kimstierischen, wissenschaftlichen, sozialen, philosophischen, merkantilen, kurz in allen schöpferischen Qebieten? Wer kann mir darüber Bescheid neben? Wo kann ich das Bild davon sehen? l ud wenn zwanzig, vierzig Jahre verflossen sind, wo werde ich sehen können, was heute war? Ich möchte mir vielleicht nein den Aufbau einer jüdischen Familie \. n IS80 bis heute vergegenwärtigen____aber wo und wie kann das ...--.liehen? Nirgends! Nirgends! Bislang kann weder das eine noch das andere irgenwo in der Welt geschehen. Das aber erscheint mir eine große Aufgabe jüdischer \ seen. Zuerst einmal ... jüdische Familienarchive zu fflln anzuregen, zu beraten und zu überwachen. Von meiner Farn sind drei, vier, fünf Generationen Bildnisse. Photos, Dokumei Bücher, Zeugnisse von Leistungen, charakteristische Einri tungsgegenstände und Erinnerungswerte überall zerstreut, sicher wäre es lehrreich, diese Dinge irgend bei einem Mitglu zu vereinigen. Niemand ergreift dazu die Initiative, und werden in zehn, zwanzig Jahren fast ganz vergessen und a cinandergerissen sein. Dafür seht Ihr müßte eine priv oder öffentliche Stelle sein, die sorgt, daß es nicht geschu daß sie eben zusammenbleiben. Wo, aber, können wir sei welchen Anteil die deutschen Juden in den letzten dreißig J reu an der deutschen Malerei, Literatur, Musik und dem The, hatten? Nirgends! Nirgends! Dali jemand Bücher über Jui sammelt, kommt öfter vor (nicht nur in meiner Bibliothek diese Art von Literatur ein eigenes Fach), aber dal! eine Sti solche viin jüdischen Autoren sammelt, habe ich noch nicht merkt. Oder gar eine Übersicht über das Schaffen jüdiscl Maler oder eine solche, die die Lebensarbeit eines Ehrlich i Ncilier zeigt. Alle diese Dinge jedoch gehören ebenso zu ein jüdischen Museum, wie die Silberfiligranarbeiten alter Psoi blichsen und eine Formensammlung altjUdischer Qrabsteim Ich weiß - ich weiß, das läßt sich natürlich nicht \ heute auf morgen machen: aber mau muß nun endlich mal tat sam beginnen, so etwas vorzubereiten, und aufzubauen. Auf Sabbat Chanukka Line Skizze;nis dem Lehen der Chassldim. Von Blnjamin Stn I. Der Frost w,ir st.trk und druckte wie eine schwere Last auf die Erde, welche mit einer dünnen Glaskruste überzogen seinen: überall funkelte und glitzerte der Schnee von den sehnigen Strahlen der Sonne, die nahe am Himmelsrande hing und leuchtete, ohne zu wärmen. Bei ledern sdiritt Hell sich ein scharfer, knisternder I on vernehmen, und wenn Reh Jekel atmete, legte sich ihm gleich ein Reif auf den Sclinurbart. Er ging rasch, um sich wann zu halten, und da er Langweile v erspurte, ließ er die Gedanken vorauseilen und gedachte seiner Frau, die ihn erwartet und nun emsig schaffte, um diesen besonderen Saiih.it wurdig zu feiern. Woher nur die Arme das (leid dazu genommen haben mag? (Ihne Zweifel hat sie die Messingleuchter verpfändet. Auf dem Usch werden ihn die Sabbatlichter, in zwei großen, ausgehöhlten Kartoffeln steckend, begrüßen. Doch was tut das? Er sah das kleine Stäbchen deutlieh vor Augen, in welchem etw;is Poetisches, etwas Festlich-Freudiges jeden W inkel erfüllte Er stimmt ein Lied an. während aul der Tafel die Fische dampfen ... Denn die Fische hat sie eevvifi besorgt, die kleine, gute Frau. Wer in der ganzen Welt versteht es denn auch so Fische zu bereiten wie sie? Sie haben einen Duft und einen Geschmack ... Na! ... Iiier begann ihm der Mund zu wassern, und der ieere Magen knurrte ein wenig. Reh Jekel schämte sieh, jetzt so ohne weiteres;uis Lssen zu denken, und bemühte sieh, seinen Gelten eine andere Richtung zu gehen. lir malte sieh aus, wie er nach dein Abendessen au den Tisch des Rabbi gehen wurde. Alle machen ihm Platz, er erhalt einen Sitz zur Rechten des Zaddik. eine herzliche Bc- KrüBung folgt und dann beginnt die „Thon". Alle halten den Atem an und lauselien. indem die hinteren Reihen auf den Schultern ihrer Vordermänner liegen. Man klettert auf die Danke, in die Fensternischen, aber nur wenige bekommen etwas zu hören, denn der Raum ist weil und die Menschenzahl grolt. Reh Jekel aber verliert kein Wort. Dann löst sieh die Spannung ein wenig und der Rabbi sagt seherzend: . Weh jekele, es ist eigentlich unrecht von mir. daß ich dieh l.ceho- Daudi singen lasse.- Iber streichelte er ihm die Wange. ..Wenn ich nachher zu beten beginne, kann icli die Gedanken nicht zusammenhalten. Sogleich kommen deine I riller und Impfen und tanzen mir im Kopie herum, dal! ich keine zwei Worte zusammenbringe." Reh Jekel lächelt etwas verleben lind der Rabbi legi ihm die Hand auf die Schulter und führt fort: ..Aber was soll Ich sündiger Mensch tun? Ich muH deinen Lcehn- Daudl hören. Es tut mir wohl, und ieh fohle, daß bei deinem Gesänge mir die Neschama Jessera kommt. Ja. ja." Jetzt ruht die Hand des Rabbi wie segnend auf Reh Jekels Hai dessen Gesicht voll einem glückseligen Lächeln erstrahlt, während anderen ihn neidvoll und zugleich wohlwollend ansehen. Ja. wer au so singen könnte! Aber singen, das kann nur Reb Jekel allem. Wohl mau schon viele Chasonim in der Welt gehört. Doch keinem vvai dem Maße die (labe zuteil, die Seelen zu rühren. ..Wisset ihr. meine Lieben", nimmt der Rabbi nach einer Pail wieder das Wort. ..mein Großvater, der im Himmel weilt, pflegte zu l zählen Hier senkte er etwas die Stimme und beginnt von jenem berühmt Chassid zu erzählen, der so wunderbar sau«, daß kein Mensch il widerstehen konnte'. Einmal verirrte er sieh im wilden Wald, er wa dcrie und wanderte und konnte keinen Ausweg finden. Räuber üb« fielen ihn. schlugen ihn in l essein und wetzten schon die Messer, tun il den daraus zu machen. Da besann er sieh, dal! es Freitag abends v\ und er wollte nicht ohne Gebet aus dieser W elt scheiden. Und er fleh die Mörder an. ihn noch ein Stündchen am Leben zu lassen, um nur d. Sabbatgebet verrichten zu können, l ud er begann zu singen und sai ohne Aufhör, denn sein Herz war sehr bewegt. Iiis die Banditen, übe wältigt und zerknirscht, sich ihm zu Füßen warten und um Verzcihui baten. Sie bereuten ihre Sünden, taten Buße und wurden fromn Leute ... Unzählige Male halle man diese Geschichte vernommen. 111 doch war sie jedesmal den Hörern neu. und jedesmal überlief sie i neuem ein Grauen, Welches sieh in einen Wonnesehauer aulloste. Dai folgte eine Reihe Geschichten von Chasonim und Synagogensänger eine wunderbarer als die andere. Von leiiem. der am VersöhmingStag wahrend er den Psalm „Aus den liefen ruf ich zu dir" sang, vor de1 Altar in himmlischer Verzückung seine Seele aushauchte, oder vi jenem anderen, dessen (icsann einen Fürsten, der alle Juden sein« Stadt eingekerkert hatte, um sie umzubringen, so tief rührte, daß er di Gefangenen frei nah. Am meisten erregte die Teilnahme das Schicks, der „Nachtigall". Das war iener Wunderjüngling, dessen Augen s leuchteten wie die Sterne und dessen Stimme wie die einer Nachtiga klang. Die Schloßgräfin hatte ihn belauscht und trug sündhafte Gelüst nach ihm. Fr floh, aber die hose Frau verfolgte ihn überall hin im drohte der ganzen Gemeinde mit ihrem Zorn. Da betete er zu Gott, da1 ihm das Licht aus den Annen und die Stimme aus der Kehle genommet werden möchte. Seitdem hatte niemand mehr einen Laut von seine Lippen vernommen; stumm und blind irrte er bis au das Finde seinei läge von Stadt zu Stadl und von Land zu Land ... Dei der Erinne rung au diese Geschichte wurde Reb Jekel von der Rührung so übermannt, daß er heiße Tränen aus den Augen hervorquellen fühlte. Lud dei Rabbi, wie er sieh den Bartzipfel kräuselt und horcht, die grölte Stilb« mit ihren dunkel flackernden Kerzen, kurz: alles stand ihm so lebendig vor der Seele und beschäftigte ihn so sehr, daß er erst aus seinein Sin-