Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 4 (1928)
- Issue
- 50 (14.12.1928)
- Date
- 1928-12-14
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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iBemriuöebktt ER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG AMTLICHES NACH RICHTEN BLATT DER GEMEINDEVERWALTUNG! hrtftleltungi CenieindcraobtncT Gustai Cohn, i Ipslg, Löhrstraoe lo. - di<> Sitnitllciuin« nbernhaan' ii die unter dem Namen des \ erfassen* erscheinenden Ige und die V erelnsnach richten nur die preflgatett- [(die \erantwortuitg. — Nath<lru(k nur mit (Juellrnibc untl mit Genehmigung des Verfassers gestattet NUMMER SO / JAHR« AN« 4 FRE ITA« 14« DEZEMBER 1028 Das (tcint'indrld.iti erschclnf wöchentlich am I reiten und h ml den Mitgliedern di r Reltglnntgenwlndc unentgeltlich durtti dir l'osi RUgMtdlti - An/elp» n\er» altUIUJ und Di ui^: Buchdruckerei August Pries, Leinaig, BrQderstnuV 90 Fernrul 70006 Poetscheck Lctpalg 59030 rVnictgenvertreteri .1. Kühne. Lelpalg, Bauhof strafte »> VON PSOMBÜCHSEN UND ALTEN HAGGADEN Von (i e o r g Vor wenigen Monaten sah ich im Cluny in Paris die jüdischen KultgeKenstSnde derSammlungRothschild, eine Stiftung der Baronin Natalie von Rothschild, (iold- und Silberarbeiten, Bücher und Thorarolien und Manuskripte, Sabbathinid Chanukahleuchter und Psombüchsen, Beschneidungsinstrunte, sehr reiche und zierliche Filigranarbeiten, Stickereien ü Vorhänge für Thoraschreine und so fort. Ks waren zwei 1 iv fiihlsgriippcn. die sich dabei regten und seltsam in Widerruch standen. I >ic eine war die des Kunstfreundes und des Summlers, der den artistischen Reiz der Dinge zu sehen gcohnt ist: und die andere war die des persönlich als Jude an esen Bingen beteiligten Menschen. Ja, mehr als das. ein Gefühl, das ich nicht beschreiben, sondern nur umschreiben kann. I 'äs aber ist der letzte Rest meiner Empfindung bei diesen Kultegenständen, die aus vergangenen Jahrhunderten kommen ... in mitzitterndes Gefühl: es hat Menschen gedient, die übliche Züge trugen wie Ich; es war wie ein (iold- und Silber-;himmer in ihrem Leben; und es ist weiter von Menschen gc- Jiaffcn worden mit ähnlichen seelischen Zügen. Von Handerkern mit Freude an der künstlerischen Tradition und an der iünstlerischen Note. Ich empfinde vor diesen Gegenständen in inem erhöhten Maße das Tatwamasi das bist Du als ich s sonst bei der Kunst empfinde. Alle diese Gefühle streiten iIkt miteinander. Iiis vor einigen Jahrzehnten hat man doch überhaupt die Ansicht vertreten, daß der jüdische Tempel und das jüdische Maus in seinen Riten vollkommen kunstfreuid waren, und erst durch Sammlungen, Wie diese im Cluny und das Museum jüdischer Altertümer in Frankfurt und neuerdings in Berlin, haben weitere Kreise sich eines besseren belehrt. Wir aber sind uns jetzt doch bewußt geworden, dal! auch für beides immer Gegenstände von feiner Eigenart geschaffen worden sind, die wir weder übersehen dürfen, aber die wir das saut mir mein langjähriges Interesse an den Werken der bildenden Kunst und vielleicht noch mehr des Kunstgewerbes auch nicht überschätzen dürfen. Selbst ihre besten Stücke wandeln doch nur für eigene Zwecke die Stilkomponenten der Zeit ab. Meist haben sie mit einer merkwürdigen man möchte sauen jüdischen Zähigkeit längst vergangene Stile sogar konserviert. Die silberne Psombüchse aus dem Maus meiner Großeltern ist noch Herrn a n n. die gotische Monstranz (wenn nicht die gotische Monstranz Uberhaupt die Psombüchse ist). Die kleinen alten Synagogenräume, die das Luitpoldmuseum in WUrzburg und das städtische Museum in Schwäbisch-Hall aufgestellt haben, mit ihren bemalten Holzwänden in großen Zügen von Distelakanthus, würde jeder für späte (iotik halten, wenn nicht ihre Datierungen sie. soweit ich mich erinnere, in den Anfang des l.s. Jahrhunderts wiesen. Diese jüdische Kunst also hat die gleiche Zähigkeit im Festhalten einmal aufgenommener Formen, wie zum Beispiel alle bäuerische Kunst sie hat, die die städtischen Möbelformen und Trachten aufnimmt, abwandelt und durch Jahrhunderte dann bewahrt, während die Urbilder längst vergessen und antiquiert sind. Der Gefühlswert, das Fluidum, das diese Dinge für uns ausstrahlen, die Aureole, die sie umgibt, ist etwas, das auch dann seine Wirkung ausübt, wenn der Platz, den die religiösen Riten in unserem Leben einnehmen, ein sehr geringer geworden ist. Etwas beginnt, sowie wir der Dinge ansichtig werden, oder gar sie in der Band halten, in uns zu vibrieren, ähnlich ungefähr, wie wenn wir plötzlich im Titusbogen die I Erstellung des großen Leuchters gewahren, den die siegenden Römer als Trophäe tragen. Wir empfinden plötzlich nicht symbolisch, sondern als greifbare Tatsache, diese unendlich langen Ahnenreihen, die bis zum Beute, bis zu uns führen und deren wir uns nicht immer mehr bewußt sind. Das da waren ihre Lebenssymbole. Zuviel Dinge, an denen der Bauch von etwas Heiligem hängt, und die außer unserer schriftlichen und religiösen Überlieferung greifbar mit der Vergangenheit verbinden, gibt es ja nicht bei uns. Die wenigen aber sollten geschützt weiden und sollten erhalten bleiben für die. die nach uns kommen. Dafür zu soruen und mehr zu sorgen, als es bisher geschah, ist ein ganz primitives Gefühl, das nichts mit fromm oder unfromm gemein hat. und das ob wir es wahr haben wollen oder nicht in jedem jüdischen Menschen in gleicher Stärke lebt, und naturgemäß leben muß, weil eben alle Gegenwart stets nur der Bindestrich zwischen einer langen und nebelhaften Vergangenheit und einer langen, unbekannten Zukunft ist. Alles, aller, was wir tun können, ist. diese Vergangenheil in die Zukunft weiterzureichen ... bevor wir selbst Vergangenheil werden. Ich habe mir oft überlegt, in welcher Weise die Sammlungen