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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1928-12-07 · 49 (7.12.1928) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
4 (1928)
Issue
49 (7.12.1928)
Date
1928-12-07
Page
[Seite] (sequence 5)
Language
German
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«sember I02x GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZI LEIPZIG Seite :< i setze geschrieben) die dem, der eine Frau heimfuhren, ein Feld i ,i bebauen wollte, ein Haus neu zu beziehen hatte, gestatteten, i m Kriegszuge fernzubleiben. I >as ist das genaue Gegenteil von litaristischer Qesinnung. Man hat jenes erhabene Kriegsgcdz geschrieben (hätte man es nur in diesem letzen Krieg bei rzigt!), daß nicht einmal um des Krieges willen ein Obstbaum gehauen w erden darf. Wir lesen In den Büchern der Chronik Erzählung von jenem KriegSZUge Israels gegen Inda, bei ii man die (iefaiiKcncn nicht etwa in (iefangenenläger brachte, ulern speiste, salbte, liänkte. beschuhte und bekleidete und in mit aller gemachten Meute nach Inda feierlichst zuriiekidte. Das ist wiederum der genaue Gegensatz von militari- > scher Gesinnung. Und ein Heispiel leuchtet gerade am Chattest besonders auf, nämlich dal! man die Bücher der Makkai .r nicht in die heilige Schrift aufnahm, weil sie zu viel von eg zu erzählen haben. Dabei soll ganz deutlich gesagt weri. dafl die jüdische Idee der Friedensgesinnung nicht so weit I!t, dal! man auch dem böswilligen Angreifer gegenüber stille Auf Sabbat Chanukka Eine Skizze aus dem Leben der Chassidim. Von Binjamin Se gc I. „Komm*, o Fmind. der Braut entgelten, Königin Sabbat lass' uns einplanten!" Kieses Verslein trällerte Reb Jekel Melammed leise vor sich hin, « :irend er vergnügt In der niederen Stühe auf und ab min« und seinen letmantel zusammenfaltete. Oben an der W and qualmte die Lampe 1 erhellte nur schwach den Kaum: durch die Fenster dran« der blaue Schein des erwachenden Wintertages, Draußen mußte ein grimmiger I ist sein, denn die Scheiben waren von einer dicken Eiskruste überi Ken, aber Im Heizen Reb Jckcls herrschte eitel Freude und Wärme. I Min heute sollte er sie alle auf zwei, drei Taue los werden, nämlich - ie Schüler, die vier Holzklötze, welche ihn um seine Lunge brachten, nn er ihnen den Wochenabschnitt aus der Bibel erklären sollte, und ihren Vater, den brummigen, verbauerten Schankwirt, der jeden Gruß i r mit einem ..Ilm! Inn!" beantwortete, und seine dicke Ehehälfte, die i in keifende und fluchende Hausfrau. Reh Jekel fühlte sich hier wie in r Hölle, aber es war offenbar Gottes Wille, daß er in diesem entlegc- I u Dorfe, in dieser Einöde, unter ungeschlachten und rohen Menschen : ich einen Winter hindurch das peinvolle Dasein eines Hauslehrers I steil sollte. Und Reb Jekel murrte nicht. Doch jetzt, da er auf den Sabbat Chanukka nach Hause sollte, war er freudig erregt, wie wenn in ein großes Glück bevorstünde. Was war das aber auch herrlich, einen 1 ibbat, und erst einen solchen, daheim bei den Seinigen zu verleben! Man muhte, wie er. zwei Monate in der Fremde, in dieser Umgebung rieht haben, um dies fühlen zu können. Darum drängten sieh ihm die Vei fröhlichen Verse und Melodien, die er aber hinunterschlucken uBte, denn der Hausherr liebte nicht, daß man sang. Dafür wollte er ch heute abends schon schadlos halten. Dali er und kein anderer heim bendgottesdiensl in der dicht gefüllten, lichtstrahlenden Synagoge das echo-Daudi siiiKen werde, stand fest. Sobald man nämlich zu dieser teile kam. hielt der Vorbeter gewöhnlich inne. und der Rabbi, in einem Vinkel am äußersten Ende der Ostwand, wendete sein schneeiges Haupt nd rief über die Versammelten hinweg: „Reb Jekel! Ist Reb Jekel nicht da?" Und wenn Reh Jekel da war. mußte er hinauf und das Lied vorragen. Iis dauerte eine geraume Weile, bis er sieh zum Ahneinor hinurchdrängte, besonders an einem „guten" Sabbat, wie der von Chankka. da Chassidim aus allen Weltgegenden zum Rabbi kamen und die iynagoge voll war. daß keine Stecknadel zur Erde lallen konnte. Das liurmelte und raunte und lauschte wie ein vom Winde bewegter Wahl. Wer ist das? Wer ist das?" ..Ah. Reb Jekel wird I.echo-Daudi singen!" lann stimmte er das prächtige Lied au. und die Leute wurden still, dal! .einer Atem zu holen wagte. Zuerst sang er leise, gleichsam zagend und insicher, denn Reb Icke! war schüchtern, und wenn er fühlte, daß ah liese unzähligen Augenpaare auf ihn gerichtet waren, wurde er vollends lefangen. Allmählich aber rill ihn der Strom des eigenen Gesanges ort. CT verKali alles ringsum und aus der Kehle drangen ihm die Töne ii mächtigen Wellen, bald sanft und kosend, bald wie ein kräftiges Brausen. Der Rabbi schloß gleich die Annen, um besser hören zu cönnen; durch die Menge lief ein Rüstern: ..Ah. ah!" Nach einer ieden halten soll. Denn das hieße ja, dem Unrechl Vorschub leisten, dem Übel nicht widerstreiten, hieße, ihm Raum geben und damit die Herrschaft des Rechtes hemmen. So gilt also als der Beitrag des Judentums zu diesem Kiilturproblem die Forderung an jeden einzelnen luden, in seinem Kreis alles zu fördern, was den Frieden der Welt begründet und sichert. W ie gesagt, die einzelnen dazu notwendigen Einrichtungen zu schaffen, ist eine Angelegenheit des Praktischen. Eines aber muß noch besonders gesagt werden: Das wäre noch lange keine Friedensgesinnung, die den Krieg verabscheut, weil er doch nichts nütze oder weil er der Wohlfahrt des Landes schaden könnte, denn das wäre nur eine Nützlichkeitscrwagune. die vielleicht unter anderen Voraussetzungen beiseite gelegt werden könnte. Die von der jüdischen Idee geforderte Friedensgesinnung, will den Frieden um seiner selbst willen unbedingt und absolut. Sie ist eben Q e s i n u u n g, S e e I e n halt u u g. l ud als solche Seelenhaltiuig will sie die Kultur der tiegenwart formen und gestalten. der ersten paar Strophen fielen sie mit fürchterlichem Getöse ein. daß mau meinen konnte, die Wände würden einstürzen. Stufenweise jedoch schien der Gesang sie wie durch einen Zauber zu bannen; manche beugten sich mit gespitzten Ohren vornüber, andere seufzten vor Wonne oder stießen einzelne verzückte Laute hervor, wieder andere ließen die Köpfe sinken, wie träumend oder als hätte der SiiiiKcr sie in ferne, unbekannte Welten entführt. Da waren besonders zwei Strophen, welche die stärkste Wirkung übten. Die eine war wehmütig, schmelzend und weich wie die Trostworte einer Mutter; die andere tönte kraftvoll und uiiiiiter. jauchzend wie ein Jubel- und Weckruf. Bis der letzte l'on verklang und Reh Jekel wie aus einem Zauberschlaf erwachte. Während er auf seinen Platz zwischen Tür und Ofen zurückkehrte, streckten sich ihm unzählige Hände entgegen, man zauste und zupfte ihn: „OJ, o], Reb Jekel. ach!" Uder: ..Na. na. Web Jekel. war das ein Sinnen!" Hin heiteres Lächeln spielte um seine Lippen bei diesen Erinnerungen, und er überlegte eben, welche Melodie für diesen Abend die passendste wäre, ob die vom „großen Zadik" in tiefen, schwellenden Akkorden komponierte oder jene \ on Jerucham, die leicht und hüpfend war. als Aleksa. der Knecht, eintrat und eine Schüssel mit dampfendem Brei, einen Laib Schwarzbrot und einen Salznapf auf den lisch hinstellte. Reb Jekel sollte frühstücken, aber sein Herz war so bewegt, daß ihm die Speise nicht über die Lippen wollte. Aleksa machte sich über das Aufräumen der Stube und savitc: ..Li. ei. Panie Jekel. Ihr wollt also just bei diesem brost nach Hause «ehen? So gießt Euch doch wenigstens den Bauch voll, das wärmt unterwegs. Freilich, ich möchte Luch geraten haben, hübsch in der Stube zu sitzen und nicht die Nase vor die Tür zu stecken. Wartet ein paar rage, v ielleicht läßt der l'rost nach. Liier Haus läuit ja nicht davon, welcher Teufel reitet Luch, gerade heute heimzulaufen?" Reb Jekel lächelte überlegen. Aleksa war ein unter Mensch, aber was verstand ein Bauer von solchen Sachen? Naturlich wäre es vergebens gewesen, ihm begreiflich machen zu wollen, was es heißt, gerade am heutigen Abend den Weihebecher aii seinem eigenen Lisch zu leeren und dann beim Sabbatmahl zur Rechten des Rabbi zu sitzen und die Tischlieder zu singen ... „Pah, der Frost wird mich nicht aufessen. Nein. Aleksa. sei ohne Sornc. Hat mau schon viele Erfrorene gefunden? Du sollst sehen. Sonntag, so Gott will, brinu' ich dir aus der Stadt ein blankes Messer mit und einen Tabaksbeutel, wie du ihn schon lange haben möchtest." In Aleksas Annen blitzte es auf: aber er versetzte: ..Wenn Ihr wenigstens einen Pelz hättet oder ein Laar I nchsticiel! Ahejin diesem federleichten Kaltau! In Euren Stiefeln freilich wird der brost sich nicht lange aufhalten. Durch das eine Loch «cht er hinein und durch das andere hinaus. Hahalia, nicht wahr? Aber ich will Laich wenigstens etwas Stroh unter die Sohlen stopfen." Damit entfernte sich der Knecht, und Reh Jekel begann, seine sieben Sachen zu packen. Er mußte sich beeilen, wenn er rechtzeitig anlangen wollte. Die neunte Morgenstunde war schon vorüber und doch halte es sich kaum aufgehellt. Um 1 1 hr war es schon wieder dunkel, l ud der Weg war lang, mehr als drei Meilen: mau halte endlose Felder und Wiesen ZU passieren, auch an einem Wald kam mau eine Strecke lang vorbei. Als Reb Jekel an den Wald dachte, überlief es ihn ein bißchen kalt. Dort sollten nämlich, wie mau sich erzählte. Wölfe hausen, welche besonders im Winter die Gegend aul einige Meilen hinaus unsicher machten. Indessen, das taten sie nur bei Nacht, hei Tag w ar keine

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