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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1928-12-07 · 49 (7.12.1928) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
4 (1928)
Issue
49 (7.12.1928)
Date
1928-12-07
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
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Seite '-' r.BMEINDEBLAT'l DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG Nummi ig VOM BEITRAG DES JUDENTUMS ZUR KULTUR DER GEGENWART Zum Chanukkafeste N «Hl Rabb. Dr. Dienemann, Offenbach a. M. Es und nowendig sein, vorerst den Begriff der Kultur zu umschreiben; mit einem einfachen Wort ist das nicht geschehen, es bedarf sehen /um mindesten eines Satzes. Kultur ist die Summe der Formen des persönlichen und des Gesellschaftslebens, die eine sittliche Seelenhaltung widerspiegeln und neu begründen. Warum das Judentum als solches auf die Gestaltung der Kultur einwirken will und soll, liegt begründet in seinem Anspruch, eine Weltreligion zu sein. W ie wir in der Vergangenheit unsere Gedanken in die Welt einströmen ließen, und. ohne Stolz aber doch mit ruhigem Selbstbewußtsein, sagen können, dal! sie zu einem unten Teil die Welt geprägt haben, ist es auch heute in unserem Bewußtsein von der Weltgeltung des Judentums begründet, dal! wir den Willen haben, .ms der jüdisch-religiösen Idee heraus die Welt zu gestalten. |),is aber ist nicht nur Anspruch und Recht, sondern es ist vielmehr Pflicht, mit der Erfüllung dieser Pflicht steht und fallt die Weltgeltung des Judentums. Wie aber kann es diese I'flieht erfüllen'.-' Zunächst müssen die Grenzen gezogen werden, die ihm gesetzt sind. I lie < irenze seines W irkens ist schon darin gegeben, daß es eine einheitliehe Willensregung aller Bekenner des Judentums, als einer geschlossenen Gruppe nicht gibt, daß es keine autoritative Behörde innerhalb des Judentums gibt, die das Recht und die Möglichkeit hätte, zu sauen: so ist das Judentum und hier liegt sein W ille. Die Grenze ist damit gezogen, dal! es seit vielen, vielen Jahrhunderten ein eigenes jüdisches Staats- und Volksleben nicht gibt, dal! die Juden eingestreut sind in die Staatlichkeiten, Volkstümer und Kulturen der W elt und in ihnen sieh betätigen und leben, dal! sie dalier also in der Gegenwart Anteil haben an der grausigen Krankheit der Zeit, dal! ül>eral! die einzelnen Individuen weniger bewegt sind von der religiösen sittlichen Idee ihres Religionsbekenntnisses sondern, dal! sie sieh in erster Reihe als Glied ihrer wirtschaftlichen Gruppe fühlen, in deren Gedanken und Interessen denken und handeln und von ihnen in erster Reihe bewegt sind. Man könnte vielleicht dem Gedanken Kaum geben, dal! das sieh ändern konnte, wenn mau in Palästina zu einem eigenen staatlichen und volklichen Sein käme. Aber auch hinter diese Hoffnung muß man ein urol!e> Fragezeichen setzen, denn wird es denn in Palästina je zu einem geschlossenen jüdischen, von der jüdisch-religiösen Idee her bewegten Staatsgefüge und Volksleben kommen, und wenn ja. w ird es zu erreichen sein, daß man in Palästina weniger von der oben genannten Krankheit des Denkens in Wirtschaftsgruppen ergriffen sein wird? I nd schließlich vollzieh! sieh gerade auf den wesentlichen Gebieten der Kulturgestaltung, als da sind die t raue von Krieu und Frieden, die Präge des Rechts der Minderheiten, des Wirtschafts- und Arbeitsrechtes, alle Kulturgestaltung völlig unter dem Gesichtspunkt der Bedürfnisse und der Lebensformen der Großmacht. Auf dem Wege, auf dem wir hoffentlich sind, zu den Vereinigten Staaten der Erdteile komm) sowieso der einzelne Staat nicht zur I ieltung, Wie erst der kleine. Wo .ilsc ist nach solcher Grenzziehung der Beitrag des Judentums zur Gestaltung der Gegenwartskultur zu finden? Er ist tatsächlich nur zu leisten aus der Idee selbst, so dal! jeder einzelne Jude aus der jüdischen Idee her so ueprüut ist, dal! er BUS ihr au der Welt arbeitet, sowohl in dem kleinen Kreise seines Berufes oder seiner politischen Betätigung, als auch da, wo er berufen ist. an leitender Stelle ' der an einflußreicher Stelle au der Politik und an der Staatsgestaltung der Völker und der W elt mitzuarbeiten. Man mochte sagen: das ist nichts Großes, nichts fest Pundamentiertes, schwebt in der Luft, und doch war in der Wirklichkeit der jüdische Einfluß in all den vergangenen Ji rhunderten tatsächlich nur aus dieser Idee heraus zu leisten, dal! er groß war und dal! er in den bewegenden Frauen des liehen Lebens zum mindesten in der Forderung die W elt erol rt und durchdrungen hat, ist doch nicht zu leugnen. Wo . i offenbart sich die jüdische Idee? Sie offenbart sich in den Äi rungen des Schrifttums, das der Niederschlau des seelise n Lebens der Judenheit ist. Wenn es aber so ist. dal! das Jim . tum seinen Beitrag zur Kultur der Welt nur aus der Idee ge n kann, so folgt daraus, dal! es wirklich nur die Idee in iL r Richtung und in ihrem Ziel geben kann, aber keine stimmte Anweisung geben kann eder zu geben hat. in 1k < darauf, w ie man eine Idee unter den Lebensformen von he e darstellt und verarbeitet. Das Finden der Form, in der eine k e verwirklicht wird, ist eine Anueleuenheit des Praktischen, ni. I unentbehrliches Gewand der Idee. Der Beitrag des Judentums zu der Gestaltung der Kultur i r Gegenwart w äre nach dem bereits oben angedeuteten an viel« - lei Punkten darzustellen und auszuführen. Fs sei aus der Fi; e vorläufig nur einmal die Frage der Stellung zum Krieu berat - gehoben, die Fraue des Pazifismus oder Militarismus. Eigentli Ii kann man auf die Fraue: Krieu oder Friede, was die Stellung d s Judentums anlangt, sofort eine glatte und klare Antwort gebi . Fs hat sielt in seinen reifsten Geistern vor Jahrtausenden berc - entschieden, .lesaja und Micha haben einem ihnen Voraufgclu den folgend die Worte uepräut: Sie werden umschmieden lh e Schwerter zu Sicheln, und ihre Lanzen zu Rebmessern, nk I mehr w ird ein Volk gegen das andere das Schwert erheben, i man w ird nicht einmal mehr lernen Krieu zu führen. Lind jedt - man kennt das 11. Kapitel des .lesaja. in dem er die Frieden - Forderung so stark und so stürmend erliebt, dal! er selbst d e wilden Tiere ihre Raubinstinkte vergessen läl!t und ihnen * Pflicht zuweist, zahm miteinander zu leben. Fs ist also die Fi - deriiuu des Judentums klipp und klar eindeutig. Aber so köntl man einwenden: ist das w irklich so einfach, ist nicht in der Hü von Krieu und Eroberung die Rede? W ird nicht Gott der Ma des Krieges genannt? Darauf kann man nur antworten in all Ehrlichkeit, dal! es auch innerhalb der Bibel au diesem Teilai schnitt jüdischer Geistesgeschichte eine Entwicklung gegeb hat. l ud das Entscheidende ist eben, zu welchem Zielpunkt d Entwicklung kam. Aber es ist ja gar nicht die Fraue der Krie führung an sich, die hier als Prüfstein der Qesinnung zu gelt hat. Der Unterschied zwischen Priedensgesinnung (Pazifismu 1 und Kriegsgesinnung (Militarismus) ist uanz anders zu entscht den. Priedensgesinnung ist da. WO man den W illen zum Krie. als einen Ausdruck staatlicher Kraft und männlichen Heide tuins überhaupt nicht mehr hat. wo man den Krieu als Mittel d<. Völker- und Staatsgestaltung nicht mehr will. Und hier hat sie eben das Judentum mit seinem Wort „Sic werden nicht mel lernen Krieu zu führen" länust entschieden. Kriegsgesinnung i da, wo mau den W illen zum Krieu festhält, als einem Mitt' staatlicher Gestaltung. Priedensgesinnung ist da, wo mau Kra und Heldentum nicht in der Leistung des Armes und de Schwertes sieht, sondern in der geistigen Haltung und in di geistigen Beeinflussung. Krieusuesinnunu ist da. wo man de Menschen nach der Leistung des Annes, nach der Froberei leistung und nach der Kraftbetätigung wertet. Wie hier da ludentuin auch in den Tagen, wo es Krieu gab, sich in der Fru densgesinnung bereits bewegt hat, dafür mancherlei Beispielt Man hat im \ olksbew iilJtsein David nicht den Tempel baue lassen, v eil er Krieu geführt hat. Man hat jene berühmten Krieu^

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