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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1928-10-19 · 42 (19.10.1928) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
4 (1928)
Issue
42 (19.10.1928)
Date
1928-10-19
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
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Seite 2 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG ten, anderersdti damit eng zusammenhängend - ist die politische Aktivit.it dei gewerblichen Arbeitnehmer zur Verbesserung Ihrer Lebensverhältnisse durchschnittlich starker ata die der übrigen Arbeitnetimer.) Mangels einer eindeutigen gesetzlichen Regelung der Arbeitszeil der kaufmännischen Lehrlinge und Angestellten ist, wie wir gezeigt haben, Ihr Arbeitszeitschutz besonders schlecht ausgebildet. Wollte man an dieser Stelle eine genaue statistische Erfassung der ", rl bezw Freizeit der jüdischen Jugend einleiten, so müßte unters, hieden werden zwischen denjenigen Jugendlichen, die in Detailgeschäften und denjenigen, die in Engrosgesdiiften tätig sind Durchschnittlich haben die ersteren eine längere Arbeitszeit als die letzteren, wobei aber der Unterschied sich gerade in den klein- und Mitit lb( trieben verwischt. \\ iir |e mit Qnippen erwerbstätiger judischer Jugendlicher in der Ju endbewegung i>dcr jugendpflegerisch gearbeitet hat, lernt das Freizeitproblem gerade dieser Jugendlichen am unmittelbarsten kern nen: Zusanrmenkflnfte können durchschnittlich auch im Sommer! — nicht vor S odet 8. SU I hr abends beginnen. Dabei sind dann die Jugendlichen so abgespannt, dal! sie ZU geistiger Arbeit kaum noch fähig sind, so stark auch der Wunsch bei einzelnen da ist, sich geistig ZB beschäftigen. Line zehnstündige Arbeitszeit ist last als Durchschnitt für diese Jugendlichen anzusetzen! Was bedeutet nun aber eine so lange Arbeits-, bezw. so verkürzte 1 reizeit für unsere Jugend? Wir haben hier kurz auf die Bedeutung der Freizeit einzugehen. Die allgemeinste Bedeutung der Freizeit liegt in der körperlichen i ntspannung des arbeitenden Menschen. Dies ist die physische Bedeutung der Freizeit, -ozusagen ihre absolute Bedeutung. Freizeit '.uinhaileaber ahnlieh wie Freiheit noch die Möglichkeit ZU uestimmten Leistungen und wegen dieser Möglichkeiten hat die I reizeit nicht nur individuelle,sondern auch gesellschaftliche Bedeutung. Die Möglichkeiten zur Ausnutzung der Freizeit liegen entweder auf körperlichem oder geistigem Gebiet. Der körperlich oder geistig genutzten Freizeit kommt gewöhnlich noch eine erhebliehe gesellschaftliche Bedeutung zu. insofern die systematisch ausgenutzte Freizeit die Gleichaltrigen zusammenfuhrt und sie zu gemeinsamen Zwckken. eben dir körperlichen oder geistigen Betätigung zu einem Ganzen zusammenfallt. Die unmittelbare gesundheitliche Bedeutung systematischer körperlicher Ertüchtigung gerade für die jüdische Jugend, SOWeH sie nicht in handwerklichen Berufen tätig ist, ist besonders heute — einleuchtend und bedarf keiner näheren Darstellung. Es seheint sogar, dal', -ihm jetzt innerhalb der berufstätigen jüdischen Jugend eine überwiegende Tendenz besteht, ilie Freizeit vor allem körperlich zu Dützen. Dies ergibt lieh unter anderem auch aus dem Vergleich der Zahl der in der Turn- und Sportbewegung Organisierten grö- Ber als üi< Zahl der „jugendbeweglerisch*4 Erfaßten. Weniger klar und übersichtlich ist die Bedeutung der geistig genutzten Freizeit, wobei wir schon jetzt anmerken Wollen, daii es uns'res crachtens auf die Dauer verhängnisvoll wirken müßte, wenn die hier eorgenosnmene Unterscheidung /wischen „körperlich" und ..geistig" genutzter Freizeil gleichzeitig eine Scheidung der jüdischen Jugend in einen solchen Teil, der seine I reizeit ausschließlich körperlich, '..nd in einen zweiten Teil b deutet, der seine Freizeit iUSSChüeßi istig ritzt. Ansitze zu einer solchen Entwicklung, besonders Jnserj Gemeinde Hin Auirul des R. i F. Vom Reichsbund judischer Frontsoldaten, Ortsgruppe Leipzig geht uns folgender Aufruf zu: Bald werd< wir da- Schandjubiläum der 100. Entweihung jüdischer Friedhöfe erleben! U eberall wirkt sich das Gift völkischer Verhetzung aus:; n Berlin, Bremen, ja sogar im sonst so Friedlichen Südwestdeutschend (Oppenheim) ist es zu schweren Ausschreitungen gegen Juden Und jüdisch aussehende Andersgläubige gekommen. Immer wieder fließen a;is gewissen Kreisen den Nationalsozialisten ungeheure Summen zu und setzen Hitler, Döbbeis usw. in die Lage, eine Riesenpropaganda zu entfalten, Mannarhaflrn einzukleiden und sutmarscl :« ' tu lassen. Dem kann die 'Aufld innig in Wirt und Sehr! t allein nicht abhelfen; es gehören Männer dazi, die, unabhängig von ihrer religiösen und jüdischpolitischen Einstellung, sich zum Schutze der Aufklärdngsvcrsanunhuigen und der jüdischen Kultus- .in enteren Sinne, sind durchaus sichtbar. Die geistig genutzte z.e;t steht gewöhnlich im Zeichen der BHdungsarbdt, und zwat |eT Fortbildung auf dem beschränkten Berufsgebiet oder der all; neu Weiterbildung. Auf der Ausstellung „Das junge Deutschland" wurde die I r< it. fOrderung unter anderem auch dadurch eindrucksvoll gemacht ,|j gezeigt wurde, dal! die heutige Lehrlingsausbildung — und . U' im kaufmännischen Beruf — den I ehrling durchaus nicht nie:, |ty allen, in seinem Berufe vorkommenden Arbeiten bekannt n it und dal! daher noch auller der borthilduugs- oder FadlSChull ie Berufsschulung erforderlich ist. Auf vielen Gebieten erhält der ir. liug im betrieb keine Gelegenheit zur selbständigen Betätigung, ch diese Gelegenheit muß ihm durch entsprechende Einrichtung in „Scheiivbiiros, überhaupt im „Scheiu"bctricbc während der eizeit g egeben werden. W ichtiger aber noch als die Berufserziehung in der Freizeit ers« int uns die allgemeine kulturelle und gesellschaftliche Erziehung it wenn überhaupt, systematisch nur noch in der Freizeit erfolgen q, Wir müssen uns immer vor Augen halten, daß die Vierzehnjäh n, die in den Beruf gehen, in einem Augenblick von der Gesell aß als erwachsen und fertig erzogen bezeichnet Verden, in dem ig Wirklichkeit gerade am Anfang der für diu Menschen wichtigste; „|. dungsper ode, der Pubertät, stehen. Später greift als einzige leitende Macht nur „das I eben" ein, wie man diesen Erzieher i u allgemein zu bezeichnen pflegt. Der Zugang zu dem Kulturgut Icr Menschheit, zu der Weltweit iks „Gebildeten" wird aber /, b erst möglich in dem Augenblick, in dem die Gesellschaft durch lic Beendigung der Schulzeit den Jugendlichen als „ausgebildet rklärt. Der Beruf gibt in den allerseltensten Fällen die Möglich it, Eingang' in jene Well zu finden. Die Freizeit bietet die Ch nce, mehr nicht als die Chance, den berufstätigen Jugendlichen zum Lei Iba her an der gesellschaftlichen Knl tur zu machen. Daß diese Teilhaberschaft nicht in meßbarem sich erschöpfe, sondern eine den ganzen Menschen betreffende Haltung i-t, bedarf keiner Hervorhebung. An dieser Stelle sei wieder die \ , teigung der besonderen jüdi Nuance gestattet. Der Zusammenhang und der Fortbestand dei lischest Gesellschaft hangt wesentlich davon ab, daß alle Glieder di ut Oesellschaft mindestens zur kulturellen Triihaberschaff fähig nd. Di« Bindungen, die den Einzelnen an die jüdische Gesellschaft fes la, jind besonders in der erwerbstätigen jüdischen Jugend durcl im Rchwachm nd gebrechlich. : ie Freizeit gibt die Möglichkeit, nebea ■vielem anderen auch diese Zusammenhänge haltbar zu machen. Wie das im einzelnen durch Jugendheime, Jugendbewegung, vielleicht sogar Schulen geschehen konnte, das zu zeigen, ist Aufg IM tiner Kulturpolitik, für deren Durchsetzung die hie in Rede steht Ie Sozialpolitik nur die Voraussetzung schaffen kann. Zum Schluß aber die atlerwichtigste Frage: Wie schaffen wir «■ serer Jugend die I reizeit. die sie n< ch nicht hat und die fül i und für unsere Qcsdlschafl so wichtig ist? Die Antwort muH wendig unbefriedigend sein im Verhältnis zu der gezeigten Not: ir müssen alle allgemeinen Frdzdtsbestrebungen zugunsten der lugend miu Her Energie unterstützen, und müssen, soweit Ueb dung und Appell an das Oesamtinteresse wirksam sind, ilarauf drin n, •jall insbesondere der jüdische Arbeitgeber der Frdzeitsforde Für seine jugendlichen Angestellten genügt! (Aus: Jüdische Arbeits- und W oidci;urs >rge. lieft 4, 102 dnrichtungen, zur Einzetpropaganda von Mund zu Mund zur Vi i ■ning stellen. Vor allem gehört die Jugend dazu, die uns älter » dende Frontsoldaten in unserer Arbeit unterstützt! Wollt Ihr w.iter dulden, daß die Ruhestätten Eurer Eltern, I gefallenen Bruder von unreifen Burschen geschändet werden, I unsere Gotteshäuser beschmutzt und unsere Bruder und Sehn mit dem Rufe: „Juda verrecke!" bedacht werden? Solange d esc Zustande in Deutschland möglich sind, inuli I Reichsbund judischer Frontsoldaten In stehen bleiben und auch Nichtkriegstdlnehmer sowie die Jugend zum Kampfe gegen die lisemitisehen Hetzer sammeln. Wir rufen Ihnen allen zu: Tre t ein i ii den '.i. j. F., d i e einzige politisch und reli"' ii< utrale jüdische Organisation dieser Art, nicht zur PI militärischer I rinnerungen, sondern zum Kampfe für eine ru ge und glückliche Zukunft des Judentums in Deut la n d! ✓

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