Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 4 (1928)
- Issue
- 38 (21.9.1928)
- Date
- 1928-09-21
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 2 GEMEINDE BLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG hende Bedeutung als ein TaR, der die Aussöhnung der Menschen untereinander fördern soll, zu einem Tage der Verbrüderung unter den ' durch den Alltag Entzweiten. Fs wurde feststehender Grundsatz, dal) tnan an diesem heiligen Tage Sündenvergebung" nur dann erhoffen könne, wenn man den mit irgendwelchem Mitmenschen gestörten Frieden wiederhergestellt habe, So fand mancher lange Familien« zwist an einem Col-nidre-Abend seinen ausgleichenden Abschluß; manche tiefgehende Feindschaft wandelte sich so in einen anfangs wohl noch kühlen, aber allmählich wärmer werdenden Frieden, nicht sehen aber in eine aufrichtige und enge Freundschaft. Der Versöhnungsgedanke beherrscht demgemäß den Jom kippur in dem doppelten Sinne der Aussöhnung mit Gott und der Mehrung des Friedens unter den Menschen. Eine gerade Linie, führt vom Versöhnungstag hin ZU dem messianischen Ideal auch einer Völkerverbrüderung. Mit Stolz auf unser Judentum darf es uns erfüllen, dali dieses Ideal in unseren Tagen sichtlich Eingang findet im Denken der Völker. Wir wollen uns keiner Täuschung hingeben: Völkerbund und Kellogg- Pakt und Abrüstungsbestrebnngen sind noch so wenig Gewähr für eine Ueberwindung des Krieges, wie es die Friedenskonferenzen Im Haag gewesen sind. Aber Gedanken wie die k önne n nicht mehr aus dem Denken der Menschen schwinden. Sie sind wie Funken,-die ■och, keinen Brand entfachen, aber doch auch nicht mehr verlöschen: 6ie greifen immer weiter um sich, und sie werden eines Tages den hellodernden Feuerschein sichtbar werden lassen. — Mit seinem Versöhnungsgedanken aber hat das Judentum auch den Weg zur Verwirklichung des grollen Menschheitsideals gewiesen; denn er beruht auf der (irundforderuug: Achtung vor dem Menschen. Vor einem jeden Menschen. Mit der Schärfung der Erlösungsmittcl geht eine Steigerung ües sittlichen Empfindens einher: Unrecht bleibt Unrecht, wem gegenüber auch es geschehen mag. Es gibt keine Menschen, die nicht als Menschen zu werten seien. Und selbst die Sunder dürfen vom Menschen nicht weggeworfen werden. Das ist das grolle Uebel, das immer wieder zu Kriegen geführt hat, daß man mit Menschen wie mit Zahlen gerechnet hat, daß Fürsten und Heerführer sich über das Glück Hunderttausender von Familien hinweggesetzt haben, wenn sie eine Schlacht gewinnen wollten. Wäre ihnen lebendiges Bewußtsein von dem maßlosen Unglück, das sie in klarer Ueherlegung anrichten sie könnten nicht einen Tag lang die Verantwortung ertragen. Diese Forderung: Achtung vor dem Menschen, sie muß die Menschen durch und durch erfüllen, dann wird der Abscheu vor dem Kriege stark genug werden, um ihn innerlich in »einer ganzen Scheußlichkeit /u empfinden; und dann werden auch die Wege gefunden werden, um ihn praktisch auszuschalten. Es ist vielleicht doch nicht zufiiilig, daß diese Gedanken literarischen Ausdruck gerade bei einem jüdischen Dichter gefunden haben. Bericht über die Gemeindesitzung vom lO. Sept. 1928 (Nach der amtlichen Niederschrift). Vor Eintritt in die Tagesordnung gedenkt der Vorsitzende mit warmen Worten des unerwartet verschiedenen Herrn Jacob Hahn, der das älteste Mitglied dieser Versammlung und allen ein lieber Freund und hochgeschätzter Kollege war. Der Vorsitzende rühmt den Eifer und die Liebe des Entschlafenen für unsere Gemeinde und seine Verdienste, die er sich im Ehrendienste derselben erworben hat. Ein dauerndes Gedenken in dieser Körperschaft sei ihm gesichert. An seine Steile ist Herr Dr. med. Willy Michaelis als Oemeindeverordneter einberufen, der das Amt Angenommen hat, aber verhindert ist, an der heutigen Sitzung teilzunehmen. Der Vorsitzende widmet ferner dem nach schwerer Krankheit verstorbenen Herrn SynagOgCtHnspcktOT Isaak söhn einen Nachruf und ruft auch diesem den Dank für seine der Gemeinde geleisteten Dienste in die I wigkeit nach. Die Anwesenden hatten sich zu Ehren der Verstorbenen von ihren Sitzen erhoben und die Nachrufe stehend angehört. Der Vorsitzende uberträgt die Schriftführung, da der Syndikus in den Ferien weilt, Herrn Verwaltungsdirektor Katr.enetein. Es wird alsdann die Niederschrift über die vorige Sitzung vorgelesen und genehmigt, doch behält «ich Herr Tumpowsky hinsichtlich seiner Ausführungen über den CentrsJvereHi deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens eine Ergincaug der Niederschrift vor, die nach Rückkehr des Syndikus vorgenonuien werden snt. Ueber Arnold Zweigs: der Streit um den Sergeanten Grischa1) ist schon viel gesagt worden. Für den Reichtum dienet Buches zeugt es, daß immer wieder anderes gesagt werden darf. Wir möchten gerade diese Betonung der Achtung vor dem Menschen als eine wesentliche Idee des Künstlers erachten. Dieser Sergant < iri. scha ist einer von den vielen Tausenden russischer Gefangener die die deutschen Armeen in Gefangenenlagern bewachten. Er ent. flieht, wird wieder gefangen und, vor ein Kriegsgericht gestillt, zum Tode verurteilt, weil er sich einen anderen Namen beigelegt hatte und als Spion angesehen werden mußte. Nichts als einer der zahl, reichen Fälle gegen einen der zahlreichen Kriegsgefangenen. Aber da gibt es einen Kriegsgerichtsrat, der denkt anders. Ihn machen die Akten nachdenklich, in dem Augenblicke, als es giit, das Urteil votj. strecken zu lassen. Und er findet Verständnis beim Divisionsgeneral, und mit ihm bemühen sich andere Stellen, diesen einfachen (irisl« zu retten. Es gelingt, die Beweismittel dafür zu schaffen, daß das Urteil von falschen Voraussetzungen aus erfolgt ist. Aber nun greift die höhere militärische Stelle ein und verlangt Vollstreckung des Urteils. Zwei Welten stehen einander gegenüber: die eine, iler Grischa nur ein Name ist, eine Zahl, nicht mehr. Was tut's, wenn er hingerichtet wird? Hunderttausende finden den Tod; ob durch einen Schuß im Kampfgetümmel oder im Sturm dur'i ein Bajonett oder — an die Wand gestellt, aufgrund eines formell rechtskräftigen -ffrteils? Um eines Mannes willen, um einen russischen Gefangenen, einen ungebildeten, einfachen Soldaten soviel Aufhebens machen? — Und die" andere, die diesen Grischa als einen zwar einfachen M;inn, aber in seiner ganzen Rechtschaffenheit, seiner naiven Unschuld, seiner Treue kennen lernt, die Einblick gewinnt in das durchaus nicht arme Seelenleben dieses Mannes und seines ganzen Kreises um ihn herum. Es ist Zweig in wundervoller Weise gelungen, in diesen Lebenskreis hineinzuleuchten und zu zeigen, wie reich diese Menschen an inneren Gütern sind. Die ganze Zahl von Gestalten, die er so lebendig und überzeugend zeichnet, läßt um so krasser die Verantwortungslosigkeit derer erkennen, die mit leichter Oebirdc über solche Menschen hinwegschreiten. Zu der anderen Seite gehören viel mehr Menschen, als man Vermuten möchte, nur lassen sie sich schließlich doch von der rücksichtslosen Robustheit besiegen. Hier liegt das Uebel. Die Menschen sollten dafür werben, daß auch in dem einfachen, stillen Menschen der Mensch gesucht werden muß; sollen dafür zeugen, daß er weit häufiger zu finden ist als man für möglich erachtet hatte. Und damit wird die Achtung vor dem Menschen immer mehr gesteigert werden, Dieser Gedanke Arnold Zweigs ist so ein rechter Vcrsöhnuungsged.uike, wohl geeignet, die Menschen einander näherzubringen. Wird er die Menschen beherrschen, dann werden sie auch den Krieg besiegen! Gustav Colin ') Roman. Potsdam 1028 (Verlag Gustav Kiepenhauer) I. Der Vorsitzende bringt zur Kenntnis, daß der Gemeinde eil Vorkaufsrecht auf das Grundstück Nordstraße 17 zusteht. Das Grundstück, welches mit der Rückseite an das Gemeindehaus anstößt, ist verkauft; der notarielle Kaufvertrag liegt vor, und der Vorsitzende bringt die wichtigsten Punkte desselben zur Kenntnis. Der Vorstand hat sich daher nach reiflicher Prüfung und Anhörung von Sachverständigen dafür entschieden, von der Ausübung des Vorkaufsrechtes abzusehen. Herr I mil Joske hat heute das Grundsluck besichtigt und fragt, unter welchen Gesichtspunkten die Gemeinde sich seinerzeit das Vorkaufsrecht hat eintragen lassen. Wenn die damaliges Gesichtspunkte heute nicht mehr maßgebend seien, so sei er für Ablehnung, wenn es nicht etwa für den Israelitischen Wohltätigki 1verein, ein Kinderheim (der derartig" Anstalten in Frage komme. Der Vorsitzende erwidert, daß der frühere Verstand sich dis Vorkaufsrecht wohl deshalb habe eintragen lassen, um Gelegenheit n\ einer I rgänzung des Gemeindehauses zu haben. Damals sei die Oemeinde fast völlig schuldenfrei giwesen, heute lägen aber de Verhältnisse so, daß die Oemeinde nur etwas kaufen dürfe, w.is sie unmittelbar verwenden kann. Herr Seiinger weist darauf hin, daß das Grundstück im Mittelpunkt der Stadt und inmitten des jüdischen Viertels gelegen sei Man könne vielleicht eine Herberge, Kinderheim, Lcsehal'e, Buche: ei oder sonst dergleichen unterbringen! Demgegenüber macht drr Vorsitzende darauf aufmerksam, daß die Räume der Zwangswirtseb.it unterliegen, daß für wohltätige Zwecke die Gemeinde bereits das Grundstück Humboldtstraße 13 besitze, und daß eine Verzinsung des Kaufgeldes nicht herauszuwirtschaftea sei. Ferner wisse nun nwwt