Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 4 (1928)
- Issue
- 37 (14.9.1928)
- Date
- 1928-09-14
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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OEMEINDEBI ATT DER ISRAI L1TKCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG erzählen, die /ur Einsetzung de« Seder-Abendi am Peßach-Fette gtr führt hat, damit Geschlecht für Geschlecht eingeführt werde Li die großen geschichtlichen Erlebnisse Israels. Und daß diese Erinnerung an tfrühere Zeiten nicht etwa nur als etwas\Fremdes erzwungen werden sollte, sondern einem im israelitischen Denken liebevoll empfundenen Bedürfen entsprach, geht daraus hervor, daß der Prophet die Unmöglichkeit, Geschichtskenntnis zu bewahren, als einen Fluch bezeichnen': an das I rühere werdet ihr nicht denken, dem in der Vorzeit Geschehenen nicht nachsinnen (Jes. 13,IS) .weil das spätere größere I rid nicht Zelt läßt ,an das frühere geringere zu denken (vgl. bcrach. 13 a). S gewinnt die Einführung der Rechnung nach Jahren der Weltära such eine besondere Bedeutung für die stete Bewahrung des ge- SChichtlichen Sinnes. W enn Jahr tür Jahr der Gedanke an das ge- - mite Werden der Menschheit im ganzen und innerhalb dieses Rahmens der jüdischen Gemeinschaft im besonderen neu belebt wurde, dann konnte es nicht fehlen, daß dem Juden seine Geschichte nahegebracht wurde. Es ist wohl richtig: Die Erinnerung an seine Vergangenheit kann so recht nur der pflegen, der eine ruhig.- Gegenwart durchlebt. In unruhigen Verhaltnissen entstehen keine großangelegten geschichtlichen Darstellungen. Und der Jude hat vom Mittelalter an kein sorgloses Jahrhundert gekannt. Mag es daher rühren, daß der forschende (ieist der Juden in solchen Jahrhunderten sich weniger auf die Geschichte gerichtet hat als auf die Erkenntnis der religiösen Lehre: der Sinn für das Geschichtliche hat sich dennoch unstreitig seine starke Ausprägung bewahrt, indem er die Ereignisse literarisch festgehalten und ein reiches Quellenmaterial übermittelt hat. Es fehlt uns noch eine Darstellung der jüdischen Geschichtsschreibung, die, wenn sie einmal das gesamte geschichtliche Schrifttum im Zusammenhang behandelte, die keineswegs geringen Schätze dieses Zweiges in das rechte Licht rücken würde. Der im Beginne des für den Juden ruhigeren ll). Jahrhunderts begründeten Wissenschaft des Judentums blieb es daher vorbehalten, der Erforschung der jüdischen Geschichte begeisterte Freunde zuzuführen und damit die Pflege der jüdischen Vergangenheit um so intensiver ZU lordern. Es begann eine „gewaltige forschende wie sammelnde, kritische wie zusammenfassende Arbeit" wie auf allen Gebieten des jüdischen Wissens so besonders für die judische Geschichte. Zunz wurde zum Anrege; durch eine erste wissenscliatt.i ne Abhandlung: Sil MIO b. lsaae, genannt Raschi, eine aus den Qu< llen der jüdischen Literatur ih- Mittelalters nach streng methodischen Grundsätzen geschöpft* Biographie. Kr och mal. Rapoport und Luzatto folgten ihm auf diesem Wegt v Itd forderten aus Archiven und unbeachtet gebliebenen Quellen ungemein wichtige Untersuchungen zutage. Sie halten damit die Voraussetzungen für zusammenfassende Darstellungen zu schaffen, wie sie Isaac Marcus Jost in seiner neunbändigen „Geschichte der Israelitin" (1820 1829) und seiner dreibändigen „Neuesten Oeschichte der Israeliten 1815 1845" (1816 47) oder Cassel für Ersen uund Orubers „Allg. Enzyklopädie* in dem Artikel „Geschichte der Juden vom Jahre 70—1818" zu geben vermochten und ebneten den Weg für „das" Gcschichtswerk des 1 Jahrhunderts: Marcus Graetz' eilbändige: Geschichte der Juden Was in diese wenigen Zeilen zum Zwecke einer Uebersicht hinei gedrängt wurde, umfaßt in Wahrheit eine Unsumme von Arbeite , deren Vielgestaltigkeit kaum' ■amgeUeutet werden kann. Einzeln, tersuchungen waren anzustellen über Methoden und Quefldeutunge über scheinbar kleine und doch zum Verständnis höchst wlchtij Probleme, Behandlungen einzelner Persönlichkeiten und engerer 0nippen, Landschaften und Länder. Und all das war aus dert oft entlegei sten Quellen zu einem Ganzen zu vereinigen, häufig nur mit Dil genialer intuitiver Combinatiou. Kurz: es kann nicht genug Li i über die bewunderungswürdige Leistung ausgesprochen werden, d, ren nicht zu Jeugninde Mängel gering s'nd, wenn man bedenkt, daß ma i Imgrunde noch mitten in den Vorarbeiten stand. Und wiedenu i waren gerade diese Mängel anregend für die weitere Vertiefung die Untersuchungen, so dali wir dem 1'). Jahrhundert eine Bcrc chening unserer Kenntnis von der jüdischen Oeschichte verdanke; die nicht hoch genug bewertet werden kann. - — In dem eben abgelaufnen Jahre durlten wir einen gewissen Ah Schluß eines neuen grandiosen (ieschichtswerkes erleben: S. Dubnow's: Weltgeschichte des jüdischen Volkes ist bis zum 7. Bande jg edichen und hat damit etwa den Anschluß an die schon früher erschienene „Neueste Geschichte des jüdischen Volkes" erreicht, so dali man das Werk als Ganzes so ziemlich Übet sehen kann, wenn auch die noch fehlenden i Bände, die Neubearbeitung der „Neuesten Oeschichte", hie und da Aenderungen bringen werden. Erstaunlich, welch eine Fülle neuer Arbelt zwischen (iraetz, dessen Werk IS^O —1870 erschien, und Dubnow geleistet worden ist: Monographien und Einzelabhandlungen. Vor allem sind in ungeahntem Umfange Quellen erschlossen worden, die oft genug tiefe Einblicke und weite Ausblicke gestatten. Fast noch erstaunlicher, wie ein Mann diese schier unübersehbare Fülle neuen Stoffes mit so souveräner Beherrschung bewältigen konnte . Dubnows Weltgeschichte hat (iegner, die seiner Grundauffassung wie der Beurteilung einzelner Probleme nicht zustimmen. Aber niemand wird sich dem pak kenden Eindrucke entziehen können, den das gewaltige Werk auf jeden Leser machen muß. (Von Dubnows Weltgeschichte wird in die sen Blättern doch eingehend« gesprochen werden). Manche Heutigen meinen, der Sinn für die Oeschichte habe eine umstürzende Wandlung erfahren. Wir Juden sollten auch darin uns hüten, dali wir dem schwankenden Geiste einer Zeit verfallen: Wenn wir Neujahr feiern, das Jahr einer seit vielen Jahrhunderten gebräuchlichen Zeitrechnung zählen, sollten wir den Sinn für Geschichte in uns lebendig halten, uns um'so lebhafter mit ihr befassen, je mehr die Umwelt den Wert der Vergangenheit gering achtet: Unser Stolz ist unsere Geschichte, sagen wir uns von ihr los, dann entgleitet uns auch die jüdische (iegenwart und damit unsere Zukunft. Misrachi-Weltkonferenz in Danzig Schluß. Die am Dienstag, den 21. August abgehaltene L Sitzung war dem Andenken des verstorbenen Mitgliedes der Weltzentrale de< Misrachi. Landau, gewidmet Es sprachen Rabbi Brod, Herr Neufeld, der Jugendfreund und engste Mitarbeiter des Verstorbenen, und Raw Blumberg, der Rabbiner der (iiburtsstadt Landaus. Zum Schluß sprach der Danziger Kantor das „El mole'. Am Dienstagnachmittag fand unter dem Vorsitz, von Qedalja Bublick die 5. Sitzung sta'tt, elic.mit der Verlesung eines Bcgrüßuflgsschreibeni von Rabbi Nissenuaum-WarK-hau tingeleitet wurde. Es wird die Aussprache über den Bericht tles Merkas (»larni fortgesetzt. Der Fuhrer des Jung-Misrachi Neufeld appellierte an die Versammlung, die geographischen Grenzen, die sich bei der Stellungnahme der Delegierten einzelner I ander hier beme kbar machen, innerlich zu uberwinden. Die Beziehung der Weltzentrale zur Jugend ist nicht immer befriedigend gewesen .Der Sieg des Misrachi Dann, nur durch Stärkung der Jugend und ihres Ideals „Thora Waawodah" erfochten werden. : ■ Es sprachen noch Hermann Struck-Haifa, Rabbiner Teitelbaum- New-York, Rabbi Werner-Rospina (im Namen der Rabbiner Pa- , lästinas). Reich ((ializien), Schragai-Palästina, Rabbiner Segalowitsch- Danzig, Rabbi Srebrinik, Kleinstein und Perlmann. Es wird eine Pei inanenzkomniission gewählt, die sich aus folgenden Delegierten zusammengesetzt: Rabbi Werner, Zwebncr (Palästina), I lellmann, Eisenstadt, Szczeranski, Finkler (Polen), Neufeld, Grünberg, Dr. Michaelis, Spiro. Schragai, Rabbi (iold; Dr Bart (Deutschland), und Schiff (England) Rabbi Meir Berlin erwidert auf die in der Hauptaussprache vorgebrachten Kritiken und Beschwerden. Rabbi Brod, sagte er, hat Unrecht, wenn er uns vorwirft, daß wir für die Bedürfnisse des Hapoel Hamisrachi nicht genug in der zionistischen Executive gekämpft haben. Wir haben energisch genug gekämpft, und es ist | nicht unsere Schuld, wenn Rabbi BroJ im Tumult der Sejm-Wahlen unsere IStimme nicht gehört hat. Rabbi Berlin geht dann noclf ausführlich auf die Probleme der Kolonisation, der Erziehung und der religiösen Fragen vom Standpunkt des Merkas Olami ein. Er schließt: Die Arbeit des Merkas Olami war eine unermeßlich schwere, doch kann ich mit Stolz auf unsere Leistung zurückblicken. Wir konnten nur in geringem Maße auf die Hilfe der Landeszentralen bauen, aber mit Ciottes Hilfe brachten wir den Misrachi zu seiner heutigen Höhe. Dem Merkas Olami wird das Vertrauen der Weltkonferenz ausgesprochen. Die 6. Sitzung fand unter dem Vorsitz von Rabbiner Ostrowski statt. Der Direktor des Misrachi-Lehrerseminars in Jerusalem, Lif-