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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1928-09-07 · 36 (7.9.1928) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
4 (1928)
Issue
36 (7.9.1928)
Date
1928-09-07
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
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2 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN REUQIONSQEMEINDE ZU LEIPZIG bensinhalte bekehren wollen, und daß sie die« Für so wichtig erachten, dal! sie darüber die Mittel weniger streng beurteilen, ab sie das würden, wenn die Tendenz der Bekehrung von der andern Seite käme, die I age ah eine umgekehrte wäre. Im dritten Bande »einer bekannten Kirchengeschichte erzählt der protestantische Theologe 11ase \.Mi einem Falle, der diese Einstellung aus dem 19. Jahrhundeft zeigt: „In < ento (Kirchenstaat) hatte der jüdische Kaufmann Padoia einen christlichen Kommis. Seine Iran ging mil diesem duren und nahm die ehelichen Kinder, die sie von ihrem Manne hau.-, mit. Der V iter Forderte die Kinder zurück. Aber das päpstliche Gericht erkannte zu Recht: da I ran und Kinder inzwischen getauft seien, i abe er Kein Anrecht mehr an ihnen, sei indessen verpflichtet, den i nterhall aller, auch des Kommis, Sorge zu tragen." Das geschah nicht etwa im Mittelalter, sondern im Jahre 1850, im vollen Lichte der neuesten Zeit. Und der Fall Mortara, und die immer noch andauernd« i Mortorafllle, die in keine OeffentUchkeil kommen, weil kein Napolt >n danach Fragt —? Auch der preußische Staat, der bekanntlich jeden, nach seiner l acon selig sein lassen" w »Ute, garantierte diese Seligkeit auch nur den Angehörigen christlicher Glaubenslehren. Freilich waren die Methoden des Beamten* und Soldatenstaates selbstverständlich; ndere als die eines Kirchenstaates. Wenn man als Soldat befördert werden wollte, wenn man ciie Beamtenlaufbahn einschlagen oder als Gelehrter, Privatdozent und gar Professor werden wollt-*, — vom Gymnasiallehrer garnicht zu reden . so türmten sieh die nach dem Gesetze nicht mehr vorhandenen Hindernisse für den uniretauften Juden so sehr, verschwanden aber tur den getauften so völlig, daß hierin e r Anreiz für alle schwachen und alle charakterlosen N'aruren lag, den Glauben wie ein schmutziges Hemd auszuziehen. Es ist auch hei:« noch garnicht i > lange h'-r, daR irgendein ungarischer Jude in Preußen <.r-t protestantisch und dann katholisch wurde, um Keine Position;:!s Professor in. j;liv Ii zu machen und zu v erbessern. Aber noch im o rier letzten preußischen Monarchie .war es ein offenes Geheimnis, daß so sehr auch Juden systematisch zurückgesetzt wurden, es aul er< rdentiieh viel leichter war. als getaufter Jud.- befördert ZU werden, denn als geborener Christ. Der l lebertritt wurde mir , bei Gelegenheit" und „zufällig" gefordert. Aber das Verbleiben im Judentume wurde in der Praxis um s> nachhaltiger bestraft und der Uebertritt in hohem Malle natürlich auch nur „zufällig" belohnt. Einen besonderen Rechtsanspruch scheinen verschiedene an der Judenbekchrung interessierte Kreise auf uneheliche jüdische Kinder 'u erheben. Das Wiener Findelhaut, das v >n Joseph iL gtgiflay det worden ist, verheimlichte der jüdischen Mutter, die dort ein Kind'hatte den Namen, dair.it sie nicht auf die ireligiös: <i sinnung des Kindes Einfluß nehmen konnte. < »ine v rrherige Taufe wurden jüdische Kinder dort niehi aufgenommen, Und noch um das Jahr I'jiki nahm die Kommune in Wien, w i ^i-- s:e mir fassen konnte, uneheliche indische Kinder, um sie frommen ehr!"", liehen Pflegeeltern zu übergeben, weil sie am' dies.- We'se ihr Verbleiben im Christentume erwartete. Jährlich versorgte sie auf diese Weise ungefähr 300 judische Kinder mit christlicher Gesinnung. Der königlich preußische Staat ging darin weiter! noch bis in die er-te Zeit des neneti Kaiserreichs wurden aul Orund d s allgemeinen preußisches Lambrechts uneheliche Kinder jüdi eher Mütter zwangsweise getauft, l)»m entspricht das sonstige Verhalten des preußischen Staates, der nicht bloß mr die Judenbekehrung beten Deß, sondern den Getauften wie das ZU allen Zeiten schon Usus war, materielle Unterstützung in reichem Maße zuteil werden ließ. Da* war nur die Fortsetzung jene- IHeren Brauches, wo jeder getaufte Jude, der sich dazu hergab, gegen Juden und Judentum aufzutreten, nachträglich /um ehemaligen Rabbiner avancierte. Dementsprechend erhielten Viele an irgendeiner Universität eine Professur Für Hebräisch, wedl nun ja ihre hebräischen Kenntnisse nicht zu beurteilen vermochte und diese deshalb ohne weiteres lür groll ansah. In Preußen wird noch heute am „Judensonntag" in den Kirchen Für die Bekehrung der Jeden , und mr die Judeninis-ion ()■ V gesammelt. I s kamen aber nui lächerlich geringe Summen zusammen. Deshalb hieb is dv*r Preußische Staat inr praktischer, aus den allgemeinen Steuern, ach der Juden, alljährlich eine große Summe wir die Gesellschaft zur Verbreitung des Christentums unter den Juden zu bewilligen. Und als der Staat endlich aufhörte, diese Summe vom Landtag bewiWgcn /u lassen, da trat die sonst licht immer aftan Freigebige Ifrwsrn und Privatschatulle in diese Lücke. .Manchmal kamen unbeabsichtigt Felder der jüdischen Organisationen solchen Bestrebungen entgegen. So gab es seit Jahrzehnten in Berlin eine große Anzahl jüdischer Kinder, die von jüdischer Stite in nkhtjüdischc ■Pflegschaften gegeben worden waren. Das war eine der Sünden, die man aus dem Verfalle jüdischen Zusammen halts während lies neunzehnten Jahrhunderts übernommen hatte, Frst nach dem Umsturz wurde das anders. Die neue in der Gemeinde zui Geltung kommende Strömung brachte solche Mißbräuche ab, wobei es sogar nicht ohne heitere Zwischenfalle anging. Heute ist es in Berlin unmöglich, daß ein jüdisches Kind, von dem die Gemeindeverwaltung weilt, nichtjüdischen Pflegeeltern anvertraut wird. Denn gerade, je liebevoller und inniger das Verhältnis ist, das Pflegeeltern und Pflegüng umschlingt, desto starker ist die Gefahr, daß un willkürlich die Kinder dem Judentume entfremdet werden. Man könnte beinahe die paradoxe l inse aufstellen, daß gerade die allerbesten Pflegeeltern die größte Gefahr lür das Kind und seinen Zusammenhang mit seinem Blute und Glauben bedeuten. Besonderen Wert hat man in evangelischen Kreisen auf die (n winnung von Juden in Jerusalem g( legt. So hat es der preußisch' König Friedrich Wilhelm IV., der sonst gegen Juden ein starkes Voitiiteil halte, doch für richtig gehalten, /ur Bekehrung der Juden zusammen mit englischen Faktoren in Jerusalem ein anglikanisches Bistum /u gründen und dies mit einem ehemaligen jüdische Schächter, der zum Christentume übergetreten war, zu besetzen Auch die heutige Judenmission legt einen Hauptweri auf die Bekehrung von Juden im Heiligen laude. Darum ist sie aucit eine so scharfe Gegnerin in der Kolonisation in Palästina. Denn wenn die Juden dort wirtschaftlich und kulturell stark und jüdisch bewußt sind, so verringern sich ihre Aussichten, die um so bessere sind, \< armer die Juden bleiben und je niedriger ihr kultureller Stand ist. Die Taufen in Kulturländern darf die Judenmission ketnesweg auf ihr Konto setzen. Die Methoden des preußischen Staates mit Bevorzugung und Zurücksetzung waren immer viil erfolgreicher. Und noch wirksamer war die gründliche Arbeit der spanischen Regierungen und Küche, die es im Lauf« du Jahrhunderte mit ihrer In quisition und ihren Judenverbrennungen durchgesetzt haben, daß das Judentum, das noch Jahrhunderte lang doch gelebt hat, schließlich den Auto-da-Fes unterlegen und in Spanien verschwunden ist. Bei den Auto-da-Fes wurden Bekehrungspredigten gehalten. Abei gewirkt haben die Daumenschraube und das Fellabschinden, die bis zum W ahnsinn gesteigerten Kerkerqualeh und die Feuer dei Scheiterhaufen. Die spanische Methode hat wirklich dem Judentume in Spanien völlig den Oaraus gemacht, wenn sie auch vier Jahrhunderte bedurfte, um ihr Ziel völlig zu erreichen. Wie man um die Gewinnung jüdischer Seelen bemüht ist, daftii ein kleines vielleicht nicht tragisches Vorkommnis ans den allerletzten Wochen- Wenn man von Jerusalem nach Bethlehem hinein kommt, muß man an dem gr illen französischen Kloster vorbei. In Jerusalem kam nur. vor das rabbinische Gericht der Fall, daß ein jemenitischer Bursche von einem 15-jährigen jemenitischen Mid dien mit einem Kinde beschenkt worden war. Die Rabbiner wirkten auf ihn ein, dall er sieh /ur Ehe mit dem Mädchen bereit erklärte. Vorher veranlaßte dir Bursche ilo- Mädchen, mit ihm einen kleinen Ausflug nach Bethlehem zu machen. Unterwegs gesellte sich eine ältere jemenitische Frau zu ihnen. Als sie am Klostei vorbeikamen, wurde der Vorschlag gemacht, das Kind bis /ur Rückkunft im Kloster ZU lassen, um es dann auf dem Heimwege wiedei abzuholen. Das geschah. Inzwischen ab« verduftete der junge Mann Als das Mädchen sah. dal! es betrogen war. wollte es ihr Kind wieder in Empfang nehmen. Aber die Klosterfrauen verweigerten die Herausgabe. Frst den englischen Heilerden und der Mi.hüte des französischen Konsuls gelang es nach Zahlung iliur überreichlichen OeUentochädigUng der Mutter, ihr Kind wieder ZU verschaffen Es stellte sich heraus, daß die jemenitische Frau, die mit ihren beiden Kindern im Kloster lebt, eine Agentin der Judenbckehnfflfj ist. Im Kloster werden ungef ihr II h's Kl Kinder aufgezogen, di< zaimeist von hilflosen indischen Müttern stammen. F.in sehr großes Verdienst hat sich v >r Jahrzehnten die auch sonst hervorragende Frau Sonja Diskin, di< „Brisker Rebbezen" dadurch erworben, dal! sie an dreihundert jüdische Kinder den Händen d t Judenmission dadurch entzog, daß sie ein, wenn auch armes aberdech für die Kinder besorgtes Waisenhaus ins leben rief. Der M tgion kongreli, der absichtlich in Jerusalem abgehalten worden ist, mit der auch erreichten Absicht, die Mohammedaner und die Juden in ihren religiösen Gefühlen aufzuregen, wurde für das Judentum keinei lei Gefahr bedeuten. Aber die N e h e n umstände machen CS wendig, auf die erfolgreiche Art, jüdische Kinder dem (.bristen turne zuzuführen, hinzuweisen und aul ein Mittel zur Abhilfe zu sinnen. Dies ' Nebenumstände bestehen überall in Armut, Not und Elend, und in jüdischer Unwissenheit. Darum kann eine Besserung I nur dadurch erreicht werden, daß die Folgen der Armut und der N<>! beseitigt werden, die Veranlassung (ur arme und verzweifelte ju-

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