Mannheim
Compact Memory

Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1928-08-24 · 34 (24.8.1928) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
4 (1928)
Issue
34 (24.8.1928)
Date
1928-08-24
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/4876568-5968788-5969048--1973-4879602
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

$4it I GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCH« den Nachforschung«.' n geltend Diene sollten auf das absolut Notwendige beschrankt werden. Die noch immer beliebten Verhöre der Petenten mit nachfolgender schriftlicher l'rotokollierung muß diu di persönlich gehaltene Unterhaltungen ersetzt werden, die Fürsorge- und Vcrtrauciispersonen nach Beendigung der Er- BÜhtung zu Papier bringen mögen. Auch Ablehnungen müssest begründet werden. Denn der Bittsteller soll das Bewußtsein haben, daß man seinen Fall nicht nach Willkur, sondern auf der Oruneilage verständiger Erwägungen entschieden habe. Fürsorge ist auch nicht /u Erziehung]*!wecken da. Es soll das nicht falsch verstanden werden. Selbstverständlich soll jede Fürsorge, insbesondere die lür Jugendliche, prophylaktisch wirken, und so leiten und erziehen, daß eine spätere Fürsorge uicht notwendig ist. In dem Augenblick aber, da eine Notlage eintritt, ist der Mensch besonders unzugänglich für erzieherische Grundsätze, zumal wenn sie mit der LIeberlegenheit dessen vorgetragen werden, di'r da genau weiß, wie man es hätte machen müssen. Mit Ratschlägen, die nur für die Zukunft gelten können, soll man gerade bei unglücklichen Menschen sehr sparsam sein. Natürlich sinil Dauertalle von ein/einen akuten Fitten vorübergehender Not zu unterscheiden. Aber der Grundsatz, daß der jüdische Arme ein Anrecht auf Hilfe hat, muß ebenso beachtet werden, wie daß aufdringliche Versuche zur Leitung und zur Erziehung, gerade im Augenblicke der tiefsten Not nicht aufrichtend Sfmdern verbitternd wirken. Insbesondere muß auch die Eigenart des jüdi- BChen Rittstellers und des Leipzigers insbesondere dahingehend berücksichtig) werden, daß man jedem Gelegenheit geben muß, sich auszusprechen. Fs ist das gewi ßkeine leichte Aufgabe, aber sie ist durchaus durchführbar. Besondeis ist darauf zu achten, daß man niemals als Fürsorger sein Mißtrauen offen r.eigt, viele Angaben eines Petenten müssen gewiß nachgeprüft werden, aber von vornherein einem mit mißtrauischer Miene zu begegnen, ist gewiß verkehrt und untergräbt das Vertrauen. Wenn die Forderung der Produkt!vierung der Fürsorge heute zu einem Schlagwort geworden ist, hinter dem leider meist Forderungen stehen, die wegen gesetzlicher und finanzieller Schwierigkeiten nicht gangbar sind, m> wäre es in der Richtung der Produktivierung der helfenden Kräfte ein großer Segen, daß man aktiv Menschen gewinne, welche sich der Kleinarbeit widmen.. Menschen, welche kontrollleren, beaufsichtigen, anleiten, inspizieren, Sitzungen abhalten. ( oarmissionen leiten, beraten, untersuchen und begutachten, gibt es in Hülle und Fülle. Leute, die ein jüdisches Kind in I* liege nehmt n. oder die einen Versuch mit einem jüdischen Strafentlassenen machten, gibt is erheblich seltener. 1 eider ist die jüdische Fürsorge in allen solchen Fitten auf die allgemeinen Institutionen angewiesen, und es ist in Leipzig sogar der Fall vorgekommen, daß ein jüdisches uneheliches Kind von seiner Mutter, einer Arbeiterin, mit der Begründung aus d-.'tn jüdischen Religionsunterricht abgemeldet worden ist, daß trotz größter Bemühungen die Unterbringung des Kindes nur bei einer christlichen Familie möglich gewesen sei, und daß deingeinitt das Kinil christlich erzogen werden müsse. In der Leipziger Fürsorge wird es zweckmäßig sein, drei Dezernate zu schaffen Eins für W a n d er f ü r sor gc, das räumlich und der Verwaltung nach ganz und gar von der allgemeinen Fürsorge zu trennen ist. Ein zweites für allgemeine Fürsorge, und ein drittes für Jugendfürsorge, mit Berufsberatung und Stellenvermittlung. Die letzte Allteilung dürfte in dir Zukunft das größte Tätigkeitsgebiet finden, auf das später in einem besonderen Referat eingegangen werden soll. I ine letzte Anregung für die Fiirsorge ist die S pe z i a I i si e ni Hg. Die vi ei gerühmte Zentralisierung hat nur einen Zweck für die Verwaltung und für die Verteilung der Qeldcr. Bei der Aufbringung der Mittel ist aber die ( cntralisicrung ( ft Von Schaden, f ür Spi-zi.il/uicke Hießen die Mittel weit leichter ind in weit höherem Malle als für die farblose allgemeine Für- .t:" Aufgabe der Fürsorge ist es, auch für die Aufbringung der Mittel zu sorgen. Durch Steuern aufgebrachte Mittel dürfen unter keinen Umständen in erheblichem Maße herangezogen werden. Diese sind Z w a n gs h e t r ä g e, welche nicht für Uebesweikc verwendet werden sollten Von Privaten aber Geld zu erhalten, ist viel leichter möglieh, wenn eine weitgehende Spezialisierung eintritt. Die Zustände in Leipzig, wo fast IN DE, LEIPZIG alle Fürsorgetätigkeit auf die Gemeinde abgewälzt wird , sind unhaltbar. Einige Gebiete sind in Leipzig schon spezialisiert, und ire Aufgaben werden durch Vereinigungen vortrefflich wahrgenoni n. Die Kinderbekleidung besorgt der Hilfsverein isi c. Iitischer Gewerbetreibender. Die Studentenfürso der Schwesternband der Leipzig-Loge, soweit es i,e Mensa betrifft, und ein besonderer Ausschuß, der für Stipend es sorgt. Kindererholungsfürsorge in lKirrenberg betreibt |er Wohltätigkcitsverein, für Kinderfürsorge sind von privater rtc Anstalten ins Leben gerufen worden, wie der Kind er gart n, der Kinderhort und das Kinderheim der Leipzig-Loge, Um die Altersversorgung kümmert sich cbi'nfalls der U , |\|. tä ti g k ei t s ver e i n. Für die K r a nk e n f ü r sor ge ist das Ei ngons ch e Krankenhaus da, und eine AI tk 1 ei der S t eil e Q r Frauen unterhält der Schwesternbund der Leipzig-Loge. Alle diest Anstalten unterhalten sich selber, und von der Gemeinde bei ej einige von ihnen Zuschüsse, die natürlich einen kleinen Teil .res Etats ausmachen. Es fehlen aber noch unbedingt Vereine für lol| ndt Zwtxke: 1. Für Brautausstattung 2. Für Mietsbeihilfe und VX'ohnungsbeschaffung. 3. Für Erholungsfürsorge (Badereisen) 4. Für Peßachhilfe. (Dieses letztere Gebiet beweist, wie ehr in Leipzig die Neigung besteht, alles auf die Gemeinde zu tchii in. Die private Vereinigung, welche früher für Peßachhilfe bes od, hat in diesem Jahre die Hauptarbeit der Gemeinde überlassen.) 5. Für A us I ä nd er a n ge 1 e ge n n ei ten (RcchtSMgdegenheitta, Steuerfragen, Gewerbescheine etc.) ö. Für ein Mädchen heim. Dal! die Darlehnskassc eine besondere Institution der Gemeinde bleibt, ist aus finanziellen und technischen < iründen DCJtwei dig, Pichtiger wäre es aber, wenn alle sonstigen oben genannten Zw >kc durch Sondervereine ihre Erledigung finden. Daß natürlich lieh alle Institutionen, um Doppelbeschenkungen zu vermeiden, und um eine rationelle Verwendung der Mittel zu ermöglichen, zu einer ZeatralWOhlfahrtSStelle zusammengeschlossen sein um un, ist selbstverständlich. Nur im losen Zusammenhange mit der Fürsorge stehen ai Icn Gebiete, nämlich Schiedsgerichte und Rechtsberat i;i. Auch sie müßten durch private Initiative geleistet werden. Mir; Wichtigkeit ist nicht zu verkenn« n, sie gehen aber Über den Kai M denen hinaus, was man von der Fürsorge versangen kann. Zusammenfassend sei also bemerkt, daß die Leipziger Für rp durch Gründung von Vereinen und (.omitees lur Sonderzwecke .nie starke Heranziehung von freiwilligen Mitteln anbahnen müßt' di der Gcmi'indcctat von Fürsorgebeträgen stark zu entlasten i>i Für die eigentliche (i em eindefürsorg e blieben dan i« der Hauptsache die Unterstützung der in Not (ierate es, die JUgendf Ürsorge, die Darlehnskassc und die W a n \tf für f or g e. 1 Die größte Schwierigkeit bei der Fürsorgearbeit ist die V' hindung von R a t i o n a 1 i si e r u n g und Nächstenliebe. AuI der einen Seite in freudiger liebevoller I lingebung dem Nächste ■ helfen, auf der anderen aber doch mit den vorhandenen M uli sparsam umzugehen und dort nur Hilfe zu gewähren, wo sie not wendig ist. ist nicht einfach. Es ist eine unendlich schwierige \ntgäbe, die nur dann gelost werden kann, wenn selbstlose Mitai Üfl von sozialem und jüdischen Empfinden sie tragen. Diese zu l dfl und anzuregen, ist die wichtigste Aufgabe in der Fürsorge DU Männern und Frauen, die bisher als Beamte und als freiwillige I Iftf der Leipziger jüdischen Fürsorge Großes geleistet haben, zu da ist eine Pflicht, die die ganze(iemeinde freudig erfüllt. Wichti: : a'; Dank ist aber die tätige Mitarbeit durch persönliche Hin iW und Bereitstellung von Mitteln!

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.