Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 4 (1928)
- Issue
- 25 (22.6.1928)
- Date
- 1928-06-22
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
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GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGFMEiNDE, LEIPZ1Q Das jüdische Hotel ist der Kristallisationspunkt, um den herum sich eine jüdische Gesellschaft sammelt, der ein neues Zuhause gibt, wenn der Jude die eigenen \ier Wände verlassen hat. Der Mensch bleibt immer, der er ist. Und wir Juden, wir wollen auch bleiben, wer wir sind, wollen unserer Eigenart uns freuen und es als schönste Zugabe des Sommerausflugs betrachten, wenn uns ebenso wie die neue Herrlichkeil der Natur auch wertvolle Persönlichkeiten unserer Gemeinschaft begegnet sind, der Kreis unserer Bekannten sich erweitert hat und wir in Gespräch und Umgang mit ihnen aus dem engen 1 lori/ont unserer nächsten Umgebung herauswachsen und teilnehmen au den Interessen weiterer Kreise. Ich vernehme den Einwand: Ja! wären unsere jüdischen Hotels gleichwertig allen anderen, dann, ja, recht gerne. Aber bei meinem Stand, bei den mir nun einmal unentbehrlichen Lebensbedingungen kann ich das ganz, unmöglich! .... k'h Kenne die 1 inwände und höre sie ohne Worte. Aber eine Frage: Kennt man sie denn? Hat man die Probe gemacht? oder sind es nur die Vorteile von anno dazumal, die unausrottbai weiterleben im jüdischen Publikum, obwohl wir selber garnichl bemerken, wie wir uns selbst mit solcher Charakteristik herabsetzen? Weiß man denn, daß es heute einen selbstbewußten, strebsamen Wirtestand gibt, Männer, die hochgeachtet bei ihren christlichen Kollegen dastehen, innerhalb der Städte und Bäder den besten Namen haben, die nicht mehr, wie vielleicht einstmals, weil alle Geschälte schief gegangen sind, nun einen primitiven Mittagstisch aufmachen, vielleicht auch dürftig ein paar Mansarden mit unmöglichen Betten und Waschtischen ausstatten in dem törichten Glauben: „das jüdische Publikum muß uns kommen''. Gewiß, es mag auch noch mancherorten solche geben, mau kann niemand verbieten, den Urzustand zu virewigen. Auch im Baedeker gibt es Hotels mit und ohne Stern; auch diese Stätten haben, weil sie billiger wirtschaften, für ach so viele Kreise der Judenheil ihre volle Berechtigimg, aber es sind heute schon die Ausnahmen. Manches jüdische I lotel ist so erstklassig geführt, daß es eigentlich in den Augen so vieler nur einen Fehler hat - - den jüdischen Besitzer. Und nun ein ernstes Wort! Ist das unserer selbst würdig, daß wir, die wir immer den Ruf nach gulen jüdischen Gaststätten ausgegeben haben, nun dem schwer ringenden Wirtestand in den Rükken fallen.'' daß wir so wenig common sense besitzen, LUIS nicht ZU 6agen, dann kann das beste Streben der fähigsten Menschen auch I keinen Erfolg zeitigen. Wir sind gewiß nicht engherzig, wir kennen keine Parole, wie die antisemitischen Gegner gegen uns, aber est ist wahrhaftig eine berechtigte Forderung an jeden Juden: Da wir einmal durch alt-heiliges Gesetz nicht am fremden lisch mitspeisen dürfen, da der jüdische Wirt, weil er seine Gäste koscher verköstigen muß, eine viel schwerere Aufgabe in seinem Betrieb zu bewältigen hat, so sollten wir es uuns zur absoll ten Pflicht machen, ihm zu helfen und seine Bestrebuungen zu fördern.. Dürfen wir den ganzen Kampf um die Schechita, die vielen Angriffe auf unser Religionsgesetz, vergessen? Das Hauptargument unserer Gegner ist ja, die Juden achten Ihre Religionsgesetze selber nicht! So ereignet es sich bei jeder denUnzUtorischen Anzeige gegen die Schechita, daß der I linweis sich findet, der Jude X hält ja selber eine Schweinezucht! Charit) begins al homel Jeder muß seinerseits den Anfang machen, um dadurch der Gesamtheit einen Dienst zu erweisen. Man kann nicht immer die Mizwos dem lieben Nachbar mechabed sein, | und für sich nach dein berühmten dawkenl I :hi n Prinzip die entgegengesetzte Praxis üben. Und ich sage nochmals: Man ist gut aufgehoben im jüdischen Hotel, wirft sein Geld nicht zum Fenster hinaus, findet eine Leistung, die dem Aufwand er. spricht und wild gewiß sich zum Allerbesten enttäuscht finden. Es ist eben G. s. D. anders geworden. Die jüdische Oeffentlich» keit betrachtet heute die Frage der jüdischen Hotels als die ihre Der Landesverband preußischer Gemeinden hat aus öffentlichen Mitteln schon eine größere Summe bereitgestellt, um die Bestrebungen] in dieser Richtung zu unterstützen, der Verein zur Förderung ritueller Speisehäuser hat mit wachsender Kraft seine Ziele zu verwirklichen gewußt, und der Verein jüdischer Hotelbesitzer und RestaurateurQ ist energisch am Werk, diesem Lebensbedürfnis jüdischer Mensehen seine Befriedigung zu verschaffen. Stehe daher niemand zurück, wenn er den Staub des Alltags von den Füßen schleudert, um ins Freie zu kommen und wirf auch die alten Vorurteile mit fort! Mit anderen Worten: das Gesetz -py ynx vn „Sorge', daß aueft Dein Bruder leben kann wie Du", steht auch in der Thon, dieser goldene Satz brüderlicher Lebensauffassung dieses strahlende Wort der Verpflichtung, der Mitverantwortung, der Weitherzigkeit in allen Lebensbeziehungen, „Vergiß nicht, dal'. Du ein Jude bist", wen* Dir die Wellen des Meeres oder das Tannenrauschen der Berge ins Herz, singen. Unsere Gemeinde Ein Jüdisches Sicchenheim für Leipzig (Eil A In der letzten Nummer der Zeitschrift des Hilfsvereins vom 1. Juni 102$ lesen wir einen sehr beachte.i werten Artikel unseres verehrten Oetneinderabbiners, Herrn IV. Felix Qoidmann, worin sich derselbe dahin äußert, daß in Punkte Wohltätigkeit und sozialer Fürsorge von privater Seite in unserer hiesigen Gemeinde noch sehr viel zu tun sei. Cierade unsere Leipziger Religionsgemeinde ist bekannt dafür, daß sie sozusagen als Durchgangsstation für alle Hilfe und Unterstützung Heischenden, namentlich auch von auswärts betrachtet wird. Aber die ihr zur Verfügung stehenden Mittel und Kapitalien reichen bei weitem nicht aas, nur den allernötigsten Anforderungen zu genügen. Hier wäre nun ein weites Feld für private Wühltätigkeit, die ja gerade bei unseren leipziger ücimiiulemitglie'lcni von je her, namentlich in der Vorkriegszeit, in weitgehendstem Sinne geübt wurde. Nachdem die im edlen Wohltun besonders sich auszeichnende Familie 1 itingon durch ihr epochales Werk der Menschenliebe mit so glänzendem Beispiel vorangegangen, werden sieh vielleicht bald noch andere philantropisch gesinnte Wohltäter finden, die ähnlichen Zielen zustreben, um die Not unserer bedürftigen Glaubensgenossen durch Errichtung anderer notwendiger Institutionen zu lindern. Wir haben hierbei besonders die Stiftung eines jüdischen Siechen, ■ hauses im Sinne. Unser unvergeßlicher Alphons Jacobson hatte in seinem Wohltätigkeitsvereine, der mit seiner Speiseanstalt, seinem Kinderhort, der Solbad-Kolonie Dürrenberg auch eine kleine Altersversorgung unterhält, wohl für einige wenige betagte, alleinstehende Leute ein behagliches Heim geschaffen, wo sie sorgenlos ihre letzten Jahre verbringen sollen, aber die Verwaltung ist nicht in der Lage, solche alten Leute, die durch langwierige Krankheit oder Siechtum beständiger, sachgemäßer Pflege und ärztlicher Aufsicht bedürfen, in ihren beschränkten Räumen und ohne nötiges, geschultes Personal zu verpflegen. Gerade in letzter Zeit hatten sich derartige Fälle gehäuft. Das Isr. Krankenheim nimmt Sieche auch nicht auf, und so fehlt es dringend an einem Heim, wo alte, schwache, beständig abwartender Pflege Bedürftige versorgt winden. Eine solche Schöpfung wäre eine dringende Notwendigkeit und hierin würde sich wahre Menschenliebe und Güte dokumentieren, und ein Werk schaffen würdig den Lehren unserer Religion und dem sozialen Sinne der Gegenwart; den Stiftern aber zum unvergänglichen Gedächtnis. Diese Frage in Erwägung zu ziehen wollen wir Anregung; i n und hoffen, daß unsere dahin zielenden Wünsche baldigst Verwirklichung finden mögen zum Segen in unserer Gemeinde. S. M. Bericht über die Kuratorium -Sifittrs; am 13. Mai 2928 Der Vorsitzende, Herr Solms Rosenstoek, eröffnet die Sitzung um 11 Uhr 15 und begrüßt alle Anwesenden. Es wird sogleich in die Tagesordnung eingetreten. Zu Punkt l erhält Herr .Maas das Wort. Der Geschäfts- und Rechenschaftsbericht für das Jahr 1927 liegt zur Kenntnisnahme vor und wird das Vorlesen des Berichtes nicht gewünscht Besonders bemerkt I lerr Maas, daß die Erben des verstorbeneu Herrn S. Kroch 50<K) Mk. vermacht haben ausdrücklich zum Betriebe der Anstalten. Es wird auch festgestellt, daß von der Summe von 5000 Mk. der entstandene Verlust des Betriebsjahres in Höhe von Mk. 2655,30 gedeckt ist. Herr Hodes bemängelt die Verwendung der 5000 Mk. Nach einer sz:z.izr.\. -.,w».:t. J. C. Hamfch Das Blumengeschäft für Jedermann Grimmaische Straße 29 Hauptbahnhof West Fernsprech-Sammelnummer 70156