Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 4 (1928)
- Issue
- 25 (22.6.1928)
- Date
- 1928-06-22
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/4876568-5968788-5969035--1868-4879506- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 2 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN REUOIONSQEME1NDE, LEIPZIO «einschaft und brachte Insgeheim dein Gotte Israels stattliehe Geldopfer dar. Benjamin und Sarah Disraeli hatten einen einzigen Sohn Isaak, der sie frühzeitig in Erstaunen letzte. Dei Vat« suchte die Mißhelligkeiten zwischen Mutter und Sohn dadurch /u schlichten, daß er das Kind reich beschenkte. Für sein Auffassungsvermögen war ein Kind immer mir dann unglücklich, wenn ihm Geschenke verweigert wurden. Mit 23 Jahren veröffentlichte der Jüngling ein Gediehi, das trotz allem Wohlwollen und Optimismus den Vater Disraeli erschreckte, denn sein Gegenstand hieß „Gegen den Handel, der die Menschen korrumpiert." Der junge Disraeli wurde mit Erziehern nach Frankreich und Holland geschickt, von wo er als Freidenker und Schüler der französischen Eno klopädisten i zurückkehrte. Auch dieser pädagogische Versuch war mithin kläglich gescheitert und Isaak Disraeli lebte fortab völlig nach seinem Oeschmack, d. h. /wischen Büchern oder innerhalb des dazumal völlig verödeten Britischen Museums. Er war zwar Mitglied der Londoner Sephardim-Gemeinde, brach aber alle Beziehungen zu ihr jab, als sie ihn zwingen wollte, eine Stelle iju Gemeinde vor« stand einzunehmen und widerstand nun auch nicht länger dem Drän* gen eines seiner christlichen Freunde, des selbst in Deutschland bekannten Historikers Turner, seinen Sohn in die Anglikanische Kirche aufnehmen zu lassen. Den Jungen Benjamin Disraeli. sowie seine jüngere Schwester Sarah, mit der er sich innig Verbunden Fühlte, kostete der Glaubcnswechsel kein großes Opfer, da er im väterlichen Hause nur religiöse Oleichgültigkeit und seitens der verhassten Großmutter der geborenen Villa Real, Feindseligkeit gegen alles Jüdische kennen gelernt, überdies aber auch in den ersten chulen, in die man ihn aufgenommen hatte, zum ersten Male den I egriff ..Jude" als Schimpfwort und die in hoher Blüte stehende Rassentheorie kennen gelernt hat. Ein schönes verwöhntes Kind aus reichem Hause, das von unterlegenen Gefährten um seines Judentum^ verspottet worden, gelangte naturgemäß zu dem instinktiven I lochmut seines hoher organisierten Geistes, der sich in dem einfachen Wort lublimierte: „Ich kann warten "I Benjamin, körperlich /arter gegliedert als seine Mitschüler, ward eines Tages in der Schule von rustikalen Gefährten brutal überfallen. Zu aller Erstaunen blieb der schwächliche Knabe Sieger. Vielleicht hatten Schuler und Lehret sich weniger gewundert, wenn sie gewußt hätten, daß der Sieger seit drei Jahren heimlich Unterrichtsstunden in der ihm heterogenen Kunst des Boxens genominens hatte. einem Freigeistigen Hause autgewachsen, inusste der Gedanke des Martviiums für irgendeine religiöse IJcberzeugung, der gerade starken Charakteren wie Disraeli, Trost und Kraft gewahrt, aber wohl auch Trotz und zu großes Selbstbewußtsein züchtet, ihm Fern liegen. Aber auch die gewöhnlichen Empfindungen des Konvertiten, der durch Hall gegen seinen früheren Kulturverband die Reue in der eigenem Brust zu überwinden strebt, konnte bei ihm, der zur Zeit seines Olaubenswechtda im 13. Lebensjahre stand, nicht Platz greifen. So wuide Disraeli, da er seine Abstammung keineswegs für schlechter als die seiner Kameraden halten konnte, schon früh zum Nachdem. :i übel sogenannte Rasseverschiedenheiten und ihre Folgen im Gemeinschaftsleben geführt. L'nd da der Dichter in ihm Frühzeitig er- Wichte, hat er diese ihn offenbar Jahre hindurch bescliäitigenden Gedanken auch für und für poetisch verwertet. Mit welcher Gewalt die schmachvollen Jugenderinnerungen sich ihm bei seinem literarischen .-ei...::e;: aufdrängten, /eigen viele Stellen des 1825 entstandenen k<,mans „Vivian Grey-', der ihm vielen Ruhm eintrug. Auch in dem i 2 veri Ff entlichten Rc man „(Jontorini Fleming'' spielen die Erinnerungen an die selbst erduldeten Anfeindungen, sowie das Gefühl der i remdheit des im Norden nicht eingewurzelten und viel angefeindeten Südländers eine Hauptrolle. Noch viel wichtiger als diese Dichtungen, die nur für die erzwungene Entwicklung des modernen R a s s c g c d a k e n s bei Disraeli selbst Bedeutung haben, sind für die weitere Geschichte dieser Theorie die Romane „Coningshy" und „Tankred", die er veröffentlichte; nachdem er schon all Mitglied der Torypartei in das Parlament eingetreten und gemeinsam mit Lord Derby für die Zulassung der Juden zu allen öffentlichen Aemtem und staatlichen Würden sich eingesetzt hatte. Sich selbst identifizierte Disraeli mit der von ihm erfundenen Gestalt des orientalischen Juden „Sidonia", dem er die kühnsten Wünsche seiner eigenen Person Unterschiebt. „Ein Rothschild an Reichtum und Macht, sprachenkundig wie Messofanti, ein Wesen von lauter Intelligenz, frei von allen Leidenschaften wie Spinoza, dabei ein Weltmann, der in den Kabinetten der Kaiser und Könige ebenso zu Hause ist wie in den Salons der geistreichsten Damen von London und Paris.." Dieser „Sidonia" nun vertritt in Hinsicht aul die Bedeutung der Rasse für dic:e Weltgeschichte dieselben Ansichten wie späterhin Graf Gobineau; nur daß Disraeli den Jude n und den ihm stammverwandten Arabern jene Rolle zuerkennt, die bei dem französischen Grafen, der sich für den Abkömmling eines normannischen Wikingerführers hielt, „les aryens" spielen. Der orientalische Jude „Sidonia" war noch eine dichterische Fiktion des Poeten Di sraeli. Vielleicht ahnte er indessen schon, daß Ihm seihst die absonderlichste Laufbahn eines genialen Staatsman-! nes beschieden sein sollte. Fürwahr: Der Vorwurf der Kleinheit oder Kleinlichkeit traf den geheimnisvollen Enkel und Erben des Wüstenwanderstammes, Benjamin Disraeli, Earl of Beaconsfield, niemals. Nur ein Mann, in dessen Adern der geheimnisvolle Rhythmus tausendjährigen Blutes sich mit Strömen spanischen und venetianischen Geblütes mischte, ein Mann, der Dichter und Staatsmann zugleich war, der sich seine Sporen in Kämpfen mit den großen englischen Staatsmännern Oladstone und Palmerston eroberte, der von den Whigs zu den Torics hinüberwechselte, und der nach der Erwerbung der Fidschiinseln, den Ankauf der Suezkanalaktien, der wohlüberlegten Reise des Prinzen of Wales nach Indien im Jahre 1875 seiner Königin den Titel einer „Kaiserin von Indien" erstritt; nur ein solcher Mann, der nach den Orientwirren von 1877 und 1S78, nach dem Frieden von St. Stefano persönlich dem Berliner Kongreß beiwohnte, um Rußland endgültig die Herrschaft über den Orient zu entreißen und, trotz seiner verhangenen Mienen dein einzigen, ihm ebenbürtigen Genie seiner Epoche, Bismarck, bedingungslos zu imponieren; nur dieser Mann vollbrachte, was sein dichterischer Biograph ihm mit Fug nachrühmt. Den letzten Extrakt alter Kulturen in sich vereinend, mit der Welt in all ihren Tiefen und Höhen durchmessen habend, blieb er den meisten Männern seines Zeitalters (das an Genies nicht eben arm war) ein Rätsel, verstand dafür aber, alle Frauen zu bezaubern. Obzwar er der treue Ehegefährte einer wesentlich älteren Jüdin, Mrs. Lewis, war, und verj mochte es zugleich, seiner Königin — der höchst impetuosen und autokratisch gesinnten „Queen" — seinen Willen in den ininniglichen Formen lincs Troubadours zu diktieren und dafür die bedingungslose Gefügigkeit der sonst sehr widerspenstigen Königin, aber auch die Zärtlichkeit der alternden Trau zu ernten. .Mit dreizehn Jahren durch den Judenhaß einer verständnislosen Menge von seinem Stamme abgetrieben, hat er dennoch niemals unterlassen, sich mit der ganzen Willenskraft seines i in p et u o s e n Genies für die J ti d e n s c h a f t einzusetzen und ihr in England sowie innerhalb des gesa m ten br i t i sche» I m per 1 ums j eg lieh e Frei zü gi gkelt zu erkämpfen. Dieser Mann, der schon rein äußerlich wie ein geheimnisträchtiger Nekromant wirkte, in dessen Gesichtszügen wie in dessen Kleiderfalten man alle Wunder der Welt verborgen wähnte, hat sein Wort wahr gern acht. Er hat ein großes Leben geführt, und eben dieses große Leben hat in der Darstellung Andre Maurois einen großen, seiner würdigen Spiegel gefunden. Jeder Jude, gleichviel, ob er sich von Religions- oder Stammeswegen als Jude fühlt, wird eine Bereicherung erfahren durch diese erste homogene Schilderung des Lebenslaufes dieses offiziellen Christen und doch noch* gemuten Juden, genannt Benjamin Disraeli, Earl of Beaconsfield. Dem Dichter aber, der mit so viel ungewöhnlichem Eiiilühlungsvertnögen in eine so vielspältige Psyche einzudringen verstand, gebührt der Dank aller literarisch Gebildeten und Bildungsfähigen, seien sie jüdischen Stammes oder nicht. ' E:ri l^flahnwort vor Bögliin der* Reisezeit Der „Verein jüdischer Hotelbesitzer und Restaurafeure" versendet ein Rundschreiben, dem wir auszugsweise gerne Raum geben. D. Schriftl. ■ Auch unser jüdisches Publikum rüstet und überdenkt die Stätten f der Erholung, aber der Baedeker allein kann ihm nicht genügend j Wegweiser sein. Line wahre Erholung gibt es nur, wenn mau un- [ tcr Freunden, unter Menschen seinesgleichen weilt, wenn die neue Welt, in die man tritt, Verbitterung und Gefühle der Zurücksetzung erspart. Nur an den Orten, an denen erfahrungsgemäß Du jüdische Bekannte trifFst, wo Du als Jude Dich nicht verstecken und schämen mußt, geht Dein Atem Fi ei und wird auch der Naturgenuß Dir ein voller und echter. Du mußt den jüdischen Baedeker zur Hand nehmen, wenn Du den Wanderstab ergreiFst, mußt fragen: Wo haben jüdische Wirte die Möglichkeit eröffnet, in der Fremde ein jüdisches Haus zu finden? ,