Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 4 (1928)
- Issue
- 25 (22.6.1928)
- Date
- 1928-06-22
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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4 jahrgan*. Nr. 25 22. Juni 1923 dzr Jsr&elitiscken Amilichzs HtckrichieH U* tyer GeHieiMclever wä liun kzligtqnSgc mzindz cckha k e Cm >um i ■•:i?int w5ch"»o-":h am rraif.j. PH V. •»'.(; R«Hal«UI||—«lnill •wird c» «.'*• ti : i J:x.i ütc Post («atttalH. BtaugafitH . L!,ia?j;,»dsr nw' tO nw|k AaaatgM «"•«'oiiir W .»i;fc-i Teek'natraSa 11, TltaSAtaa M4M. SchrUttoituaai flsnulasani1> ■'■ Uii'fj'i i&. TcUphtk! Ow;t imdVtflia: \v TMii*. Lrp2';, •„•••vi-wttff. ii. Vrahen i « An- Oi ( «»»ü;«;« f «i . t>: ' i- B ' ' ■ ii Veiiin * .;•<« |> f'fu U ■: jjjatiten r . ti , r > B*.s bnaatä. Tarif. ::tc -»(♦ntei.. |, Kflhn*. BrahSMl 9 (Tdiph». i4«49>. Cü.- SchilftMtung OTMralmml (Ar dti i d-;r v*«io <M VtttaMttl uacbtlw o-. Bttt! I;f m 3 Vaisinai..ichrichten nur j:< p:: . ■; , «aaU trtäa •. NaoMraek ai i n;: Qu,>:;ar.«aaaSie i.id fK—>al|ii<| an Varfaaaan oeatattat Bertfamira Disraeü Im Spiegel rrcoderrser* D:ctiiep Von Doris Wittner „Am farbigen Abglwn erkennt ihr das Leben!'- . . . Setzen viele Dichter von heute ihre besondere Ehre darein, den modernen Menschen und — darüber hinaus den modernen Staat mit allen Mitteln ihrer Phantasie und (iestaitungskrait vor uns hinzustellen und, ohne etwa irgendeine „sittliche Forderung" zu erheben, vorhandene Schaden erbarmungslos aufzudecken, einer Fortschrittlichen Entwicklung oder dem, was sie dafür halten, hin gegen leidenschaftlich das Wort zu reden, so gibt es wiederum deren andere, die sich mit Vorliebe der Darstellung besondeurs überragender Mensehen und ihrer Wegspuren zuwenden. Die Darstellung lolcher Persönlichkeiten füllt /umeist auf einwandfreiem dokumentarischen Material, das sich in jedem Buchstaben nachprüfen lallt. Auf diesem Ochiet gebührt besondere Bewunderung dem Werk lies Franzosen Andre Maurois, das soeben auch In einer vortrefflichen Uehertragung ins Deutsche erscheinen ist. Schon das Wahr- und Wahlwort des großen englischen Staatsmannes, das dem Buche vorangesetzt ist, darf ab symbolisch fv.r diese Arbeit gelten: „Das Leben ist zu kurz, um klein sein ZU dürfen." Wir nehmen ein besonderes Interesse an dem Leben dieses einstigen Stammesgenossen, dessen Existenz niemars klein oder kleinlich war, sondern dessen Leben vielmehr bunt, abenteuerlich, verwegen und groll in jedem Sinne sich bewegte; dieses Mannes, der die höchsten Würden des britischen Imperiums auf seinen Schultern trug, während in seinem 1 ler/en die Zauberharfe des Ostens ihre Märchenweisen sang und klang. Nicht umsonst ward diesem rätselhaften Manne von einer vergeblich um Verständnis ringenden Umwelt der Spitzname „Die orientalische Sphinx" verliehen, denn eben dieser Mann, der Dichtung und Krieg im Husen trug und dessen Seele wohl nicht umsonst Jahrtausende zurückgewandert w;:r über jene östlichen Meere und Wüsten, durch die einst seine Vorfahren geachweifl waren. 'Auch er war ruht heimisch auf .der briti c .cn [nid, die er beherrschte, sondern in jenen fernen Urtriften des Lebens, denen er nicht nach Jahrtausenden Weisheit und Sangiskuiist dankte. *) Andre Maurois, Benjamin Disraeii. Lord Bcaconsfiekl, Sein Leben. Deutsch von Erich Klossowski. Mit S Bildtafeln. Iii rhu 1929 (S. l ischer Verlag) ' Und wiederum will es uns als das Verdienst eines dichterisch begnadeten Schriftstellers — eben des Franzosen Andre Maurois — erscheinen, dali er, trotz der umfänglichen Literatur, die über Benjamin Disraeii, Lord of Peaconsficld, bereits besteht, und die in den Archiven der Beaconsficld-Verwaltung sorgfältig aufbewahrt wird, zum ersten Male eine wirkliche Synthese dieses Widerspruch s v o 11 s 11 n aller Säkularen Genies gefunden hat. Das Leben I Israelis, durch das Temperament eines Maurois gesehen, liest sieh, obwohl der dichterische Biogra pIi sich streng an die historischen Quellen hält, wie der spannendste Roman. Allerdings hat Maurois es nicht verschmäht, bis auf die Uranfänge dieser erstaunlichsten aller diihtcrisclieu und Staat .inännischen Laufbahnen zurückzugehen. •m Jahre 1200 vertrieb der dazumal herrschende König Eduard l alle Juden von der britischen Insel, ani der sie bisher toleriert worden waren. Es war die Zeit der Kreuzzüge, und allenthalben erhoben sich die Mönche, nn gegen die vermeintlich Ungläubigen zu hetzen. Ungefähr sechzehn Tausend Juden verlieBen dazumal England. Jene, die dem Meer und der Grausamkeit der MarinebcSatzungen entgingen, fanden in Frankreich ein Asyl. Aher auch nur für kurze Zeit, im Jahre 130« entschlofi sich Philipp der Schöne, aus dringendem Geldmangel die Güter der Juden einziehen zu lasse i und sie selbst nach Spanien zu vertreiben. Dort verbrachten sie zwei Menschenalter des Friedens, bis auch daselbst die Scheiterhaufen aufflammten und das unglückliche Volk sieh entschließen mußte, weitem*« wandern. Aber die Verfolgungen fingen ihr Mali in sich. Sobald Spanien sieh den Juden verschloß,! eröffneten sieh ihnen die Republiken von Venedig und Amsterdam, und auch Frankreich schien se wieder gastlich aufnehmen zu wollen. In England selbst hatte die Reformation, dank gründlichen Studiums der Bibel, eine gewisse sympathische Neugier zugunsten der Juden erwachen lassen. Die Puritaner nahmen jüdische Vornamen an und suchten nach den verlorenen Schriften. Im Jahre 1649 wurde die Rückkunft des Volkes Israel durch Lord Fairfax offiziell kundgetan. CromweH zeigte sich ihnen gnädig und Karl II. unterzeichnete das Einlaßedikt So kehrte Ende des 17. Jahrhunderts eine stattliche Oemeinde portugiesischer und spanischer luden nach London zurück. Viele dieser Familien — beispielsweise die Villa Real, die Medina, die Lara — waren zur Zeit der maurischen Herrschaft nobilitiert we rden; sie verachteten die polnischen und litauischen Juden, die durch die Erhebung der Kosaken nach Wes'dt ve; trieben wurden und verwehrten ihnen die Teilnahme an ihrem eigenen Gottesdienst. Im Jahre IIIS gewahrte die jüdische Oemeinde von London die Ankunft eines jungen Italieners. Benjamin Israeli oder Disracli, der aus Cenio oder Perrara stammend, vergebens versucht hatte, in Venedig sein Glück zu machen und nunmehr einem günstigeren Lande zustrebte. Seine Anfänge waren auch in Ewgland nicht eben Vorteilhaft. Fr spekulierte, verlor und schien ruiniert, aber als er in zweiter Ehe eine I ran heiratete, die ihm nicht nur das Blut der Villa Real, sondern auch eine stattliche Mitgift zuführte, ward er zur Börse zugelassen und wurde alsbald ein sehr reicher Mann. Er war ein duldsamer und heiterer Mann, der in einem Vorort von London sich einen italienischen Landsitz errichtete, seine Gäsle in großem Stile bewirtete und nach der Mahlzeit zur Mandoline griff, um seine Serenaden zu singen. Außerhalb der Geschäfte sah Mittel Disraeii nie mals andere Jüdi n. Fs war das nicht etwa Berechnung von ihm, denn er war einfach, gütig und fürchtete jemand I \ verletzen. Aber seine Prau, in Spanien zwangsläufig Christin geworden, durch ihre Schönheit und ihr Vermögen in London zu einer überragenden gesellschaftlichen Stellung gelangt, haaste es, an ihre jüdische Oeburt erinnert zu werden oder gar au die Tatsache, dall sie durch ihre Heirat zu einem nahezu symbolischen Namen verurteilt war. Um ihr zu gefallen, besuchte Disraeii niemals den Tempel, aber er blieb Mitglied der ülaubensge-