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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1928-06-15 · 24 (15.6.1928) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
4 (1928)
Issue
24 (15.6.1928)
Date
1928-06-15
Page
[Seite] (sequence 5)
Language
German
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OrMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIOIONSQEMEINDE, LEIPZIQ Seite 3 mus und den falschen Forderungen des Sozialismus stellt die jüdische Lthik die religiösen Ideale der Menschenliebe und | der Oer echt ig k eil entgegen. Ueher „Bodenreform" referierte Dr. Salzberger-Frankfurt a. M. Die moderne Bewegung der Bodenreform geht von der Erkenntnis aus, da Uder P.csitz von Grund und Boden eines de; wich« iigsteu Wirtschaftsgüter ist, dal) seine Anhäufung in wenigen Minden, also die Verdrängung der vielen aus ihm eine schwere Beeinträchtigung der wirtschaftlichen Gesundheit eines Volkes bedeutet Diese Erkenntnis hat in der jüdischen Lehre in einer ganzen Reihe von Gesetzen feste Form gefunden. In ihnen kommt der Gedanke zum Ausdruck, daß der Boden Eigentum Gottes bleibt. Dem Menschen ist er nur zur Bearbeitung überlassen, darum kann nicht der Boden, sondern nur der Ertrag, das Recht auf Arbeit au ihm abgetreten werden, aber auch nur für bestimmte Zeit, immer nur so, dal! in gewissen Abstünden ein Ausgleich eintreten muß) ihr eine Anhäufung von Bodenbesitz bei Einzelnen verhindert. Das Schicksal der Juden, einst ein Volk von 'Ackerbauern, im Laufe der geschichtlichen Entwicklung von körperlicher Arbeit überhaupt, besonders aber von der am Boden tast völlig abgedrängt worden zu sein, ist überaus nachteilig auch liir die seelische Struktur des Juden gewesen. Erstarken kann der Jude nur, wenn er wieder am Acker arbeiten wird. Darum sind alle Bestrebungen zu fordern, die die Jugend für diese Arbeit gewinnt, ebenso die in die gleiche Rieft« tung gehenden Versuche des „Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten", die Ansiedlungsarbeit der Zionistischen Organisation und die des „Ort" in Rullland. Ueher „Bevölkerungspolitik" sprach alsdann Hr. Eschelbach er-Düsseldorf. Das Bevölkerungsproblem ist letzten Endes ein religiöses Problem. Bis ins 19. Jahrhunderl lünein wurde alles, was mit dem Entstehen des Menschen zusammenhingt, als ein geheimnisvolles Wunder empfunden. Wenn in neuerer Zeit der Mensch mit zudringlicherem Geist an dies Geheimnis herangetreten ist, so haben teils verächtliche Gründe, Bequemlichkeit, persönliche Egoismen verschiedenster Art, teils aber auch gesteigertes Verantwortungsgefühl diesen Wandel herbeigeführt. Hinter allem steht aber eine Schwächung des bis dahin aus der Religion erwachsenen Vertrauens zum 1 eben. Im Judentum war der Optimismus vorherrschend, er hat, gemäß der dem Menschen bei der Schöpfung gegebenen Bestimmung, dem Wunsche nach Kindm zu reichster Verwirklichung geführt. Aber selbst in Zeiten, in denen seelische Depression und wirtschaftliche Not das Verlangen nach Beschränkung der Kinderzahl aulkommen ließen, galt immer noch die Forderung, daß in jedem Hause zum wenigsten zwei Kinder großgezogen werden müßten. Daraus ergibt sieh auch die Forderung an den Menschen unserer Tage: das ursprüngliche Oefühl heiliger Lebensfreude in unserer Mitte neu zu beleben, das Vertrauen wieder ZU wecken, das in Frömmigkeit dem Gebot der Fruchtbarkeit folgt.. Den Referaten folgte eine Aussprache mit einer reichen Fülle an wertvollen Anregungen. Kölner Tagung der Gesellschaft für die Wissenschaft des Judentums Die Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums hielt anläßlich der im Rahmen der PRESSA veranstalteten jürischen Kulturwoche ihre diesjährige Hauptversammlung im Kongrebsaal des Ausstellungsgebäudes in Köln-Deutz ab. Eine überaus starke Zuhörerschaft war der Einladung der Gesellschaft gefolgt, Insbesondere erschienen auch zahlreiche Mitglieder aus dein Industriegebiet und vom Niederrhein. Die 1002 gegründete (iesellschaft hat sich zur Aufgabe gestellt, die wissenschaftliche l'rforschung des Judentums nach der bist.irischen und systematischen Seite XU pflegen und ihre Mitglieder mit dem Stand der Forschung in Verbindung zu halten. Die Gesellschaft gibt die „Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums", die einzige jüdischwissenschaftliche Zeitschrift in deutscher Sprache, heraus und stellt sie allen ihren Mitgliedern Unentgeltlich zu. Sic veröffentlicht ferner neben zahlreichen Einzelschriften, unter denen das Prachtwerk von Dr. C. Tassilo Hoffmann: Jacob Abraham und Abraham Ahramson, 5ö Jahre Berliner Mcdaillcnkunst, 175"j— 1810. hervorgehoben sei, grollzügige Publikationen, unter ihnen grob angelegte Werke wie die Germania Judaica und der Grundriß für die Oesamtwissenschaft des Judentums. Der gegenwärtige Mitgliederbestand beträgt etwa 1600 und verteilt sich über alle b Lrdteile, sowie über alle Konfessionen. Die sehr angeregt verlaufene Versammlung begann mit einer geschäftlichen Sitzung, in der der Vorsitzende, Legationsrat Professor Dr. M. Sobernheim-Berlin, den Bericht über die Tätigkeit im verflossenen Jahre erstattete. In der Festsitzung richtete zunächst der Präsident des Deutscheu Rabbinerverbandes, Dr. Hacek-Berlin, einige Worte der Begrüßung an die Anwesenden und hob die Bedeutung der Kultur für das innere Leben des Menschen und dir besonderen Aufgaben der Gesellschaft als Kulturträgerin hervor. Nach einer Begrüßung der Versammlung durch die Vertreter der Sta.lt K iln und und der Universitäten Köln und Bonn gab der Schriftführer, Professor Dr. J. Elbogen-Berlin, eine Uebersichl über die Aufgaben und Leistungen der Gesellschaft. Den Festvortrag hielt Herr Dr. Fritz Bamberger-Berlin übe das Thema: ..Die g« stige Gestalt Moses Mendelssohns." Der Redner bemühte sich, zu zeigen, dal! das durch die populäre Tradition verbreitete Bild von Mendelssohns Richtung und Anschauung nicht ganz der Wahrheit entspräche. Daß Mendelssohn durchaus »icht jenei einseitige Aufklärer war. als den sein Zeitgenosse Hamann ihn bekämpfte, sondern daß auch in Mendelss >hn wie in jedem echten Menschen sich Widersprüche zeigen, dal) er namentlich in seinen Schriften zur Aesthetik durchaus die Bedeutung lUs Irrationalen anerkannte, daß er zwar in seinen allgemeinen Anschauungen über Religion sich auf dem Boden des Rationalismus hielt, aber sobald er auf das Judentum zu sprechen kam, doch wieder jener Glauben an das Jenseitige und Geheimnisvolle durchbricht, der die Stärke aller teilten Religion ausmacht. Reicher Beifall lohnte die gedankenreichen und gehaltvollen Ausführungen des Redners. Das Recht an der Heimat Rheinlandtagung des Centraivereins deutscher Staatsbürger pidischen t llaubens L. V. Köln, als Stadt der Pressa von zahlreichen Organisationen zum Tagungsort erkoren, sah am 4.1). ilie R h ein 1 a n d t a g u u g dcs(. e n t ral-Vereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens in seinen Mauern. Aus dem ganzen Rheinland und weit über seine Grenzen hinaus waren viele hunderl Teilnehmer erschienen. Die Arbeitstagung wurde durch eine als Morgenfeier gestaltete überaus eindrucksvolle öffentliche Kundgebung In der Koiner städtischen Oper eingeleitet, die weit über tausend Personen füllten Der Vorsitzende des gastgebendeu linksrheinischen Landesverbandes des Centraivereins, Bernhard Feilchenfeld, Köln, konnte in seinen Begrüßungsworten eine grobe Reihe Vertreter der Staatlichen, st ,.tischen und Justizbehörden, darunter den Kölner Polizeipräsidenten ßaukiiecht und den Landesgerichtspräsidenten Dr. Kuttenkeuler willkommen heißen. Das Präsidium des Centrai-Vereins war durch seinen ersten Vorsitzenden, Justizrat Dr. Brodnitz (Berlni). einen der Stellvertreter des Vocsitzenden Rechtsanwalt Dr. Brunn Weil (Berlin) und den Direktor des Central- Vereins Dr. Ludwig Holländer (Berlin) vertreten. Von starkem Beifall empfangen, richtete sodann Justizrat Dr. Brodnitz voll innerer Ergriffenheit warme Worte de- Dankes an die Festversammlung, Es sei eine Feierstunde, die wir auf rheinischem Loden begehet', mit dein auch die deutschen Juden eine mehr als andcrthalbtauscndjährigc Geschichte verbindet. Wenn es eines Nachweises des Heimatsrechtes der deutschen Juden auf deutschem Boden bedürfte, so genüge der Hinweis auf das Rheinland. Er erinnerte daran, dali vom Rhein her vor Jahrhunderten auf Orund von Verfolgung Juden nach dem Osten gewandert sind. Aber trotz der Verfolgungen in der Heimat ließen sich die Auswanderer zusichern, daß der RückSchaffung ihrer Leichen in die alte Heimat von Seiten ihrer neuen Herren keinerlei Schwierigkeiten beieitel werden sollten. Justizrat Brodnitz schloß mit dun Wunsche, dali diese Kundgebung alle Seelen von neuem mit dem Willen zum Dienst am Vaterlande erfüllen und als Bekkentnia zu allen deutschen Volksgenossen hinausdringen möge. Die Festrede „Der deutsche Jude auf deutscher Erde" hielt Dr. Bruno W eil. Er führte aus, dall die Behandlung des Themas zur Voraussetzung habe, zunächst die Stellung des Deutschen auf deutscher Erde ganz allgemein zu untersuchen. Dr. Weil schillerte in einer Form, die das W erden und Vergehen von Nationen, Grenzen, Kulturen plastisch hervortreten hell, die Entwicklung des deutschen Volkes und des deutschen Landes zu ihrer heutigen Gestalt Während aller Perioden deutscher Geschichte sei die ÄnweScnhcCK der Juden in Deutschland nachweisbar. Das Konstantinische Edikt aus dem Jahre 321 erwähne bereits die Anwesenheil von Juden in Köln in einer Form, die eine schon lange währende Anwesenheit von Juden in der Stadl Voraussetzt. Aehnüch sei es bei Aachen Mainz, Metz, und Speyer der Fall. Das erste Jahrtausend deutscher Geschichte scheine durchaus friedliches Zusammenleben zwischen Juden und Christen gebracht zu haben. Von 1200 ab etwa folgte ein halbes Jahrtausend von Not und Verfolgung der Juden, die erst in den beiden letzten Jahrhunderten langsam nachließen, um theoretisch 1869 ihren Abschluß zu finden. Wenn der Mensch In seinen

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