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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1928-06-15 · 24 (15.6.1928) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
4 (1928)
Issue
24 (15.6.1928)
Date
1928-06-15
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
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Seite 2 GEMEINDE BLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE, LEIPZIG heifern zu Untreue und Dieberei, so daß mit der Anzahl clor Juden auch Verderbnis der Sitten und Verfall der Handlung und rechtmäßigen Oewerbes zunehme, Und zu diesen In s<> krassem Widerspruch zu ihrer früheren Aeußerung Ober Moses Mendel stellenden Beschuldigungen fügtet! sie über diesen selbst hinzu: „Moses Mendel habe das. Zeugnis der hiesigen Kaufleute erschlichen und also schon bey seiner Ansuchung eine Art des Betruges ausgeübet, und von ihm tu erwarten sey, daß er dergleichen noch mehr ausüben werde (!)" Der Rat erbat die Entscheidung der Landesregierung! die unterm 13. November 1804 Moses .Wendel abwies. Auch dem Sohne des verstorbenen Münzjuden Baruch Levi wurde am S II. 1805 an Ratsstelle mitgeteilt, daß seinem Gesuche, „sich in Leipzig zu etablieren und wohnen zu dürfen," nicht stattgegeben werden könne. Die Aufregung darüber, das Haus ihres Vaters verlassen zu müssen, hatte die Frau .Wendeis krank gemacht, so daß auch Moses Mendel Leipzig nicht verlassen konnte. Am 11, Novbr. 1S(>5 deshalb vor den Rat zitiert, erklärte er, daß iu gefährlich krank darniederliege und an einem Blutflufl laboriere. Er habe aber auch wegen der Hinterlassenschaft seiner Schwiegermutter hier bleiben müssen. Im Uebrigen maße er sich weder eines Handels an noch thue er sonst jemand Schaden, vielmehr könne er durch mehrere Rechnungen dokumentieren, r seil der Michaelismesse bey den angesehensten I landelshäusern lur viele 1000 Thaler Waaren eingekauft habe." Gleichzeitig legte er dem Rajie noch folgendes Zeugnis vor: Madame Zipora geb. Levy, verehelichte Moses Mendels dt vorigem Monat Septembervon Herrn Dr. Beßer und mir an Blutungen und einem davon schleichenden Fieber behandelt n ist und noch jetzt wirklich behandelt wird, auch ohne theil ihrer Gesundheil nicht ohne medizinische Beihülfe bleiben, vielweniger vor der Hand eine Reise unternehmen kann, wird i m mir hierdurch pflichtmäßig bescheinigt. Leipzig, 11. Nov. 1805. Doktor Christian Erhard Kapp."1) >) Christian Erhard Kapp (1739—1824), der Sohn des Leipziger Universitätsprofetsors Johann Erhard K . war bis 1S0S der gesuch- ■ Arzt Leipzigs, wurde Leiharzt des sächsischen König!, auch I ■ und Goethes, der ihn in Karlsbad kennen und schätzen lernte. — Tagunsen Die Sdhriftleiter der Gemeindeblitter in Köln i. 1 vi traten Vertreter der an den Qemeindeblättern inter es i rten Kreise anläßlich der Priesa in Köln zu einer Besprechung der die Gemeindeblätter betreffenden Fragen zusammen. Vertrete:' waren die in Aachen, Anhalt (Dessau), Dresden, Frankfurt a. M., H . Hessen, Mainz, Leipzig, Mannheim erscheinenden Gemeindeblätter, sowie die in Braunschweig, Chemnitz, Erfurt, Halle, r, Kassel, Magdeburg und Wiesbaden erscheinenden jüdisch.:! Wochenblätter. Die Vertreter der in Berlin. Breslau, Nürnberg-Fürth und Königsberg erscheinenden Oemeindeblätter waren durch wichtige Gründe am Erscheinen behindert, hatien jedoch grundsätzlich ihr starkes Interesse an der Zusammenkunft zum Ausdruck gebracht. In Köln selbst bekundeten der Vorstand der jüdischen Gemeinde und die Rheinland-Loge durch Herrn Gemeindevorsteher Blumenau, das Rabl inat durch Herrn Qemdnderabbiner Dr. Kober, ihre Ante i den Beratungen. Es hatten ferner der Preußische Landesverband und die Zentralwoblfahrtsstelle der Deutschen Juden zum Ausdruck gebracht, welche grolle Bedeutung sie dieser Veranstaltung beimessen. Die Verhandlungen wurden durch Herrn Oemdnderabbiner G. Cohn ms Leipzig geleitet, der auch einen großen Teil der Vorverhandlungen geführt hatte. Zugrunde gelegt wurden einige Thesen, die im wesentlichen die ungeteilte Zustimmung fanden. In der Aussprache wurde dann eine Heilte von praktischen Anregungen gegeben, die darauf hinauslaufen, ein stärkeres Zusammengellen der einzelnen Oemeindeblätter sowohl hinsichtlich des Inhalts, als auch in der wirtschaftlichen Fundierung durch Beschaffung der Inserate herbeizuführen. Beschlossen wurde ein 4-gUedriger Ausschuß, der sich mit der Frage einer solchen Interessengemeinschaft zur Erreichung eines Artikelaustausches Beschaffung von Bildmaterial, Erörterung von gemeindlichen Rechtsangelegenhelten, Zusammenstellung von Bibliographien wie Überhaupt allem Material, das für die Gemeindeblätter in gleicher Weise geeignet ist, befassen soll. In den Ausschuß wurden gewählt die Herren Rabbiner Q. Cohn-Leipzig, Rabbiner Dr. S. Levi-Mainz, Syndikus Dr. Mayer-Frankfurt Nun folgen eine Reihe von Erkundigungen des Rates über das Be finden der erkrankten Jüdin. In anonymen Briefen an den Bürget meister behauptete Ulan, daß Moses Mendel „außer den Messen" hau dele. Endlich, am 7. Februar des Jahres 1806 beschloß der Senat daß sich Moses Mendel mit seiner Frau „innerhalb 11 Tagen vor, Leipzig hinweg nach Dessau /tt wenden habe." Wenige Tage später teilt dieser aber dem Rate mit, daß er er aufgegeben habe, in Leipzig eine eigene I landlung ZU errichten Er mache den Rat darauf aufmerksam, daß er bereits seit 1703 all jüdischer Schutzbefohlener Aufenthalt in l eipzig habe, auch sey ei bey Herrn Elkan Herz, seil einigen Wochen als I iandiungsdiener angebellt. Er bäte daher um Ausstellung eines Cabinettajpasses." Die Leipziger Kaufmannschaft war unterlegen. Der Rat ließ Elkan Herz auf die Ratsstube kommen, wo dieser die Erklärung abgab, „daß er den Juden Moses Mendel aus Dessau als Diener angenommen und denselben solchergestalt in seinen Schutz genommen habe, auch könne er ihn wegen seiner Fähigkeiten sehr gut brau eben." Dem Rate blieb nun nichts anderes übrig, als seinen Ausweisungsbefehl wieder aufzuheben. Der Senat aber beschloß folgendes: „Bewandten Umständen nach mag Moses Mendel vor der Hand hier geduldet werden, jedoch blos in der angegebenen Qualität (als Angestellter) und unter der Bedingung, daß er seine Familie baldmöglichst nach Dessau zurückschaffe und sich alles Handelns bey Vermeydung sofortiger selbsteigener Ausschaffung enthalte. Im Uebrigen ist Elkan Herz noch gehörig zu bedeuten." Der Rat ließ am 17. März ISO,') den ansässigen jüdischen I landetemann Elkan I lerz. vor sich auf die Ratsstube kommen, wo er ihm mitteilte, „daß er seinen angenommenen Handlungsdiener Moses Mendel in Schranken halten möge, ihm bey Vermeidung eigener Verantwortung keinen I lande! auf irgend eine Art gestatten, und wenn er ihn in seiner Handlung nicht nöthig haben werde, alsbald Anzeige anhero zur Rathsstube davon thun solle." Hiermit schließen die Akten. Sie zeigen uns, unter welchen Schwierigkeiten ein Jude, auch wenn er ehrlich und vermögend war, in Leipzig damals Aufenthaltsberechtigung zu erlangen vermochte. Auf der einen Seite gehässiger Kampf, auf der anderen aber gegenseitige Hilfe. — a. M., und Jacob Sternficht-Dresden. Es wurde als eine besondert wichtige Aufgabe erachtet, in die kleineren Gemeinden, die nicht in der Lage sind, eigene Gemeindeblätter herauszugeben, die Organe der benachbarten größeren Städte ZU senden, da vielfach die Juden, ilie in diesen kleinen Städten von allem jüdischen Leben abgeschlossen sind, infolge lies Mangels an jüdischen Anregungen dem jüdischen Denken und Fühlen leicht verloren gehen. — Zum Schluß der Zusammenkunft wurde dem Wunsche Ausdruck gegeben, daß der ejnmal begonnene Oedankenaustausch häufiger wiederholt werde. Forderungen des Juden'ums für die Gestaltung des Lebens Tagung des allgemeinen Deutschen Kabbinet Verbandes. Die diesjährige Mitgliederversammlung des Allgem. Dtsch. Rabb> Verbandes, die 29.-30. Mai in Berlin stattfand, hatte in den Mittelpunkt ihrer Verhandlungen brennende Gegenwartsfragen gestellt Den inneren Verbandsangelegenheiten waren die Nachmittagsstunden des 20. Mai gewidmet; unter dem Motto „Forderungen des Judentums für die Gestaltung des Lebens" .stand der zweite Verhandlungstag. . Ueber „Wirtschaftsethik" referierte Dr. Lewkowitz-Berlin. Wesentliches Kennzeichen ihr jüdischen Ethikftst die Hinwendung auf das wirkliche Leben, im Gegensatz zum Christentum, in dein ein unheilvoller Widerstreit zwischen Ideal und Wirklichkeit, ein Dualismus zwischen einer eigentlichen (Priester-) Moral und einer im Kompromiß gewonnenen (Laien-) Moral bestehe. Die jüdische Ethik gestattet allen naturgegebenen Trieben, so auch dem Wirtschaftsstreben lebendige Entfaltung und kommt in ihrer Auffassung der modernen vielfach entgegen. Sie schätzt den Wohlstand. Aber sie schätzt ihn nicht als Selbstzweck, sondern nur als Mittel. Höher als alle Wirtschaftsgütcr wertet sie den Menschen selbst, den Menschen, in dem sie immer Persönlichkeit sieht Aus dem gleichen Gedanken heraus deckt sich die jüdische Ethik auch nicht mit dem modernen Sozialismus, wieviel Verständnis sie ihm auch entgegenbringt, sie betont vielmehr den Eigenwert des Individuums. Darum erkennt sie, ohne die Verschiedenheit der Menschen und die darin begründete Ungleichheit der Güter zu übersehen, das gleiche Recht der Menschen auf ein Minimum an Lebensgütern an. Den schädlichen Wirkungen des modernen Kapitalis-

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