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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1928-06-03 · 23 (3.6.1928) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
4 (1928)
Issue
23 (3.6.1928)
Date
1928-06-03
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
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Seite 2 QEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIOIONSGEMEINDE, LEIPZIG de» Geheinten Justiz rat Jacob Weyer, <-!•«-- erfreulicherweise noch wandeln im rosigen Lichi Auch war dem Juden der Eintritt in dai Oardekorps nicht bis zum Ausbruch des Weltkrieges verschlossen; wie denn Walter Rathenau sein Jahr bei den Qarde-Kürassieren abdienen durfte1, aber selbstverständlich hier nicht Offizier werden konnte, er hätte denn vorher die Taufe empfangen. Schade, dali Hans Brandl nicht die Qeschichte dos Herrn von Qoldschmidt- Rothschild wiedergibt, wie sie der Hofmarschall Freiherr von Zedlitz in seinen l rinnerungen berichtet. Selbst der Kaiser, geschweige der Reichskanzlei Bernhard \<>n Bülow war nicht imstande, diesen jungen, I chsl befähigten Mann zum Leutnant 31 machen. Das Hell das Offizierkorps mein zu. Attache konnte der junge Mann werden, Leutnant nie in. Den Briefadel sogar mit dem Freiherrntitel hatte der Vater von Wilhelm U. erhalten, in den Schwertadel konnte ihm Wilhelm II. keinen Zutritt verschaffen, Obwohl doch nicht jeder vom Schwertadel eine richtige Ahnenprobe ausgehalten hätte. Alan sieht, daß vielerlei auch nach dem tollen Jahr ISIS in Deutschland gebUeben war, Wie es im .Wittelalter Brauch schien. Vielleicht um eine Berechtigung wurde der Jude ISIS bestimmt reicher. Nach einer Kabinettsorder vom Jahre ISTj war der Jude nämlich vom Ami eines Schiedsmannes ausgeschlossen, weil das ein richterliches Amt sein sollte, ebenso war er als jüdischer Staatsbürger von der Verwaltung des Scharfrichteramtes ausgeschlossen. Damit hatte es im lahre 1848 ein Ende. Er konnte jetzt Henker werden, nur hat man nicht geh irt, daß jemals ein Jude sich um dieses Amt beworben hatte. Wie es mit den Juden als Rechtsanwälten auch später noch ging, braucht nicht lange erzählt EU werden. Die Behandlung, die von den Juden im weiten Rahmen des Rechtslebens als Mißhandlung empfunden wurde, galt den regierenden Kreisen keineswegs als Lieblosigkeit. Im Gegenteil, man suchte die luden geradezu zu beglücken, indem man Gesellschaften zur )■ örderung des Christen! u m 8 unter den J ud e n gründete, und zwar mit landesherrlicher Bestätigung. In dem Vorwort eines solchen Aufrufes heißt es: „Die Blindheit, womit Israel geschlagen ist, dauert freilich noch fort, allein durch Oottes unendliche Barmherzigkeit können wir zum Teil die Werkzeuge werden, zu ihrer Befreiung aus diesem jammervollen und mitleidswürdigen Zustande, damit sie versöhnet werden mit ihrem Schopfer und teilhaftig der Erlösung durch das Blut Jesu (.hristi. So wollen wir denn eilen, statt einer Religion, die wie sie jetzt gelehrt wird, weder zur wahren l iebe Gottes »och zur wali:eil lugend führt, ihnen diejenige zu verkütldeaj . . Der König tat ein Übriges, bewilligte der Qesellschafl und ihrer Tochtergesellschaft Portofreiheit, verordnete auch, daß die Pfarrer den IsraeUten, die zum Christentum übertrete» wollte», gar keine Schwierigkeiten machen sollten. Erst später wurde ein längerer Unterricht in den Lehren der christlichen Religio» gefordert, was sieh vielleicht aus einem Bericht des damaligen Polizeipräsidenten Dr. Ahegg erklärt, worin es heißt, daß besonders die polnischen und russischen Juden durch den Ucbcrtritt zum Christentum immerwährende Duldung in Preußen zu erwarten hofften. ,,Sie wollen dem Militärdienst in ihrem Vaterlande entgehe» und in Preußen ein Oe- . werbe ausüben." Lohnt es, darüber zu reden, wie Juden zu christlichen Kirchenbauten »von rechts wegen" herangezogen wurden? Wie ein preußischer Kultusminister erklärte, es sei vollkomme» gerechtfertigt, wen» i» Schulbüchern die Juden mit Kai» auf eine Stufe gestellt wurden, wenn die Anstellung jüdischer Gymnasiallehrer grundsätzlich verweigert wurde; höchstens als Kuriosum sei »och wiedergegeben, wie des Königs Majestät befohlen habe, dali dem Juden nicht gestaltet werde, christliche Taufnamen als Vornamen zu führen : „Dahin gehören alle Vornamen, die sieh wie Renatus, Anastasius, Baptiste, Peter auf eigentümliche Dogmen der christliche» Kirche beziehen, sowie die von dem Name» des Erlösers hergeleitet sind oder damit zusammengesetzten Vornamen wie Christoph und! (:hristiau." Noch aus dem Jahre!*)(ll stammt ein Erlall des Ministers des Innern, daß Aenderungen jüdischer Vornamen aus Anlaß des liebertrittes zum (Christentum oder aus sonstigen (iründen dem Minister des Innern mitgeteilt werden müssten. Das sind so einige Brosamen, die von des früheren Königsberger Polizeipräsidenten Hans Brandts Tische fallen. Sie werde» als Kostprobe ausreichen. Und dann kam, wie Brandt in seinem Schlußwort sagt, der gewaltigste aller Kriege, dessen Schlachtfelder viele tausende jüdische Opfer forderte. Durften die deutschen Juden darum hoffen, daß sie in Zukunft nicht anders gewertet würden, als ihre christlichen Mitkämpfer ,u nd Landsleute? „Wie aber wurden den jüdischen Kriegsteilnehmern ihre Wunden und ihr Tod gelohnt? Von denjenigen Leuten, die da glauben, die wahrhaft völkischen zu sein, wird Ehre und vaterländisches Verhallen der Jude» in den Schmutz gezogen. Ueberall wird versucht, die Juden zu uuterdrükken, sie auszuschalten. Dieser Antisemitismus, dieser Kampf gegen die Gleichberechtigung aller Deutschen spielt sieh nicht luir in der Öffentlichkeit, in politischen Versammhingen und in der Presse ab, er wird auch heute noch, trotz republikanischer Staatsform, durch das Verhalten mancher Beamten fortgesetzt''. Und Hans Brandt, der frühere Polizeipräsident von Königsberg, schreibt und schließt ganz, im (leiste der Wiege der deutschen Demokratie: „Der Kampf gegen Roheit und Unwissenheit, gegen den absolutistischen (icist einer früheren Zeit ist auch der schärfste Kampf gegen den Antisemitismus." Jüdische Verbände u. Gemeinden 22. Delegiertentag der Zionistischen Vereinigung für Deutschland Am Sonntag, den 27 Mai wurde in Breslau der XXII. Delegiertentag der Zionistischen Vereinigung für Deutschland in 'Anwesenheit der Mitglieder des Oeschäftsführenden Ausschusses und des Landesvorstandes sowie 1HS Delegierter aus allen deutschen Ländern und zahlreicher Gäste feierlich eröffnet Die Eröffnungssitzung wurde im festlich geschmückten Qewcrkschaftshause abgehalten. Es erschienen zu derselben Vertreter der Regierung, der Stadt Breslau, des Polizeipräsidium-, der Jüdischen (lemeinde und des Rabbinats. Die Eröffnungsrede hielt der Präsident der Z.V.f.D., Herr Kurt Blumenfeld. der den Zionismus als den Sinn des Judentums definierte. Dci Vizepräsident der Z.V.f.D., Dr. Martin Rosenhlüth, verlas Begrüßungsdepeschen fast aller zionistischen Verbände der Welt, howic des Präsidenten der Zionistischen Weltorganisation, Dr. Chaira Weizmann, des Präsidenten der Zionistischen Executive, Nahum Sokoiow und des Vorsitzenden des Keren Hajessod, Dr. Hantke. Der Delegiertentag sehritt hierauf zur Wahl des Präsidiums. Zum Vorsitzende» wurde Kurt Blumenfeld, zu Vizevorsitzenden Dr. Landftberg-Wiesbaden, Dr. Hugo Schachtel-Breslau, Dozent Dr. Rabiaßreslau, Regierungsrat Dr. Marcus-Breslau, Richard Lichtheim-Ber- Iin, Benzion Fett-Berlin gewählt. Kurt Blumenfeld hielt eine Gedenkrede auf die verstorbene« Führer des Zionismus Achad Haam, Wladimir Tiomkin, Prof. Z. Chajes und verlas eine lange Liste verstorbener deutscher Zionistea. ZiunSchluU erwähnte er auch den Heimgang von Dr. Paul Nathaa. der zwar zu den leidenschaftlichen Gegnern des Zionismus gehörte, aber auch au den Erfullera jüdischen Lebens unserer Zeit. Mit dieser Rede nahm die eindrucksvolle Eröffnungssitzung ihr stimmungsvolles Ende. In der Sitzung von Sonntag nachmittag erstattete Kurt Blumenfeld im Namen des Präsidiums der Z. V. f. I). das Referat über die Arbeit in Deutschland für die Zeit vom 1. Oktober 1926 bis 31. März IU'28. Die schwierigen wirtschaftlichen Verbältnisse in Palästina wirk- I ten auch auf die Arbeit in Deutschland. Dein organisierten Antizio- ■üsmus schien die Gelegenheit günstig zu sein, das jüdische Palästina in der Welt zu diskreditieren. Trotzdem ist der Keren Hajessod in d er Berichtsperiode ständig gewachsen. Nach langwieriger Vorbereitung entstand am 15. Dezember 1926 das Deutsche Komitee Pro Palästina, das für die Balfour-Deklaration und für den Keren Hajessod eintritt. Ueberrasebend war der Eindruck, den Dr. Weizmann bei seiner Reise durch Deutschland auf das deutsche Judentum machte. Parteiunterschiede schwanden. Gemeinsame jüdische Hoffnungen erfüllten Zehntausende. Auch Nichtzionisten grüßten freudig in Weizmann den Kiinder einer neuen jüdischen Zukunft. Eine kritische Epoche i n der Berichtsperiode war der XV. Kongreß. Die Z.V.f.I). trat auf dem Kongreß nicht einheitlich auf. Von manchen wurde der Prozeß der Fraktionierung als Fortschritt empfunden. Demgegenüber betonte die Leitung der Z.V.f.I). die Notwendigkeit einer einheitlichen zionistischen Front nach außen, und darüber hinaus vertrat sie auch die Auffassung, daß es gemeinsame Grundlagen zionistischer Arbeit in Deutschland gibt. Die letzte Entscheidung in diesen Fragen ist nicht gefallen. An das Referat Blumenfelds schloß sich eine lebhaft geführte Oeneralaussprache. Den Hauptpunkt der Debatte bildete die Frage, ob man die Z.V.f.D. in der bisherigen Form beibehalten oder zu einem Dachverband selbständiger Fraktionen (Arbeitsgemeinschaft) umgestalten solle. Die Stimmung auf dem Delegiertentag war für die I Beibehaltung der bisherigen Einheitsform der Z.V.f.D., damit ehe

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