Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 4 (1928)
- Issue
- 23 (3.6.1928)
- Date
- 1928-06-03
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/4876568-5968788-5969033--1841-4879481- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
4 Jahrgang, Nr. 23 8. Juni 1928 w^JeMai dzr Jzr&elltischen AmUichzS Nachrichten tytr CeMeihdeverw^ltHrt iiz l iqionZqz mzindz V* &titytg CfffAtir %s \ Du CmoUJsblatt e scneint wöchentlich in Freitag. Da MltallMtra der Religionsgememde wird ea un- •atgeltllch d irch dia Poat zugestellt. Bazugip;ail Idr Nlc.itjaitjlieder monatlich 60 Pfennige. Anzeigen innahme: W. Talen «r, C ockenstraSe 11, Ta'.aphon 14449. Schriftleituna: Ge-neindera jo. Gustav Conn ueipzig, Lohrstr, 10. Telephon 29)(. g Druck und Vir ig W Teicher, Leipzig, Glockenstr. II, Telepnon 14449. An zaiganpraisa, Dia 4 gespaltene mm-Zeile 20 Pfg. Familien- und klaine Anzeigen 13 Pfg. UmscTagseiten und Teitinaerate nach bosond. Tarif. - Für dan Inseratantail: J, Kühne. BauhOfatr. 9 (Telephon 14449). Dia Schriftleitung ubernimmt lüi die unter dem Namen dea Verfassers erscheinet den Beitrage und die Vereinsnachrichten nur die preßgesetzliche Verantwortung. Nachdruck nur mit Quellenangabe tnd Genehmigung des Verfassers gestattet. Oer Staat und Juden /on Doris Wittner. Iis isl Irnge her, dall man Ostpreußen die Wiege der deutschen Demokratie nannte. Einst war hiir Oberpnis dent Theodor von Schön, Leiter Qca .ichulwesens Dinter. In der erst.-n Hälfte des 19. Jahrhunderts sehrieh hier Johann Jaeoby seine glänzende Schrift üher die Emanzipation der Juden. Nach der Thronbesteigung Friedrieh Wilhelms IV., als man glaubte, eine neue Acra beginne und am politischen Himmel zeige sich das Morgenrot der Freiheit, war es die Königsberger H artung'sche Zeitung, die als erste in der deutschen Presse der Zensur zu trotzen wagte und Aufsätze ui\ter der Ueberschrift „Inländische Zustände" veröffentlichte. Es ist ehrenvoll für das Blatt und seinen Verlag, dall gerade hier jetzt ein historisches Werk aus der Feder eines K ö - n i g s b e r g e r P o 1 i z. e i p r ä s i d e n t e n Hans Brandt erscheinen kann, das in wahrhaft freiheitlichem Sinn einen Rückblick auf die Leiden der Juden seit ihrer sogenannten Emanzipation vom Jahre 1812 wirft und dem unbefangenen Leser eine Fülle Tatsachen zur Kenntnis bringt, die zum Teil unbeachtet geblieben sind, aber heute noch, und heute mehr denn je, den Volksgeist zu vergiften drohen. Es war einmal ein Amtsvorgänger Hans Brandts in Königsberg, der hielt Dr. Ahegg und wandte sich gegen die im Jahre 1842 aufgetauchte Forderung, die Juden in eine besondere Korporation hineinzuzwängen. Er betonte ausdrücklich, dall sich die Juden bei weitem leichter germanisiert hätten als die Slaven. Ebenso erklärte er sich gegen den Plan des Ministeriums, die Freizügigkeit einzuschränken und die Niederlassung der Juden auf dem platten Lande ganz zu verhindern. Seines (ieistes einen Hauch hat der republikanische Polizeipräsident Brandt verspürt, dir freilich auch ganz andere Amtsvorgänger gehabt und deren Kundgebungen in den Archiven reichlich studiert hat. Hat es nicht in Königsberg auch einmal einen Polizeipräsidenten Peters gegeben, und seinen Handlanger Lindenberg? Hat hier nicht einmal noch im Jahre 1861, als ein Jude sich an der Albertus-Universität habilitieren wollte und die medizinische Fakultät das I labilitationsgesuch einstimmig befürwortete, der Oberpräsident Eichmann als Kurator der Hochschule die Habilitation für unzulässig erklärt? Es hat einen Klinigsberger Oberbürgermeister Sperling gegeben, der in vormärzlicher Zeit die Zucrkcnming der staatsbürgerlichen Rechte an die Juden im weitesten Sinne befürwortete. Und es hat ein Staatsministerium in der Konflikts/eit gegeben, das einen vornehmen hochgeachteten, wissenschaftlich verdienten Mann wie den Professor Julius Möller willkürlich seines Amtes entsetzte, weil er es wagte, für die Verfassung einzutreten. Wenn Brandt ein dickes Buch hätte schreiben wollen, so hätte es ihm an Stoff nicht gefehlt. Aber er hatte nur die Absicht, das Schicksal der Juden seit dem Sturz Napoleons zu schildern, desselhen Napoleon, der in der Westfälischen Leibgarde seines Bruders Jerome einen jüdischen Obersten duldete. Ebenso war dort ein Ouartiermeister der Jägergarde Jude; das wäre in den meisten deutschen Staaten undenkbar gewesen, mußten doch sogar in Frankfurt am Main die Juden erst um 440000 (iulden das Bürgerrecht erwerben und gab es doch auch nach dem Emanzipationsedikt von 1812 in PreuBen noch neun verschiedene judengesetze. Wie wenig sich die Hoffnungen, die man auf jenes Edikt gesetzt hatte, Menschenalter hindurch erfüllten, kann man bei Hans Brandt urkundlich nachlesen. .Van erfährt da, wie den Juden die Errichtung von Synagogen nur in Städten erlaubt wurde, wie sie einst, wenn ein jüdischer Soldat desertiert war, als Olaubensgemeinde zwei Ersatzmänner stellen mussten; wie im Jahre 1823 das Staatsministerium in einer Kabinettsorder verfügte, dall die Bestimmungen des Edikts, wonach die für „Einlinder zu achtenden Juden ' zu akademischen Lehr- und Schulämtern, zu welchen sie sich geschickt gemacht haben, zugelassen werden sollten „wegen der bei der Ausführung sich zeigenden Mißverhältnisse „wiederaufgehoben seien, wie bei Wahlen nur Männer christlichen Bekenntnisses als Wahlmänner zugelassen wurden, wie jüdische Stadtverordnete Jahrzehnte hindurch zurückgewiesen wurden; wie Juden von vielen Qewerbeu ausgeschlossen waren und zum Handelsbetriebe nur zugelassen wurden, wenn sie 2000 Rcichstalcr Vermögen nachwiesen; wie sie dem unwürdigen Leibzoll unterlagen, der für jedes Stück Vieh erhoben wurde; wie bis tief in das Wilhelminische Zeitalter hinein Juden, auch wenn sie mit sechs und mehr Kindern seit unvordenklicher Zeit in Preußen unbeanstandet gehaust hatten, plötzlich diese ihre Heimat verlassen und in bitteres Elend wandt rn mUSSten, worüber man staatsmännische Betrachtungen auch vom Standpunkt der auswärtigen Politik in den Denkwürdigkeiten des Botschafters VO n Schweinitz und danach des Fürsten Lichnowsky nachlesen kann. Wir Finden bei Hans Brandt auch ein merkwürdiges behördliches Urteil üher die Juden aus dem Jahre 1885. wonach der Jude bei seinen geringen Bedürfnissen lange nicht so viel brauche wie der christliche Gewerbetreibende, der menschenwürdiger zu leben gewohnt sei. Der Schutz der nationalen Arbeit gebiete die Fernhaltung aller solcher Elemente, die den hiesigen Gewerbetreibenden und Arbeitern das Brot nähmen. Auch in politischer Beziehung sei der Zuzug und die Duldung fremder Juden zum Nachteil für den Staat. Der Jude, der kein Vaterland habe, und dem es gleich sei, wei im Staate regiere, wenn er nur seinen Schacher machen könne, schwärme für alle Freiheiten, zerstöre und zerstückele, was er für den Handel und Gewinn für geeignet häit, und sei überhaupt ein geborener Fortschrittsinann. Es ist bedauerlich, datl Hans Brandt zwar den Inhalt dieses schönen Urteils wiedergibt, nicht aber die Behörde nennt, die es verantwortlich gezeichnet hat. Wie es um Hen Qrandstückserwerb der Juden stand, wie um ihre Anwerbung christlichen (iesindes wie um ihren Militärdienst, das kann man in der Flugschrift aus einer grollen Reihe authentischer OesetzeSSteDen und Verfügungen kennen lerntn. wobei übrigens der einzige jüdische Major Burg, der eine Zeitlang auffallend gefütterte Epau leiten tragen niuBte, damit er auch rein äußerlich als Jude zu erkennen sei. nicht übergangen wird. Daß Burg seine Stellung nur der Freundschaft eines preußischen Prinzen, der seine militärische (ienialität schätzte, zu verdanken hatte, bedarf keiner weiteren Ausführung. Um nicht unbillig zu loben, mag hinzugefügt werden, daß es trotz Hans Brandt einige jüdische Reserveoffiziere auch schon vor dem Jahre 1Q14 gegeben hat. Wir nennen beispielsweise den Generalkonsul Eugen Landau,