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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1928-05-25 · 21 (25.5.1928) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
4 (1928)
Issue
21 (25.5.1928)
Date
1928-05-25
Page
[Seite] (sequence 5)
Language
German
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OF.MEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIOIONSQEMEINDE, LEIPZIO Seite 3 Rotentini, Hugo Colin. Die Gemeinde werde sich ihrer Pflicht zur Förderung des neuen Hauses bewußt sein und es aueli ander materiellen Hilfe nicht fehlen lassen. Nach weiterem Chorgesang hielt dann Herr OerneinderabblneT Dr. Carlebach die Weiherede. Schon unsere alten Weisen, so führte er aus, haben volles Verständnis dafür bewiesen, welche hohe Bedeutung für die Gesundung der Kranken die seelischen Momente besitzen. Darin liege die besondere Note dieses neuen Hauses, daO es auf die religiösen Belange der Heilungauchenden bedacht sei. Gerade dann, wenn der Ablaul der Lehensfunktionen durch Krankheit gestört sei, wolle es durch die Möglichkeit der Beachtung ritueller Hebungen und durch die ganze Umgebung die Genesung bei denen fördern, denen das Festhalten an altem Gesetze Herzenssache ist. Auch unter diesem Gesichtspunkte verdiene die Stiftung besonders gewertel ZU werden. Nack einer Würdigung der ungewöhnlichen Leistung, die die Stifter mit dem Werk vollbracht haben, verkündete der Redner, daß der Vorstand dei 1/ Chajim-Synagoge Herrn Chajim Eitingon den Cha« wer-Titel verliehen Habe und überreichte ihm die hebräische Urkunde. Nach warmen Wünschen 'i'.! die Stifnr und die Stiftung selbst ichlofi nochmaliger Chorgesang die bedeutungsvolle Feier. — Daran sehloll sich bis in den Abend hinein eine Reihe von Besicht!" gungen; gruppenweise wurden die Erschienenen von den Herren leitenden Aer/ten durch die Innen; imne geführt. Anregungen Ein Allersheim (terade in diesen Tagen, wo Leipzig mit berechtigtem Stolz auf die Einweihung des neu erbauten Krankenhauses blicken kann, das darum als ein neuer Beweis die warme Anteilnahme einiger geschätzter Persönlichkeitenr Leipzigs für die notleidenden Mitbürger bezeugt, ist es von größter Wichtigkeit, von einer Institution zu sprechen,'die der Leipziger Gemeinde außerordentlich fehlt. Wer in anderen führenden jüdischen Oemeinden Gelegenheit hatte, sieh odie Wohlfahrtseinrichtungen anzusehen, die geschaffen worden sind, danüta Ite und gebrechliche Leute für die Dauer ihres Lebensabends ein erträgliches | u ini haben können, dem wird es ganz besonders in unserer (iemeinde schmerzlich auffallen, daß gerade für eine solche Institution hier nur in geringem Maße gesorgt worden ist. So sollen es gerade diese /.eilen sein, die das Interesse für ein hiesig?, Altersheim erwecken mögen! Gewiß muß mau zugeben, daß das Budget unserer (iemeinde außerordentlich hoch angespannt ist. und daß es ihr schwer füllt, die bereits geschaffenen Institutionen aufrecht zu erhalten; aber sollen sich in Leipzig, in einer Stadt. ',: ob ihrer Wohltäter berühmt ist, nicht doch Interessenten finden, <•;- dieser Sache sicher naher gehen, um sich so ein bleibendes Denkmal zu setzenV 1 ... Es ist schmerzlich, daß mau gerade wieder in der letzten Zeit, die Beobachtung machen konnte, dali alte Leute, die in ihrem ganzen Leben nur streng nach den Gesetzen gelebt haben, nun plötzlich in einem nicht jüdischen Altersheim untergebracht werden mußten, wo ihnen ihre letzten Jahre durch unrituelle Verpflegung zur Qual werden. Es i>l zwar der jüdischen (iemeinde zu Ehren des verstorbenen Herrn Lifschütz im Zentrum der Stadt ein Orundstück gestiftet worden, das dazu dienen sollte, ein Altersheim zu werden, jedoch ist es durch die heutigen unglücklichen Wohnungsverhältnisse leider nicht möglich, dort Platz zu schaffen, damit das Altersheim dort eingerichtet werden kann, l ud nun soli sieh eine durch den Bau einer hiesigen Synagoge bekannte und hochgeschätzte Persönlichkeit mit dein Oedanken vertraut genruht haben, Gelände zu diesem Zwecke anzukaufen. Möge der Wunsch der vielen Allen, die ein eigenes judisches Heim ersehnen, endlich in Erfüllung gehen, denn gerade die Einrichtung eines solchen Heimes gibt ihnen wieder neuen Lebensmut und entreißt si aide Hilflose der Verzweiflung. Möge deshalb der Segen dieser Leidenden der Ausführung dieses so edlen Werkes beistehen, dali der Plan verwirklicht werde, zum Ruhme der Gründer Und zum Stolze der ganzen Stadt I cip/.ig. (i. Ulr. Pflegestätle für jiid. Kleinkinder Unsere Leipziger (iemeinde hat in kurzer Folge zwei Bauten einweihen dürfen, ilie in ihrer Großartigkeit weithin Zeugnis von dem Opfersinn der Leipziger Juden ablegen. Bei der erhebenden Einweihungsfeier des F.itingoukrankeuhauscs klangen fast alle aus der Fcststimmung erwachsenen Reden in dem Oedanken aus, daß diese großzügige Stiftung ein Ansporn zu weitereu Taten der Nächstenliebe sein möge. Sichtbares Vorbild hat fortreißende Kraft. Nur wenigen Auserlesenen ist es vergönnt, einen so großzügigen Beweis opferbereiter Menschenliebe zu bringen. Aber in vielen mag der Wunsch erwachsen sein, nach den Kräften, die ihnen gegeben, von dem sich hoch auftürmenden Berge menschlichen Elends auch einige Steinchen abtragen zu helfen. Und darum scheint vielleicht der Zeitpunkt gekommen, in die gegenwartige Stimmung der Opferhereitsehaft Gedanken Über das hineinzutragen, was "in unserer Wohlfahrtspflege noch fehlt. Es läßt sich schwer entscheiden, was das Nötigste, was das Nützlichste, was das Dringendste wäre. ZI wischen den beiden Polen menschlichen Lebens, Geburt und Tod, liegt eine ganze Skala menschlichen Bedürfens, und al.es, was aus gutem Herzen kommt und dem Allgemeinwohl dient. i>t gut und nützlich. Aber aus der Fülle zurückgedrängter Wunsche sei zunächst der eine herausgegriffen, dessen Erfüllung darum greilbar nahe liegt, weil seine Verwirklichung keiner grollen Opfer bedarf. Ohne viele Worte sei auf das hingewiesen, was alle,die die Leipziger Verhältnisse kennen, längst wissen: wir brauchen (»ringend eine Pflegestätte für jüdische Kleinkinder, l > brauchte kein anspruchsvolles Heim zu sein, nur eine bescheidene Stitte, wo wir jüdische Kleinkinder in guter Obhut wissen. Fast alte unsere Leipziger jüdischen Frauen- Organisationen tragen diesen Plan als Wunschbild, sehnen sich längst, Ihn in die Wirklichkeit umzusetzen und haben immer wieder resigniert von der Verwirklichung absehen müssen, weil sie nüti hren eigenen Aufgaben schwer ringen, weil die Befürchtung nahe lag, daß jede Neugründung auf Kosten der bestehenden hart kämpfenden Institutionen gehen wurde. Aber angesichts der letzten großzügigen Neugründungen erwächst von neuem die ZuverAcht, daß vielleicht doch ein Appell an das Gewissen der Leipziger Ju lest üehör fände wenn es in weiten Kreisen bekan.it wäre, da I es für jüdische Kinder unter sechs Jahren keine andere Unterkunftsmö i hkeit gibt als christliche Pflegestellen. Unsere jüdischen Kinder finden dort oft sehr liebevolle Pflegeeltern, sehr sorgfältige Betreuung, aber gerade in diesen für ihr körperliches Gedeihen so günstigen' l allen gehen sie häufig dem Judentum verloren. Es schlingt sich oft em so inniges Band Zwischen Pflegeeltern und Pflegekind daß es Harte Knd Undankbarkeit bedeutet, diese gewaltsam zu zerreißen. Oft stellen sich, wenn sieh ein Adoptioiiswille der Pflegeeltern zeigt, nüchterne Erwägungen in den Weg, die bedenken assen ob es gut ist, ein Kind einer gesicherten Zukunft zu entziehen Und, wenn selbst nichts anderes geschieht, als daß die ersten Eindrucke, die em Kind Jn seine Phantasienwelt aufnimmt: die Beziehung zum Judentum zumindest gefährdet. Die ersten Eindrücke Ideen einer fremden Olailbensanschauung sind, so ist damit seine einer jungen Kindesseele sind bekanntlich die tiefstverwurzelten Wir Juden kennen keine .Mission. Wir ehren zu stark das Vorrecht der angestammten Religion eines jeden Menschen. Aber wir sollten eher, so stark davor zurückschrecken, unseren eigenen Nachwuchs wissentlich preiszugeben, zumal, wenn wir ihn mit einem kleinen Oeldopfer halten können. Man wird die berechtigte Fra e unwerten warum gibt es christliche Pflegestellen und kaum jemals indische? Auch die christlichen Pflegestellen sind knapp. Die -:ädtisC|ien Pflegesitzc sind niedrig gehalten, so daß kaum, oder nur unter besonders günstigen Lebensbedingungen aus dun Halten von Ziehkindern eine Einnahmequelle geschaffen werden kann Und darum linden sich auch Unter der christlichen Bevölkerung verhältnismäßig wenig Menschen, die sieh den Idealismus leisten können, Ihre Arbeitskraft ohne nennenswerte Gegenleistung einzusetzen Aber immerhin, die soziale Struktur ist eine andere. Die Uchcrnahme der Verantwortung und Verpflichtung lür ein fremdes Kind setzt eine einigermaßen gesicherte, wenn auch noch so bescheidene Lebenslage voraus. Wieviel seltener finden wir solche Lebensverhältnisse in unserem jüdischen Proletariat. Unsere arme Bevölkerung leidet noch starker unter der Wohnungsnot, jedes Fleckchen innerhalb einer Wohnung ist noch knapper, noch kostbarer als bei der übrigen Bevölkerung, die Existenzfrage noch härter, noch ungesicherter. Dazu kommt, daß die jüdischen Frauen vielfach selbst "zum Hausierhandel greifen müssen, ajlso ihrem Hause entzogen sind. Da braucht es nicht w imdcr/iiiiehmeu. w enn die jüdischen Pflegestellen gar so rar sind. Und darum sei der Vorschlag der Ortsgruppe Leipzig des Jüdischen Frauenbundes als Ausweg empfohlen: die Schaffung einer gemeinsamen Pflegestätte für jüdische Kleinkinder, unter Obhut einer erfahrenen Schwester, die gleichzeitig Qewähr für eine sachgemäße Verpflegung der Kinder geben würde. Zum Beweise dafür, daß die gleiche Frage allerorten akut ist, diene ein Hinweis aul die reiche Tätigkeit der Adoptions- und Pflegestellenzentrale des Jüdischen Frauenbundes, Sitz Elberfeld, die' in ihrer

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