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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1928-05-25 · 21 (25.5.1928) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
4 (1928)
Issue
21 (25.5.1928)
Date
1928-05-25
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
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Seite 2 GEMEINDE BLATT DER ISRAELITISCHEN RELIQIONSOEMEINDE, LEIPZIQ Schwachen. Wie sich im Völkerrecht die starken Nationen gegen alles stemmen, was nur min Vorteil der schwächeren ausfallt, so wird es auch in der Individualmoral sein müssen, wenn die Qemütsstlmmung allein die Rechtequelle bilden sollte. Ob es sich bei dem Stärkereu um physische oder geistige Ueberlegenheit handelt; jedenfalls verdankt die Naturwie die Kulturgeschichte al e ihre Fortschritte lediglich dem Kample, in dem der Schwächere unterlag und der Fälligere vorwärts kam. Es kann kein zwingendes Argument dafür geben dall sich der Fähigere des Unfähigen wegen freiwillig Schranken auferlegen soll. Oder vermag vielleicht die Moralphilosophie etwas dagegen einzuwenden, wenn man Herzensgüte und Edelmut als Schwäche und weibische Kraftlosigkeit geringachtet, hingegen in dem einen rebermenschen verehrt, der zur Verwirklichung seiner großen Pläne rücksichtslos über Leichen schreitet? Freilich das Gefühl ■triubl sich zuweilen gegen solche Folgerungen. Aber, is: denn das Gefühl nicht der BotmäBigkeil der Vernunft unterstellt? Wir müssen uns schon mit dem Gedanken abfinden, dali wir die elementarsten Forderungen des moralischen Lebens ebenso wie die philosophischen mit Mollen Vernunftschlüssen nicht beantworten werden. Daher können wir das Andenken Hermann Cohens, des genialsten Ethikers und Metaphysikers der Neuzeit nicht hesser ehren, als indem wir zur 10. Wiederkehr seines Todestages sein Geständnis wiederholen, dali „jede religionslose Morallehre nur ein Torso" ist. Der Gedanke, daß unsere höchste Lebensaufgabe, die den eigentlichen Zweck unseres Daseins bildet, das Streben, dem heiligen Gotte uns zu nähern, „ihn zu lieben und ihm sich anzuschließen'", dieser Gedanke ganz allein ist der Träger unseres moralischen Denkens und Handelns. Wäre daher unsere auf Gott aufgebaute biblische Moral nicht das Erbgut der gesamten Kulturmenschheit geworden, es gäbe heute noch keine wissenschaftliche Begründung des sittlichen Lebens. Nicht nur die einfache 1 lerzensmoral der altorientalischen Codizes könnte der Weltkultur keine Basis geben, sondern ebensowenig auch die philosophisch tief durchdachte Moral der großen griechischen Denker, da sie von den lasterhaften Göttern Griechenlands gewiß nicht getragen werden konnte. Daher sollen wir am Schowuosfeste verständnisvoll den Linleitungsworten des Dekaloges lauschen, dall Israel das Priestervolk der Menschheit sei. Unsere Vorfahren haben die Moral begründet, möge uns die Kraft verliehen sein, die Moral in ihrem Sinne zu betätigen. Die Einweihung des „Israelit. Krankenhauses" (Eitingon-Stiftung) In eindrucksvoller Feier fand am Donnerstag, den 17. Mai die Weihe des neuen Krankenhauses statt. Line zahlreiche Versammlung hatte sich zusammengefunden; mit Genugtuung wurden in ihr nicht nur die führenden Persönlichkeiten unserer Gemeinde, sondern auch Vertreter der städtischen Behörden (Oberbürgermeister Dr. Rothe und Stadtverordnetenvorsteher Dr. Hübler) der Kreishauptmannschaft, des Polizeipräsidiums, der Medi/inalbehörden u. v. a. bemerkt. Die Feier fand, mit Rücksicht auf die große Zahl der Teilnehmer, im Freien-hinter dem Gebäude statt. Sah auch der Himmel bedrohlich auf den mit reichem Grün frühlings- und hoffnungsfreudig geschmückten Platz hernieder, so hielt er doch die Wolken zu- KUrÜck, so daß die Feier auch vom Wetter keine Störung erfuhr. Eingeleitet wurde die Weihestunde durch den Chor der Ez-Chaim- Synagoge mit Solo des Herrn Oberkantor Wilkomirski. Die Reihe der Reden eröffnete der Architekt, Herr Stadtrat a. D. Pflaume, der die Erschienenen, besonders die Ehrengäste, namens der Familie Eitingon begrüßte und eine großlinige Schilderung des nun vollendeten Baues, seiner Anlage und seiner Einrichtungen, gab. Als Beweis für die Großzügigkeit der getroffenen technischen und wirtschaftlichen Vorkehrungen verdient aus diesen Darlegungen nochmals hervorgehoben zu werden, daß etwa zwei Drittel aller Räumlichkeiten auf solche Einrichtungen entfallen. Mit warmen Worten des Dankes für alle an dem Bau Beteiligten wie für die verständnisvolle Förderung, die sie von den Stiftern erfahren durften, übergab der Architekt den vollendeten Bau. In ungemein sympathischen Worten überbrachte alsdann Herr Kreishauptmann Dr. Marens den Dank der Staatsregierung und des Arbeits- und Wohlfartsministeriums für die hochherzgie Stiftung. Humanitäre Werke seien in jüngster Zeit selten geworden. Mehr noch als die Verarmung des Volkes trage hieran ein Schwinden des Humanitätswillens die Schuld. Um so höher sei die Großtat dieser aus Menschenliebe erstandenen Stiftung zu werten, und es sei zu wünschen, daß von ihr auch Anregung zur Förderung von Werken der Nächstenliebe ausstrahle. Für den Rat der Stadt Leipzig und zugleich namens des Stadtverordnetenvorstehers sprach dann Herr Oberbürgermeister Dr. Rothe. Die Stadt Leipzig Jiabe zwar das Krankenhausweseu in umfangreicher Weise auf- und ausgebaut, um dem nach den Kriege sich zeigenden Anwachsen der Ansprüche Genüge zu tun. Gleichwohl sei sich die Stadtverwaltung dessen bewußt, daß noch nicht alllos habe getan werden können. Das neue Krankenhaus helfe die Lücke ausfüllten, und auch aus diesem Grunde gebühre den Stiftern der Dank der Stadt. Dieser müsse um so inniger sein, als die einst so ungewöhnlich große Reihe der innerhalb der Stadt errichteten Stiftungen in den letzten Jahren unterbrochen worden sei. Mit dieser Stiftung sei die alte Tradition menschenfreundlicher Werke wieder aufgenommen worden. Unter spontanem Beifall — es war wohl der erhebenste Moment — verkündete der Oberbürgermeister den Beschluß des Rates, der Straße, an der das neue Krankenhaus gelegen ist, den Namen Eitingon-Stra I! e beizulegen. — Den Empfindungen des Dankes der jüdischen Gesamtheit Leipzigs gab Herr Gemeinderabbiner Dr. Gold mann herzlichen Ausdruck. Neben all den Erschienenen gelte, namens der Familie Eitingon besonderer Gruß denen, die in dieser neuen Einrichtung Genesung und Erholung suchen würden. Wie das Haus dem Gedanken der Liebe seine Entstehung verdanke, so würde auch warmherzige Liebe in ihm bemüht sein, ihnen das kostbare Gut der Gesundheit wiederzugeben: möge dieses echte, menschenfreundliche Streben, für dessen Gedeihen alle äußeren Vorbedingungen geschaffen seien, in vollem Umfange von Erfolg gekrönt sein. Herr Siegmund Gott lieb, der namens des Vorstandes der israelitischen Religionsgemeinde den Dank der Gemeinde für die großzügige Wohltat überbrachte, gab einen Abriß über die Entwicklung der Krankenfürosrge innerhalb der Gemeinde und wies auf die Bedeutung des bisher bestehenden Krankenheims hin; auch dies danke sein Entstehen der Familie Eitingon, um seine Erhaltung haben sich vor allem drei Männer verdient gemacht, die nicht mehr unter den Lebenden weilen: die Herren Geheimrat Adler, Heinrich

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