Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 4 (1928)
- Issue
- 20 (18.5.1928)
- Date
- 1928-05-18
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
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GFME1NDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMLTNDE, LEIPZIG Seite 3 Minjanverein gründen, der sich zunächst auf eine Anzahl wirklich zuverlässiger Männer, die sich der Wichtigkeit und des Tinstes einer solchen Mi/wo bewußt sind, beschränkt, so wäre der Gesamtheit ein außerordentlicher Dienst geleistet, Fs wäre jedermann »ine Beruh!« gung mit der Tatsache gewährt, dalt eine solche Einrichtung vorhanden ist. Nur die Anregung wollte ich hiermit gegeben haben; einige Herren haben bereits zugesagt, sich für die Sache tatkräftig interessiere« ZU wollen. Wer daran teilnehmen und sich das Verdienst erwerbe« Will, mit unter den Ersten, die sich der Sache angenommen haben, gewesen ZU sein, sei hierdurch gebeten, sich schriftlich oder mündlich bei Herrn Jakob Badt, Leipzig, Barfußgasse (Lipsiahaus) zu melden, der die Organisation des Verein, in die Wege leiten wird. Ein synagogal-musikalisches Werk des Oberkantors unserer Gemeindesynagoge So selten im allgemeinen das Erscheinen synagogal-musikalischer Werke in der jüdischen Oeflentlichkeit ist, so bemerkenswert ist doch die dei jetzigen Generation Unserer Gemeinde beinahe völlilg unbekannte 1 atsache, daß schon einmal vor Jahrzehnten ein solches „Werk" aus der Mitte unserer Gemeinde hervorgegangen ist: es ist die von den ehemaligen Kantoren der'Leipziger Gemeinde Liebling und Jacob söhn herausgegebene Sammlung synagogaler Gesänge „Schirl beth Jaakow" vom jähre 188». ■ Es isi nur'eine-historische Reminiszenz, die zu ihrer Erwähnung veranlaßt, beileibe nicht die Absicht, sie zu dein soeben erschienenen „Kaul Sch'mueT" des Herrn Oberkantor LampeI in irgendeine Parallele zu stellen — nichts wäre weniger angebracht als ÜU ses. Jedenfalls nehmen Gemeinden, die solche Werke aus ihrer Mitte entstehen sehen, eine gewisse Ausnahmestellung ein, was meist auch dadurch zum Ausdruck kommt, daß sich für die Herausgabe — in richtiger Erkenntnis ihrer jüdisch-kulturellen und kultucllen Bedeutung solcher Werke weitere Kreise einsetzen. Man darf s ch daher darüber freuen, daß sich auf Anregungen unseres unermüdlichen Qemeinderabbiners, Herrn Dr. Goldmann, eine respektable Anzahl von Subskribenten in unserer Gemeinde gefunden hat, die schließlich die Herausgabe des ,,Kaul Sch'muel" in iglich machte. Das wäre einiges zur äußeren Entstehungsgeschichte des vorliegenden Werkes. Die innere Entstehungsgeschichte desselben haben die Leipziger Tempelbesucher seit fast einundeinhalb Jahrzehnten miterlebt Als der Autor im Jahre 1914 die Leipziger Stelle antrat, brachte er natürlicherweise die gründliche musiktheoretische Bitdung und die starke k« mpositorische Begabung, eie aus seinem) Weike spricht, schon mit. Aber zum ersten Male war ihm das grellere Betätigungsfeld geboten, auf dem ei sieh genügend ausbreiten konnte und aus dessen Bearbeitung er die Initiative zu musikalischen Schöpfungen empfing und zum ersten Male hatte er ein wirksames Instrument — I bor und Orgel - an der Hand, durch welches er die (eigene musikalische Sprache auf sich zurück wirken lassen konnte. Diese Tatsache hatte nicht nur ihre erfreuliche entwicklungsgeschichtliche Folge für den Komponisten — sie gewährte uns auch die Möglichkeit, bei den gottesdienstlichen Aufführungen der letzten 14 Jahre sozusagen Ohrenzeugen dieser Entwicklung zu werden. Es muH freilich betont werden, daß dies dem Wert des etwa gewonnenen Urteils nicht forderlich ist. Um wahrhaft frei und gesund urteilen zu können, mul! man „Distanz haben". Und es wird den Wissenden nicht verwundern, daß die Aufnahme der Lampeischen Oebetsvertonungen in der Leipziger Tctnpelgemcinde anfangs recht kühl, wenn nicht gar ablehne nd war. Schreiber dieser /eilen hatte oft genug Gelegenheit, dem Komponisten solche ..Stimmen aus dem Volke" zu vermitteln; das einzige, was er darauf zu erwidern hatte, war die 'unbeirrbare Festigkeit, mit der er die Richtung seines Schaffens einhielt. Den ,,Stimmen aus dem Volke-' hatte er immer nur teina entgegenzusetzen: Kaul Sch'muel - die Stimme Samuels. Die Eigenart dieser „Stimmen" war es, in der die Haltung der Dürer begründet war. Von der (.horempore und der Orgel her drangen an das Ohr der betenden Gemeinde mit einem Male Melodien und Harmonien, die aufmerken Hellen, die nicht mit „Süßem Schmelz" beinahe einlullend wirkten, Wie man's jahrelang gewohnt war, sondern die mit herben Intervallen, mit kräftigen Akkorden, mit farbigem Wechsel der Tonarten hier die Ergriffenheit eines gottdurcluh ungenen Beters, dort den Schrei eines erschütterten Herzens wiedergaben. Diese Tonsprache des Gottesdienstes fühlte hinaus aus der Sanftheit und Weichheit der Alten, eines Lewandowski, — den wir selbstverständlich nie und nimmer herabsetzen wollen — der mit seinen im reinen Mendelssohnstil gehaltenen, in ihrer Art gewiß großen Schöpfung jahrzehntelang den Gottesdienst beherrschte. Die neue Tonsprache fuhrt dagegen hinein in den Stil unserer Zeit: der Zeit des wiederbelebten Bach, der Zeit Max Regers und anderer. Und das ist's, was so schwer verstanden wurde, wenigstens von der breitereu Masse. I -- bedeutet keinen Tadel, wenn man dieses Unverständnis feststellt: nicht für die Hörer und nicht für den Komponisten. Alles Schöpferische eilt seiher Zeit voraus und die musikalische Entwicklung unserer Zeit un letzten Jahrzehnt hat das Schaffen Lampeis mehr und mehr zur Anerkennung gebracht. Schon heule können wir beobachten, dali sieh verschiedene Pieccn Lainpcl- Kompositionen, die an Sabbaten und I esttagen in unserem Goteshaus erklingen, lest in die Herzen der Bete; gemeinde gepflanzt haben und was noch vor einiger Zeit allzuherb und fremd Mang, das wird heute als Ausdruck erhabener Weihe empfunden. Es ist sicher, dali die volle I rkenutnis des) Wertet dieser neuen S\nagogenmusik der Generation vorbehalten sein wird, die in den Klangen der allgemeinen modernen Musik groll geworden ist und der die Romantik des Mendelssohnstils unerträglich sein wird. Diese Sicherheit gewinnt man in besonderer Weise aus der Lektür« der Kritik, welche das neu erschienene Werk bei den maßgebenden Fachmännern gefunden hat Ijnd deren wesentliche Stellen wil hierher setzen. i Der V er eh rungswürdige, greise Oberkantor der Münchener Gemeinde Professor Emanuel Kirschner, die unbestrittene Autorität der synagogalen Musik, selbst Schöpfer sehr bedeutender Werke dieses Gebiets, schreib; in einer Besprechung)die ebenso sehr c'ei Verfasser des „Kaul Sch'muel'', wie den Weitblick des Kritikers ehrt: „Diese Neuerscheinung ist als eine fortschrittlich gerichtete Weiterentwicklung der Synagogenmusik zu begrüßen und zu bewerten. In 57... NUmmern aus der Sabbath- und Festtags- Iiturgie verrät der Autor sein reifes Können, seine reiche Phantasie vor allem sein sicheres Stilgefühl---- zahlreiche traditionelle Redtative, deren harmonische Untermalung durch die Orgel dem Stilcharakter trefflich angepaßt ist... das frei erfundene Rezitativ und die Kantilene sind ausgezeichnet durch sinngemäße, grammatikallisch korrekte Deklamation, durch Hießende sangbare Melodik, zumeist durchflutet von einem edlen, religiösen Pathos fortschrittliche Tendenz in einer farbenreichen Harmonik, wie durch straffe Rhythmik in den zu grollerein Teile homophon gearbeiteten ( hören... Besonders hervorzuheben i-:. dali unseres Autors entwickelter Formsinn, sein ästhetisches und judisches Empfinden ihn schützen vor Anwendung harmonischer Verstiegenheiten oder gar vor chaotischer Atonnlität. Trotz modulatorischer Kühnheiten, trotz mitunter unvermittelt wechselnder, aber immer schlagkräftiger Harmonien, bleiben nähere oder entferntere Beziehungen zur Grundtonart gewahrt. Wegen -einer mannigfachen Vorzüge und auch wegen der Verw endbarkeit sei da- Werk Kol Sch'muel jenen Gemeinden und Kantoren, denen E E □ □ E3 E r & E ES B EUGEN KELHETTER Inhaber: Karl Koch LEIPZIG Während des Neubaues: „Pctcrshol" nur Grimtnaiscfae Str. 17 B (Neben Salomo-Apotheke) Fernsprecher 251 13 * Erstklassiges Gesell äff feiner Herren-Mode-Artikel Stets das Neueste in Kravatten Spez.: Oberhemden nach Maß