Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 4 (1928)
- Issue
- 20 (18.5.1928)
- Date
- 1928-05-18
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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Saite 2 vielen Millionen Ostjuden ist, die, als sie ihre I leimal verließen, ihre Sprache mitnahmen, und sc kann man denn jetzt dasJüdisch-Deutsche in der Alun Weh vernehmen von Stockholm bis Kapstadt, von London ins Jerusalem. 11 i«l ein wahrhaft internationales Idiom, und dem entspricht auch die Entwicklung der Presse: überall, wo sieh die Ostjuden neu angesiedelt haben, ist auch die jüdisch-deutsche Presse zur Stelle, und es ist ein eigentümliches Gefühl, wenn man z. B. Paris durchstreift und Im Zeitungskiosk auf der Place de la Bastille lein Pariser judicli-deutsches Tageblatt BUS liegen sielit. Hic et ubique (hier und überall) möchte mau mit Hrinz Hamlet Ausrufen, Ihre I lauptpflegestätte neben dem Osten, wo sich besonders stark die jüdisch-deutsche und hebräische Presse entwickelt hat, hat die jüdische Presse in Amerika gefunden. Die Vereinigten Staaten mit ihren ->,3 Millionen Juden sind jetzt eines der großen Judenländer der Welt, und die jüdische Presse in englischer, jüdisch-deutscher und hebräischer Sprache hat sich in staunenswerter Weise entwickelt. Line annähernde Statistik der jüdischen Presse nach den wichtigsten Sprachen ergibt folgende Resultate: Jüdisch-deutsch 1200, englisch 51(), deutsch 513, hebräisch 474, russisch 205, italienisch li'J, französisch 107, spanisch 103, polnisch 34, hollandisch IS, arabisch -SO. Dieser zahlenmäßig so grollen jüdischen Presse hat es auch nicht an grollen journalistischen Talenten gefehlt, namentlich innerhalb der hebräischen Publizistik. Wir denken dabei an den unvergeßlichen Perez Smolenski, der vor einem halben Jahrhundert in der von ihm herausgegebenen epochemachenden Monatsschrift Haschachar (Der Morgenstern) kulturpolitische Abhandlungen veröffentlicht hat, die, in einem anderen Milieu geschrieben, ihm jouernaiistischen Weltruf verschafft hätten. Wir denken an Achad-Haam (Ascher Qinzberg), den im vorigen Jahre Verstorbenen, den jüdischen Publizisten par e\cehcnee, el er sich durch etwa vierzig Aulsalze als Frucht eines langen, arbeitsreichen Lebens die Unsterblichkeit gesichert hat, an Bialik', der in cm nur rin großer Dichter, sondern auch ein Journalist größten Formats, an I rischmann ,der ein Essayist ersten Ranges ist. Die jüdische Presse ist, nicht, wie Außenstehende es vielleicht annehmen mochten, ausschließlich religiöser Natur. Sie ist innerhalb des Makrokosmo > il er Weltpresse ein Mikrokosmos, eiriAulom Koton, eint in sich ovlitändige kleine Weit. Nichts Menschliches ist inr fremd, feie hat alle Richtungen, alle Strömungen, alle Farben, alle Nuancen dci grollen Weltpresse. Sic isi religiös, national, politisch, soziologisch kulturell, literarisch, ästhetisch wie die Forderung des Tages es verlangt. Sie zeigt alle Uebergänge von unerbittlicher Orthodoxie bis zum skeptischen Atheismus, vom bürgerlichen Kapitallismuus ttbei Sozialismus, Kommunismus bis zum ausgesprochenen Bolschewismus vom abgeschlossensten Nationalismus bis zum umfassendsten Weltbürgertum, Alles, was das Judentum unserer Zeit bewegt, hat in du jüdischen Presse Stimme und Sprache gefunden, und es bleibt nich Druckerschwärze auf Holzpapier, es dringt zur Wirklichkeit, zui Tat, zum Leben. * * * An der Ausstellung der jüdischen Sonderschau haben auch wir uns mit einer Reihe von Nummern uns» res „Gemeindeblattes" sowie mit Abbildungen unserer Gemeindesynagoge, des Ehrenmals ihr die Gefallenen, des neuen Friedhofes u. A. beteiligt. Nach depjriedhofsweihe Von Rabbiner Dr. Ephraim Carlebach. Bei der eindrucksvollen Feier, die am vorigen Sonntag ans Anlaß der Friedhofsweihe stattfand, und die in Anwesenheit der staatlichen und städtischen Behörden und Unter Teilnahme alier Kreise unserer Gemeinde vorgenommen wurde, hat der Vorsitzende der Gemeinde auf die Tatsache hingewiesen, daß in diesen Tagen auch die Einweihung des neuen Krankenhauses bevorstünde und dann die Bemerkung daran geknüpft: Es sei nun tur die loten und für die Kranken hinreichend gesorgt, aber für die Lebenden und < lesunden stunden noch grolle Aufgaben bevor, deren Lösung in die I Und zu nehmen, das ernste Bestreben der (icmeindeverwallung sein solle. Man konnte beobachten, dali vielen der Zuhörer diese Bemerkung aus dem Merzen gesprochen war. In der Tat! Es fehlt bei uns noch so mancherlei, und es muH noch so manches geschaffen werden, ehe wir von uns behaupten können, eine Gemeinde mit mustergültigen Institutionen zu sein. Mit diesen Zeilen möchte Ich ganz besonders auf ein Manko hinweisen, dessen Besprechung unter Anknüpfung an die Tatsache der Lrrichtung eines neuen Friedhofes nahe liegt. Wenn der Tote seine Ruhe getunden hat und die Leidtragenden in das Trauerhaus zurückkehren,d Inn hebt für viele eine Zeit groller Sorgen an. L'nscrc'Wciseii haben gerade in den für die Trauerzeit gegebeneu Vorschriften eine tiefe Seelenkenntnis offenbart. Der Schmerz, der naturgemäß im Herzen der Trauernden wühlt, soll nicht ganz einfach übertönt und Verdringt werden, — das wurde zu Herzensverhirtung und zur Pietätslosigkeit fuhren. Wenn man sich nach dem Heimgang eines teuren FamiliengUedes einfach wieder den Aufgaben des Lebens sofort und ohne Uebergang zuwendet, sich wieder geschäftlich betätigt und ganz in den Sorgen des Alltags aufgeht, dann wurde der Tote gar zu schnell Vergessen werden. Andererseits wurde bei empfindsameren Naturen nach Oeschiftsschluß in den Abend- und Nachtstunden der Oedanke an den Verlust uberstark wieder lebendig w erden und in dieser Zeil des "Alleinseins, die Trauer um so heftiger hervorbrechen, je mehr man wahrend des Tages die leid\ollen Gedanken überhaupt ausgeschaltet hat. 1 Darum haben unsere Weisen den Trauernden 7 Tage lang an das Haus gefesselt, ihm jede Arbeit, jede profane Beschäftigung streng untersagt, haben auch geistige Arbeit nur in ganz geringem Malle zugelassen; nicht einmal die Beschäftigung mit der Q'tteslehre ist erlaubt, es sei denn, dall es sich um diejenigen I eile der Bibel handelt, die das Menschenherz demutigen, wie das Buch I Hob, die Klagelieder und einige Kapitel aus dem Propheten Jeremias. Damit aber die gebotene Untätigkeit nun nicht ein stumpfes Hinbrüten und schwermütige Versenkung in die so naheliegenden trübseligen Oedanken herbeiführe, ist def Gesamtheit jeder jüdischen Uemeinde die Verpflichtung auferlegt worden, zum I rauernden zu gehen und den Versuch zu machen, durch freundlichen Zuspruch seine Stimmung zu heben, ihn mit seinem Schicksal auszusöhnen und ihm den Trost «j gewähren, derin ihr Tatsache der' >Teilnahme von I reunden nach dem alten Sprichworte liegt, dall geteilter Schmerz, halber Schmerz sei. In geradezu großartiger Weise offenbart sich in frommen Gemeinden das Mitgefühl jüdischer Brüder und Schwestern .Der Verkehl im Trauerhause pflegt dort ein äußerst lebhafter zu sein, ja es gilt als besondere Mizwo, von auswärts in die Stadt des Trauernden zu reisen und seinen Besuch m der Schiwo abzustatten. Es unterliegt keinem Zweifel, dall sich der Trauernde auf diese Weise sann und allmählich an ilie veränderte Lage gewöhnt, die jeder Todesfall im I lause herbeiführt. Man steht selbst in ganz tragischen Fällen einigermaßen getröstet von der Schiwo auf. Und mau kann behaupten, dall diejenigen unserer modernen Glaubensgenossen im eigenen Interesse nicht Vernünftig hudeln, die sich ,.Bcilcidsbesuchqd ankend verbitten". Die schriftliche Kondolatiou kann den Ausdruck persönlicher, mündlich ausgesprochener i eilnahme ganz gewiß nicht ersetzen i Der Mangel eines eigentlichen (iemeindelebens wird bei solchen Gelegenheiten in unserer Stadt besonders stark fühlbar. Ls wird so mancher mit seinem Schmerz, allein gelassen, und während dei ganzen Trauerzeit kommt zu manchem, der sich gerade keines grollen Bekanntenkreises erfreut, kaum ein Trosts|>cnder, der dem Bedruckten beweist, dal! sich andere in seinem Schmerz mit ihm verbunden füheln. Aber der fehlende Zusammenhalt hat noch unangenehmere Folgen. Im Trauerhause soll morgens und abends gebetet werden, damit dem Trauernden, der das Haus nicht verlassen und in dieser Zeit die Synagoge nicht besuchen darf, die Möglichkeit werde zum Kaddischsagen, einem Gebet, das nur bei einem aus zehn erwachsenen Personen bestehenden Q'ttesdienst verrichtet werden darf. Es ist für viele nicht möglich, sich die Beter zum Minjan gegen Bezahlung zu engagieren, ganz abgesehen)davon, dali dem ganzen Q'ttesdienst die Weihe fehlt, wenn die Teilnehmer auf Besoldung warten. — Diese Verlegenheit ist geradezu eine unerträgliche. Zumal für den, der nkht im Mittelpunkt des jüdischen Viertels wohnt, ist es naheztai timöglich, speziell morgens, zu einer Zeit, wo die Schüler in die Schule und die Geschäftsleute an ihre Arbeit müssen, ein Minjan zusammenzubringen. In anderen Gemeinden kennt man diese Not nicht. Ucberall bestehen sogenannte Minjanvereine, deren Tendenz es ist, jedem I rauernden die Gelegenheit zum (i'ttesdienst zu schalten. Dieselben pflegen gut organisiert zu sein. Von einer Zentrale aus ergeh ti u: jedem einzelnen Falle an eine bestimmte Zahl von Mitgliedern der Auftrag, in diesem oder jenem Trauerhause zu erscheinen. AUle Mitglieder haben sich abwechselnd dieser Verpflichtung zu unieiziehen, im Behindeiungsfalle Frsatz zu stellen. Sollten wir nicht das Gleiche leisten können? Unsere Wohltätigkeitsvereine zahlen viele Hunderte von Mitgliedern. Wenn r einen