Mannheim
Compact Memory

Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1928-05-04 · 18 (4.5.1928) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
4 (1928)
Issue
18 (4.5.1928)
Date
1928-05-04
Page
[Seite] (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/4876568-5968788-5969027--1766-4879411
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

GEMEINDKIM.ATT DK« ISKAKI.Ii ISCHKN «KLIGIONSGK.MKLNDK, LI.II'ZIG Seile 7 in Ihn Erkenntnis und Willen, der Altvordern sieh würdig zu erweisen. Sn wurde es auch «rauch, an bestimmten Tagen <les religiösen Jahres die Grtber aufzusuchen, um un ihnen zur Selbstbesinnung aufgerufen zu werden, inneres Schwanken in Fettigkeit zu wandeln, sich für die Läuterung zu rüsten, die der Tag fordert. Ks hat manche gegeben, die in dieser Piettl Totenkult erkennen wollten. Ganz zu l nrecht, Denn alle», was vom jüdischen Friedhof SQiging, sollte immer nur dem I.elien. nie dem 'loten dienen. Dein Toten erwies man die schuldige Ehrerbietung; aber sie wurde in gemessene Schrankenn geführt. Ks gah eine Zelt, da man wetteiferte, den Verstorbenen mit aller Pracht und allem Pomp zur ewigen «uhe zu geleiten. Einer wollte den anderen überbieten; so mancher richtete sieh zugrunde, um nicht zurückzustehen. Da bestimmte 1$. Oamuliel, der groUe, mit königlichem Ansehen umgebene Lehrer, dal) man ihn selber und künftig jeden anderen Juden nur in linncncn Totenkleidern in die Krde betten solle. Grüßte Kinfachhcit waltet, wenn ein Jude auf seinem letzten irdischen Wege geleitet wird. .Niehl in äußerer PrachtentfaltUng erweist man dem Toleu die Ehre, sondern in der Würde, mit der alles geschmückt wird, was seinetwegen geschieht. Diese Ehrang des Toten durch würdevolle Haltung ist wahrlich weil entfernt Min Totcnkult, dem das Judentum stets fremd geblieben ist; doch hat sie dem jüdischen Friedhof seine eigene Sprache gegeben. Wenigstens dem jüdischen Friedhof früherer Jahrhunderte. Ks ruht ein überwiiltigendcr Zauber über diesen Reihen aller Grabmaler. ■Wischen denen alte Stamme mit ihren Zweigen und ihrem Grün zum Himmel aufragen. Line beschwichtigende «uhe. ein stiller Friede zieht in uns ein, wenn wir VOU solcher Stimmung umgeben sind. Wollten doch die Menschen unserer Tage es fühlen, daß nicht in dem Macht* Vollen, nicht in dem «eichen, nicht in dein Ragenden, im Glänzenden, im Gewollt-Besonderen die erhabene Schönheit des jüdischen Fried« hofet gesucht werden soll. I userc Alten vereinten die einzelnen Steine zu einem Gesamtbilde, und doch gaben sie dem Steine seine beredte Besonderheit. Sie ließen den Stein sprechen durch sein Material, sein Ornament, seine Symbolik und \or allem durch seine Aufschrift. Er* Bnderiseh war der Künstler, oft gerade in seiner Selbstlicscheidung. Ich kenne ein Grabmal aus dem harten Sandslein, den man \or zweihundert Jahren meist wählte, nicht hoher und nicht breiter, als Grabsteine derzeit zu sein pflegten. Das Ornament ist schlicht, die Inschrift frei Min Überschwang. I ml doch Ist das Denkmal überwältigend in seiner künstlerischen Idee. El ist ein Doppelstciu. ein größerer, einem \ Ster gewidmeter Teil in engster Anlehnung an einen kleineren, seinem Sohnchen gewidmeten Teil, so angeschmiegt, als tpr&chc der Stein mit der Stimme des VatCni ich ItSSC dich nicht. Eine eigene Sprache hat der jüdische Friedhof. Heiliger «oden ist er. II uns der Kw igkeit. «ild der «indung zw ischen I eilenden und Toten, Mahnung und Stärkung und Beschwichtigung und Stille und Frieden sind ihre 'Tone. Mochte der Friedhof, den wir jetzt weihen, künftigen Geschlechtern geben, was alle jüdische Friedhofe in uns wecken. Die wahre Liebe * Von Dr. Felix Goldmann Als Jakob starb, sprach er zu Joseph, seinem Sohne, er solle ihm die Liebe und Treue erweisen und ihn nicht in Ägypten begraben. I nseie Alten haben an diese Stelle eine sinnige Deutung geknüpft. Die wahrhaftige l iebe, so sagen sie. sei jene, die man den loten erweise, denn nur sie sei ganz uneigennützig, nur sie verzichtet auf jeden Dank! Diese reinste und erhabenste Liebe ist nun kennzeichnend geworden für jüdisches Leben. In der jüdischen Gemeinschaft entstand die „heilige Brüderschaft". die Chebra kadischa, ilie aus brüderlichem IMlichtbcw ußlsein den I tahingesehiedenen die letzten Dienste verrichtet. In allen W irren jüdischer \ ergangenheit. bei aller I ingestaltung des jüdischen Lebens blich sie in schlichter Selbst Verständlichkeit. Getragen von dem \ ertrauen aller Glieder der Gemeinde, zusammengesetzt uus allen Schichten, aus arm und reich, aus gelehrt und ungelehrt. in neuerer /eil aus orthodox und liberal, bedeutete sie gegenüber der starren, düsteren Kinheit. dir der unerbittliche Tod unter allen Krdenwesen herstellt, eine lebeiiszugewandte Kinheit der frommen Tat. des echten jüdischen Wirkens. I ml darum ist es nur allzu natürlich, daß in vielen Gemeinden die Aufgaben der C.hrbru kadischa sich auch auf da» w ahre Leben des Judentums, auf W ohltat und soziale Pflichten, erstrecken. Ks ist sicherlich die schlimmste \ i rfall-crsi hciniuig des modernen Judentums, wenn der >inn fiir die Bedeutung tler Chebra kadischa gelitten hat. wenn in großen und kleinen Städten bezahlte Kräfte berufsmäßig ausüben, was freiwillig geübte sittliche l'llieht sein sollte. Kiue Gemeinde ohne eine ( hebra kadischa gleicht einem Körper ohne Seele, und so lange wird die oft gerühmte «enaissance des modernen Judentum! nur eine Selbsttäuschung, ein auflodernde-, schnell in sich zusammensinkendes Feuer einer äußerlichen Begeisterung sein, wie nicht gerade das belebt wird, was persönliche Opferfreudigkeit, uneigennützige \rbcit für den Nächsten und die l uterwerfung unter die Macht des großen einigenden Gedankens der «ruderliebe als selbstverständlich ansieht. I nd dieser Gedanke muß uns besonders an dem Tage bewegen, da ein neue r F r ied hol" in Benutaung genommen wird. Kr i»t der dritte ii Ii» bekannte Begrab* nitplatl für Juden in Leipzig, denn von den im Mittelalter unzweifelhaft Vorhanden gewesenen Beerdigungastltten weiß keine Chronik mehr zu melden. Kr ist größer als die beiden anderen, die Bauten auf ihm sind prächtiger und ausgedehnter, als mau »ie bisher hatte, alles auf ihm ist praktischer, bester und großzügiger gestaltet al« bisher. Mancher mag in -einem Plane einen Beweis für die Größe, die innere I estigkeit der Gemeinde erblicken! I nd doch soll man am I .ige. da in.in Juden auf ihm zur letzten «uhe bestatten will, nicht vergelten, «laß wichtiger al- Großzügigkeit der Anlage, als Schönheit und ZwCcktnlBIgkeit der Bauten, der Geist i-t. der die auf ihm wirkenden Menschen erfüllt. Von den beiden alten Friedhofen her erklingen Stimmen in der ernsten Stunde, da ein dritter SU ihnen sich geteilt, Sic wissen von einem vollen Jahrhunderte ru erzählen, in dem da- Judentum Deutsch- Lande sich aus der l iefe halber Knechtschaft zur Höhe der Freiheit erhoben hat. in dem da- 1 eben der .liidciihfit unter dem I inllus-e der Kultur des neunzehnten Jahrjuindcrtmanche Wandlung erfahren hat. Sie wissen von den Keben-schick-alen. der treuen jüdischen Arbeit der Taiiselide zu künden, die auf ihnen von ihrer Lebensmflhe ausruhen, sie legen aber auch Zeugnis ab für daechte judische W irken der lebenden Generationen. Mögen aueb der Zeichen des \ erftUs viele sein, mag auch altes jüdische Gut iu Mengen dem Fortschritt einer Saal

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.