Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 4 (1928)
- Issue
- 18 (4.5.1928)
- Date
- 1928-05-04
- Page
- [Seite] (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite d GKMEINOF.BI.ATT DKH ISRAKI.ITISCHl'N KFT.IGION'SGKMKINDF., LEIPZIG ein Gang für Per»On»l. An der äußeren Schmalseite lies Sargraumei liegt ein Wathrram, von dem aus Waschraum und Sargraum durch Fenster überblickt «erden können. Weiter gelangen die Toten ohne Rückläufigkeil durch einen Kram von Räumen, der lieh um die Ostseile lies /eiltralbaucs legt, in die Sargnische der groflen Halle nder des kleinen Saales. DieMr Kran/, von RÄUOTf n enthalt einen Koch- und \\ achraum, den Treppenaufgang zur Süngerempore und in den Hohlraum zwischen den beiden Kuppelschalen, eine nach dem Fried* hofe EU offene Halle und den Raum für den Rabbiner, liu südlieh an den /entraihau anschließenden Langbau legi sieh neben den kleinen Saal, den Vorhof mit dein Friedhofe verbindend, ein zweijochiger, offener Durchgang mit iwel kunstvollen Wandwaschbrunnen ans poliertem Kirehheiiner Muschelkalk, Von diesem Durchlange aus ist einerseits der kleine Saal, andererseits ein Vufenthaltaraum für Hinterbliebene zugänglich, der auf lil.in und Grau abgestimmt ist. Ks besieht so die Möglichkeit, zwei Beerdigungen hintereinander \orzunehiueu. Nach dem südliehen Verbindungsbau hin ichließen sich die Bedürfnis» räume für Frauen und Männer an und am Kreiizgange die Hürnraumc. Der südliche Kopfbau entbiilt im Erdgeschoß die Giirtncrwohnung mit einem kleinen Hintueit\ erkaufsraume uuil im Obi rgi schoß die \\ ohnung des Friedhofinspektors. Der nördliibe Kopfbau enthält im Obergeschoß noch eine ErsatSWOhnung. Der grüßte Teil des Gebäudes ist unterkellert. Der Grundriß ist sorgfältig durchdacht und zweckmäßig. ( her die gärtnerische Gestaltung ist zunächst nur weniges zu sagen. Der \ orhof erhält, soweit er nicht durch die Vorfahrt zum Hauptcingang und die I-ußgätigfrzugünge eingenommen wird. Rasenflächen. Die Straßenseiten der beiden Kopf bauten sowie die Einfriedigung sollen später berankt werden. Die grolle Achse der Baugruppe wird nach dem Friedhofe zu. wie man jetzt schon bemerken kann, aufgenommen werden und sich in der ganzen Tiefe des Friedhofes fortsetzen, so daß die Monumentalität der Gebäudeanlage folgerichtig durchgeführt wird. Der jüdische Friedhof * Von Gemeinderabbiner Gustav Cohn In der Stätte, in der seine Toten ihre cw ige Ruhe fanden, sah der Jude in uralten Zeiten, sieht er in der Gegenwart heiligen Hoden. Zwang ihn das Schicksal, in die Fremde zu wandern, dann war kein Schinerz so groß wie der. daß er fern VOO den „Gräbern der \ iiter*" leben müsse. Die Geschichte berichtet, daß die Juden, als sie 1492 Spanien \ erlassen mußten, vielfach tagelang auf den Friedhofen weilten: sie unilagerten ..zu Tausenden die geheiligten Grtber ihrer Viter, sie mit Strömen von Tränen bei» tsend. Sogar die Teilnahmsvolleren unter den Christen vermochten nicht ohne tiefste Gemütsbewe« cung dieaeAbschiedssienen mit anzuheben." \\ ie oft hat sich dieser gleiche stechende Schmerz jüdischen Geschlechtern aufgezwungen, bis in die jüngste Gegenwart hinein, wenn sie Städte verlassen mußten, ihre Friedhofe herrenlos denen preisgebend, die ihnen im Gefühle des Hasses den Wander« stab in die Hand preßten. Heiliger Hoden war und ist der Friedhot" dein Joden, er nennt ihn beth olam: Haus der Ewigkeit, Seine Toten bettet er zur ewigen Ruhe. Dovier Ellen Erde, die dein Abgeschiedenen gegeben werden, sollen ihm unveräußerliches Eigentum bleiben; kein menschliches Recht sollte je -eine Rubi' antasten dürfen, kein Erfordernis der I.ehendeii. und erschiene es noch so dringlich, dflrfte je als groß genug erachtet werden, um den Todeaachlal eine- Mens.heu zu -ton n. Haus der Ewigkeit! es i-t dagleiche Attribut, das der Jude ,dwesentlichstes an -einem (.otte erkennt. Zu Ihm i-t die unvergängliche Seele eingegangen, um ewig bei ihrem göttlichen I rsprunge zu verweilen. Der Körper, mit dem -ie irdisch verbanden, soll ewig Ungestört von menschlichem Eingrilfe ruhen, damit ewig über dem Grabe die Seele schwebe. — W ie manche andere jüdische Einrichtung ist auch der jüdische Friedhof ersl im Faule der Jahrhunderte entstanden. Im alten Israel war eine Öffentliche Ruhestätte so wenig bekannt wie Uberhaupt in den alten Völkern. Iiiin die talmudische Zeil hinein befanden sieb die Gräber in Palästina, wie sei..... in biblischer Zeit, in Garten, auf l eidem und Grundstücken des einaelnen. In Babylonien mag es wohl schon im 1. bi-.">. Jahrhunden Gräberfelder gegeben haben. In natürlichen Holden oder in Kammern, die in den Feihiiieingetriehen waren, errichtete man die Familieiigralier. Der \ erstorbene wurde in Erde gebettet, damit der leicht vergängliche Teil schnell wieder „zu dem Staube zurückkehrt, aus dem er geworden*". Alsdann wurden die Gebeine geborgen und in Ossuarien (Heinkästen) in feierlicher Vi eise endgültig beigesetzt. Hei dieser Form der Totenhcwahrling ist es begreiflich, daß Fels- oder F'rdhühlfii bevorzugt wurden, daß allgemeine Friedhöfe unbekannt blichen. Als eine Art (Tiergang zum Friedhof darf die Katakombe ungesehen werden, wie sie in Rom im 2, Jahrhundert bei Christen und Juden in I hung war. Dorthin brachte man die 1.eichen, um sie v or den Nachstellungen seitens der Homer zu siehern. Damit durchbrach man den alten Brauch der T ainilicngrabstätten : BS stand ja nur eine sehr beschränkte Zahl dieser unterirdischen Grabstätten zur \ erfflgung. Das Christentum setzte sich dann durch, und es entstand die Sitte, die Toten in der nächsten 1 mgebung der Kirchen zu bestatten: wohl etwa gleichzeitig dürfte auch die Einrichtung jüdischer Friedhiife allgemein geworden sein. Der älteste bekannte jüdische Friedhof i-t der l'rager; die ältesten Grabsteine entstammen dem III. Jahrhundert. Kein Zweifel, daß jüdische Friedhiife w escntlich früher bestanden hallen: sie sind in Zeiten, in denen Juden hatten wandern müssen, ihrer ursprünglichen Bestimmung entzogen worden. \ i. Ilcicht gerade wegen dieser so häufigen Weehselfälle in der jüdi-cben Geschichte ist der Gedanke an die unbedingte I nverletzliehkeit der jüdischen Grabstätten dem Juden so stark in die Seele gewachsen. Die Toten waren den labenden mehr als die einst Geliebten: sie wurden zum Symbol für die jüdische Kraft, die in der 'Treue gegen die für alle Geschlechter gleiche Idee der Cnttgläiihigkcit wurzelte. Daß der Jude den Toten pietätvolle \ erebruiig erwies, ja sich an ihren Gräbern Scelenstärkung holte, ist schon aus sehr alter Zeit überliefert: R. Muni, so erzähl, ilcr Talmud, befand sich einst in Seelennot. Da eilte er zum Grab des \aleis und rief: Vater, \ ater (babli Taan. 2'ih)! Dieses rührende Vertrauen des Kindes auch zu dem schon heinigfguiigcncn Vater, dieses Hewabren ursprünglichen natürlichen Gefühles auch für den Toten ist dem Juden ganz zu eigen geworden. Nicht nur. daß er in den bedeutsamen Momenten seines I ebens sieh zu den Gräbern der Seinen hingezogen fühlt, um mit ihnen stille Zwiesprache zu halten: auden Ruhestätten der großen Lehrer der Vergangenheit sprach zu ihm der Geist alter Zeiten und weckte \\ iiidfuug ■ llalh'iiciugaiig