Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 4 (1928)
- Issue
- 18 (4.5.1928)
- Date
- 1928-05-04
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 84% known words query
- IRI
…/4876568-5968788-5969027--1762-4879407- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
& ite :i Hauptansicht Bauten und Innenausstattung nach Entworfen und unter Leitung von Architekt IM) \ Wilhelm Haller, Leipzig Der neue Friedhofsbau der israelitischen Reli^ionsgemeinde Von Stadtbaudirektoi Max Reimann In einei Bauzeil von knapp I1 : Jahren ial an der nordlhhcn Waich* hildgn uze unterer Stadl gegen \\ iederitzsch ein Bauwerk entstanden, •las in mehr als einer llinsielil Beachtung unil Anerkennung verdient: das!•'riedhofagebande der Israelitischen Gemeinde, Weithin beherrachl es mit seinem mächtigen kuppclhau das Laudschaftshild. weithin gibt es ihm auc h farbig durch den lichtblauen Ncrputz seiner Mauern, durch das Ziegelrot der Dächer eine hestimiiiende und wohltuende Note. Von welcher Seite wir uns nähern mögen, zieht die Baugruppe durch die. interessanten I hcrschiicidiiiigcu ihrer einzelnen Teile die Aufmerksamkeit auf sich. Der BaukunstIcr. dem wir diese Bereicherung des Landschaft shildcs \ erdanken, ist der mit einem feinen Sinn für G tili all II Hg begabte hiesige Architekt Wilhelm llaller. \ ersuchen wir einmal, den Gedanken und Absichten Dachaugehen, die den Architekten geleitel hahen. um den Forderungen des Batiprogrammi die künstlerische Form zu geben! Die Anlage legt sich in breitet offener Muiei-cnbiriii östlich an die Delitzseher Landstraße, wird durch ein betonl schlichtes schmiedeeisernes Gitter voll ihr geschieden, und erst die heiden seitlichen Tore gehen mit den wuchtigen Laternen ihrer Pfeiler Auftakt und Leitmotiv zugleich für den Aufbau des Ganzen. ..Architektur ist gefrorene Musik.*' Dieser geistvolle V ergleich liilJt sich so recht aus Malier- Werk verstehen. Die kaiitileue des Gitters, dann das vorbereitende Sforzandn der Pfeiler. Die flankierenden zweigeschossigen Kopfhäuten an der Straße: ilie ersten kräftigen Rhythmen in gleichmäßig fortschreitendem Zeit maß. AHagretto. Dann die beiden flach gelagerten Verbindiingsbauten. die den rechten Winkel mitmachen, mit der ruhigen Dachfläche und dem lebendigen, aber regelmäßigen \"t eehsel der spit/bogigen. etwas ernsten Öffnungen: ein Stakkato im beschleunigten Zeitmaß. Jetzt der Mittelhau. Crescendo. Noch je eine Spitzbogenölfming gleicher Art, aber schon in den aufstrebenden kuppelw iderlagern, Wachsendes in den eckbetonenden Strebepfeilern, die energischen Akzente darüber . . . Alle [natrumentc haben jetzt eingesetzt, hin leichtes Decrescendo des Eingangsvorbaues, aber schon reißen dessen temperamentvoll aufscbieß-'iule drei l.auzettbögen hinauf, um das Ganze mit brausendem l'ortissimo in der Kuppel zum krönenden Finale aiisklingeu zu lassen. Soweit wir dem Forniwilleii des Architekten bis jetzt gefolgt sind, bewegt er sich im allgemeinen Künstlerischen, llaller hat das aber nicht genügt. In dem hrnste und der Selbständigkeit. die jeder schöpferisrhen Persönlichkeit eigen ist. mußte er mehr tun. Lassen wir die jüdischen k uit hauten, die wir kennen, an unserem geistigen Auge vorüberziehen, so werden wir kaum einen finden, der sich von der herkömmlichen orientalischen F'ormensprarhe freimacht, obwohl die Ueligionsgesetze dem Baiikünstlcr in beziig auf die Stilform keine Kesseln auferlegen. Ks muß llaller hoch angerechnet werden, daß er sich vom Schema befreite, daß er ein Monument des Fortschritt« schuf, in üuiigcsinuuiig und Durchbildung ganz aus dem Kormemp- (inden unserer Zeit geboren. Und noch eins wollte er. nämlich zeigen, daß auch ein jüdischer kultbau bodenständig sein und sich einfühlen kann. Die beiden Gestaltungsgriindsätze. die in der ganzen abendländischen Baukunst bald rein, bald gemischt auftreten, also in ständigem kämpfe liegen, lesen wir auch an unserem Baue ab. das wage rechte Prinzip der griechischen Antike und das senkrechte der Gotik. "Äagcrecht. lagernd erscheint die Anlage in ihrer breiten Ausdehnung, in der Bindung durch Traiifliuic und Scdilbankgcsims. I nd doch ist das Vufstrebende. das schlechtweg Gotische bei Maliers Bau vorherrschend, wie ich bereits mit meinen musikalischen Parallelen zu Verdeutlichen gesucht habe. Die Gesamtbaiigruppe wirkt nicht nur durch den Aufbau der Massen, sondern auch durch die streng achsige Anlage monumental. Der umschlossene Vorhof gibt dem Ganzen zudem eine getragene \ oniehinheit. Der Lrnst der Bestimmung wird durch den farbigen Ausdruck versöhnlich gemildert. Der irdische Tod, verklärt durch