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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1928-04-27 · 17 (27.4.1928) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
4 (1928)
Issue
17 (27.4.1928)
Date
1928-04-27
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
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Seite 2 man die Forderung, die Erkenntnislehre der Philosophie vorzubehalten, nicht mehr gelten lassen. Cohen wurde nun Ueberwinder dieses Naturalismus. Nie würde dieser imstande sein, die eigenste Aufgabe der Philosophie zu lösen, die nach der Vahr heil dei menschlichen Erkenntnisse fragt, n Ich! n u r n i c h ihr e m Zu st a n d e k o m m e n, sondern nach Ihrem Inneren, logischen Zusammen« Hange. So wurde < oben zum Schöpfer des kritischen Idealismus. „Wie Plato und Kant den Nachweis erbracht haben, dafl nicht die sinnlich wahrnehmbare Weh die vom Menschen unabhängige letzte Wirklichkeit bildet, sondern das Denken erst die Wirklichkeit schafft', so lehrt auch Cohen, diafl erst durch die Idee die „Sachheit" begründet wird; seinem tiefsten Wesen nach ist das Denken „Hypothesil", d. h. Orundlegung, Erzeugung. „Es gibt keine unabhängig vom erkennenden Bewußtsein existierende Welt von absolut („an sich") existierenden Gegenständem! . . . (Das Denken erzeugt in und mit der Erkenntnis den Gegenstand. Denken (Im Sinne von Denkinh.ilOu nd Sein (im Sinne von] Denkgegenstand) sind identisch Dieser kritische Idealismus will nun keineswegs die reale Welt, die Wirklichkeit, leugnen, will vielmehr zu BewuBtsein bringen, daß sie durch das Denken verbürgt wird. Insofern ist er der wahre Realismus, der über sich selbst zur Klarheit kommt. — Es bedarf nach diesen wenigen Sitzen keiner besonderen Hervorhebung, daß die Schwierigkelten der Darstellungsform ihre Ursache im Wesen der Arbeit haben. Systematische Untersuchungen rein begrifflicher Art können nicht m> gefaßt werden, daß mau ihnen ohne ernste Vertiefung beizukommen vermag. Aber Cohens Werk umfallt auch einen Teil, der es verdient hatte, daß er in weiteren Kreisen bekannt geworden wäre: den Idealismus imthischer Beziehung. In den philosophischen Systemen haben wir den logischen Idealismus (der die Idee, das Denken über den Stoff stellt) wohl zu trennen von dem Idealismus, der von dein Glauben an die sittliche Forderun:; getragen ist. Nicht immer gehen beide bei den Philosophen zusammen. Wohl bei Cohen. Indem er die Idee als das Erzeugende erklärt, kommt er zu *lein bedeutsamen' f i&e: I deel st nicht Gabe, sondern Auf gab e. Das wissenschaftliche Denken schafft in unendlicher Entwicklung aus einem Chaos einen geordneten Wirklichkeitszusammenhang, eine Welt mit ihren Gesetzen. So liegt in der Idee auch Ute Gewißheit der Sittlichkeit, des Sein-Sollendeu. Weiß auch (Oben wohl zu scheiden zw ischen Wirklichkeit und Verwirklichung, betont er auch immer wieder, daß es In der Sittlichkeit nie ZU einer letzten Erfüllung kommen wird, so ist er doch voll Glaubens an den Fortschritt,ian'die Verwirklichung. Und hier spricht er, erfüllt von tiefster Verehrung für ,die Propheten, mit prophetischer Begeisterung von den sittlichen Entwicklungen. Solche Gedanken ha! der Denker außer in den Hauptw erken in einer stattlichen Zahl von kleineren Abhandlungen niedergelegt, die sich mehr a.i einen breiteren Leserkreis wenden. Sie waren bisher schwer zugänglich, weil sie an den entlegensten Orten verstreut, z. T. Oberhaupt vergriffen waren. Die Akademie für die Wissenschaft des Judentums hat sich ein großes Verdienst erworben, indem sie diese „Schriften zur Philosophie und Zeitgeschichte" (herausgegeben von Albert Görland und Ernst Cassirer, 2 Bände, Berlin 102$ Akademie-Verlag) jetzt veröffentlicht. In Verbindung mit den schon vor einigen Jahren hei ausgegebenen „Jüdische u Schriften" (i Hände, mit einer Einleitung von Franz. Rosenzweig herausgegeben von Bruno Strauß) eröffnen sieeinen Weg zur Bekanntschaft mit den leitenden Gedanken ( ohens, der, wenn auch gew iß nicht mühelos, so doch von vielen zurückgelegt werden kann. 1 He denkerische Persönlichkeit ( ohens steht hier in ihrer ganzen Vielseitigkeit und in ihrer einheitlichen Geschlossenheit vor uns. Sie gewinnt durch Betrachtungen, die scheinbar weitab liegen von seiner systematischen Leistung, wie etwa „Mozarts Operntextel", ,,Das allgemeine, gleiche und direkte Wahlrecht", „Vom ewigen Frieden", ,,Die dichterische Phantasie und der Mechanismus des Bewußtseins", den Leser auch für die rein methodischen Oedankengänge und zumal für diesen tiefen sittlichen Idealismus, von dem alle seine Arbeit getragen ist. Ernst Cassirers Gedenkrede am (irabe I lermann| Cohens am 7. April 1918 ist eine ausgezeichnete Einleitung zu der Sammlung, weil sie den Denker menschlich so nahe bringt, daß man sein Wesen ^ins seinen Abhandlungen lebendig hindurchfühlt. Unsere Zeit steht zwar allem Idealistischen recht fern. Aber es kann ja i nicht für immer po bleiben. Vielleicht wird man ( ohens Werk durch diese Veröffentlij chung besser verstehen lind damit neuem Idealismus die Herzen und die Sinne öffnen. Ci. C, Wieviele Ausländer gi*>t es in Deutschland? In- Zeiten wirtschaftlicher Krisenperioden wird die Beschäftigung der Ausländer in Landwirt-ehalt und Industrie immer wieder erneut diskutiert. Die Zahlen der beschäftigten Auslinder, die sehr oft genannt werden, scheinen allerdings für den deutschen Arbeitsmarkt eine ernste Frage zu bedeuten. Wir waren bisher auf Schätzungszahlen«a ngewiesen, söd|aß ein endgültiges Urteil nicht möglich war. Das preußische statistische Landesamt veröffentlicht nunmehr auf Ciritnd der Tätigkeitsberichte der deutschen Arheiterzentrale Nachweisungen über die Beschäftigung ausländischer Arbeiter in Landwirtschaft und Industrie. Diese offiziellen Zahlen ergeben allerdings ~ völilg anderes Bild. Sie erweisen, daß die Zahl der Ausländer in Vergleich zur gesamten arbeitenden Bevölkerung Deutschlands keine irgendwie entscheidende Polle spielen. Es wird ganz im Gegenteil aus ihnen ersichtlich, daß das Beschäftigungsproblem der Ausländer im Gegensatz zur Vorkriegszeit für die Belastung des deutschen Arbeit-marktes keinerlei Rolle spielt. Die Zahl der arbeitenden Ausländer in Deutschland ist im Vergleich zum Jahre 1913 auf ein Fünftel gesunken. Ls wird daraus mit atller Deutlichkeit ersichtlich, daß dl* Schlagwort von der Weberschw emmung Deutschlands durch Auslander eine arge Liebertreibung ist. Die I Icrabmindcruunitg der Zahl sollte da/u fuhren, die Ausländergesetzgcbung auf dem tiebiete des Arbeitsrechtes einer Revision zu unterziehen. Die gegenwärtigen Beschränkungen entstammen einer Zeit der schwierigen wirtschaftlichen Depression Deutschlands, insbesondere des Ruhr kämpfet. Es darf bei Betrachtung der Sachlage nie verkannt werden, daß eine weit größere Zahl Deutscher gezwungen ist, im Auslande Dienst zu nehmen, und daß schon aus diesem (lesichtspunkte allein es wünschenswert ist, einer liberalen rechtlichen Regelung Raum zu geben. Denn man wird nur dann im Auslände für den deutschen Arbeitnehmer eintreten können, wenn man darauf hinweisen kann, daß>die im "Inland beschäftigten Ausländer wesentliche Schwierigkeiten, sofern sich nur Irgendeine Einordnungsgewähr in das deutsche Wirtschaftsleben ergibt, nicht haben. Wir lassen nunmehr die offiziellen Zahlen selbst sprechen: k Landwirtschaft Industrie u. sonstig. Insgesamt 1905 206 983 228700 435 683 1906 236 06S 369 271 605 338 1907 258 354 474 653 733 007 1908 308 953 471 469 780 422 190!» 313 569 450 115 763 684 1910 338 313 451 876 7*.»0 189 1911 345 989 474 842 820 831 1912 355 343 510002 865 345 1913 361 633 551 371 916 004 1914 383 258 517 522 9D0 780 1922 112710 110 624 223 334 1923 90293 85 821 176114 1924 83 700 56 991 140 691 1925 107 087 99971 207 058 Die in der Industrie tätigen ausländischen Arbeiter verteilten sich auf die einzelnen Erwerbszweige, wie folgt: Bergbau Industrie und Gewerbe, einschl. Gastu. Schankwirts<~h. Lohnarbeit wechs. Art hau .1. Dienste, sonst. Berufe Insgesamt 1922 88 '216 52 218 20 190 110 624 1923 23 145 29 848 11 124 85 821 1924 17 760 19 827 19 404 56 991 1925 27 335 37 580 35 056 99 971 Von den einzelnen preußischen Provinzen hat die Rheinprovinz in den 4 Jafiren 1922 bis 1925» die größte Zahl von Ausländern beschäftigt (Land- und Industriearbeiter); an zweiter Stelle folgte in den Jahren 1922 Und 1923 Schlesien und* in den Jahren 1924 iind 1V25 Sachsen. Was die Herkunft der ausländischen Arbeiter anlangt, so stammte der größte Prozentsatz aus Polen und der Tschechoslowakei, nämlich

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