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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1928-04-01 · 14 (1.4.1928) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
4 (1928)
Issue
14 (1.4.1928)
Date
1928-04-01
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
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Seite 2 GEMEINDEBLATT ULK ISRAELITISCHEN RELIQIONSOEMEINDE, I FIP7.IG dort in seinen Räumen haben sie die ganze Nacht hindurch ihre religiösen Gespräche geführt, dort haben sie sich unterhalten nicht nur Ober die wunderbaren Schicksale Israels in Aegypten und beim Auszug aus Aegypten, sondern im Anschluß daran sicher über alle wichtigen Fragen des Judentums, über die weltgeschichtliche Bedeutung der Offenbarung am Sinai, über den Tempel und seine Zerstörung, ubci die Zertrümmerung des jüdischen Staates und die Zerstreuung der Juden über die ganze Welt, über die Zukunft des jüdischen Stammes und seine Sendung für die Menschheit. Und der Gastgeber Rabbi Akiba, der hervorragendste unter den fünf Charakterköpfen, er hat mit -einem Überragenden Qeisl wohl den (lang der Aussprache geleitel und beherrscht. Drei besonders große Qedanken sind in i t dem N a m e u Rabbi Akibas unauflöslich verknüpft, und die Annahme i=t wohl berechtigt! dal! eben jene drei Gedanken in der Seder- ■acht ZUU B'ne B'rafc ZU eingehender Erörterung gelangt sind. Sie behandeln das Verhältnis der Juden zu Gott, das Verhältiis der Juden ZU den Mitmenschen und da s Verhält- ■ is der Juden zu anderen Völkern. „Mein ganzes Leben lang, -.igte Akiba einige Minuten vor seinem Märtyrertod zu seinen Schülern, „hat es mich bedruckt, dafi es mir nicht vergönnt sein soll, das Gebot zu erfüllen: Hu sollst den Lwigen, deinen Gott, lieben mit deiner ganzen Seele, d. h. unter Preisgabe deines Lebens. Jetzt ist es mii vergönnt, für den Namen Gottes mein Leben hinzugeben, und ich sollte mich nicht freuen?'' Fürwahr, ein heldenmütiges Wort; »lad Akiba verlangt von jedem Juden, er solle ein Meld sein, er solle i ins stände sein, für seinen Gott, f u r I c i u Bekenntnis, für die große Sache des Judentums zu leben, und wenn es sein muß, freudig zu sterben Lieber das Verhältnis des Juden zum Mitmenschen hat Rabbi Akiba da- -ehr kurze, aber höchst bedeutungsvolle Wort geprägt: „Die biblische Forderung: ,,Liebe deinen Nächsten wie dich selbst, ist ein großer Grundsatz in der Thora." Mit diesen wenigen Wor ten hat Akiba das Gebot der Nächstenliebe als die Grundlage der jüdischen Sittenlehre erk annt und aufgestellt. Was aber endlich das Verhältnis des jüdishen Volkes zu andern Völkern betrifft, so kennen wir die Anschauung Rabbi Akibas aus seinem Verhalten beim Aufstand des Bar Kochba gegen die Römer. Wenn Rabbi Akiba in Bar Kochba den von den Propheten verkündeten Messias erblickte, wenn er glaubte, Bar Kochba sei der von Gott gesandte Befreier der Juden aus der Hand der Römer, so hat er in diosem Punkte zwar geirrt; auch große Geister sind ja Irrtümern un> terworefn. Er hat geirrt, wenn er glaubte, Juda könne das Römerreich mit der Gewalt der Waffen bezwingen. In der Hauptsache aber hat er nicht geirrt, darin nämlich, daß die Größe oder Kleinheit eines Volkes nicht maßgebend ist für seine weltgeschichtliche Bedeutung. Darin hat Rabbi Akiba nach unserer festen Ueberzeugung Recht, daß Juda, das kleine, winzige, politisch schwache Juda an sittlicher und kultureller Bedeutung höher steht als das große, umfangreiche, politisch mächtige Reich d er alten Römer. In Rom die wahnwitzige Cäsarenvergötterung; in Juda die heilige demutvolle Liebe zu dem ewigen Gott, dem Lenker des Weltgeschehens. In Rom die verbrecherische Gewaltherrschaft der Starken über die Schwachen, die unmenschliche Sklavenbedrükkung: in Juda die Lehre von der Gleichberechtigung aller Menschen, das Gebot der umfassenden Menschenliebe. I Wir haben die fünf jüdischen Weisen, von denen die Peßach- Haggadah uns berichtet, bei ihren religiösen Gesprächen am Sedertische belauscht. Jene Sedcrfeier im Hause des Rabbi Akiba zu B'ne B'rak sei für alle jüdischen Häuser ein Ansporn, die herrliche Sitte der Sedcrabende hochzuhalten, diese einzigartige gottesdienstlich« Feier im Kreise der jüdischen Familie. Das Peßachfest mit seinen Sederabenden möge unser jüdisches Denken veredeln, unsere Liebe zu Gott verinnerlichen, unsere Liebe zu den Menschen vertiefen und unsere Herzen mit Freude darüber erfüllen, daß wir uns Bekenner des Judentums nennen dürfen. Die Ausgrabungen in Aegypten über Israels Knechtschafft und Befreiung Nach: Dr. S. Jampel: Die Haggadah aus Aegypten. Frankfurt a M. 1911 L'eber die Geschichtlichkeit der biblischen Erzählungen zur Knechtschaft der Israeliten in Aegypten und ihre Befreiung äußert sich ein berühmter Aegyptoiogc dahin, „daß selbst, wenn die ägyptischen Denkmäler die Knechtung Israels nicht bestätigen würden, es dennoch lächerlich wäre, einem so stolzen und selbstbewußten Volke, wie Israel es war, zuzutrauen, daß es sich willkürlich einen so häßlichen Schandfleck angeheftet hätte." Es würde den Beobachtungen widersprechen, die bei anderen alten Völkern, immer wieder gemacht werden, wenn Israel wahrheitswidrig von seinem früheren Sklavenlebcn und seiner unter großen Schwierigkeiten herbeigeführten Befreiung gesprochen hätte: andere Völker haben hartnäckig behauptet, die l'rbewohner ihres Landes zu sein, auch wenn es den Tatsachen widersprach. Gleichwohl wurde die Geschichtlichkeit jener Vorgänge vielfach angezweifelt. Aus den Trümmern, die so lange in der Erde verborgen waren, sind jedoch mannigfache Beweise dafür ans Tageslicht getreten, daß die Bibel durchaus zutreffende Berichte gibt. Einige dieser .Urkunden' seien hier zusammengestellt. Ramses-Meriamon, der Sohn und Nachfolger Setis I. hat eine ausgedehnte Bautätigkeit entfaltet, u. a. ließ er die beiden Städte Pithom und Raamses aufführen, baute und renovierte eine ungewöhnlich große Zahl von Tempeln und Palästen; zu diesem Zwecke mußten viele Millionen tonnenschwerer Steine meist aus den Steinbrüchen an der nubischen Grenze durch ganz Aegypten von Menschenhänden geschleift werden. Die Tempelinschri ften selbst berichten, daß diese Bauten von den ebräischen Fronarbeiten errichtet worden sind. Ein berühmter Forscher sagt im Hinblick auf die übrwältigenden Ruinen mit ihren Säulenreihen: „jeder Stein ein Menschenleben"; ein trefflicher Kommentar zu den Worten der Bibel: „Man setzte Fronvögel über sie, weif che sie quälten durch die Lastarbeiten, man baute feste Städte für Pharao, Pithom und Raamses..." (II. Mose 1,1). Die Bibel erzählt, daß den israelitischen Sklaven nach aem ersten Auftreten Moses vor Pharao kein Stroh mehr zur Herstellung von Ziegeln gegeben wurde: sie mußten selber in die Felder gehen, um sich Stoppeln zu sammeln (II. Mose 5, löff) Bei den Ausgrabungen der Vorratshäuser, die unsere Ahnen bauten, sind Ziegel gefunden worden, die alle die Prägung des Namens „Raamses- Meriamon" tragen. Die chemischen Untersuchungen der im Berliner Museum aufbewahrten Exemplare beweisen, daß sie tatsächlich mit Stoppeln verarbeitet sind. Ein großes ägyptisches Wandgemälde zeigt ebräische Fronarbeiter, die mit Lehmkneten und Ziegel st reichen beschäftigt sind („und sie verbitterten ihr Leben durch harte Arbeit mit Lehm und Ziegeln" IL Mose 1,14). Deutlich unterscheiden sich die weißgelben semitischen Sklaven von den kriegsgefangenen Af» thiopiern, denen das gleiche Los beschieden war, und den bellbraunen ägyptischen Aufsehern. Papyrusinschriften und andere Dokuemnte, die Berichte der Ari beitsaufseher enthalten, bestätigen die Angabe, daß mit grofler Strenge die Erfüllung einer genau festgesetzten Leistung erzwungen wurde, und bezeichnen Steinbrecher und Ziegelstreicher ausdrücklich als Ebräer. — — Daß Mose am königlichen Hofe aufgewachsen ist, zeigt durchausnichts Auffälliges. In den Inschriften erscheint das Erziehen fremder Kinder am Hofe der Pharaonen als etwas ganz Alltägliches. Die Inschriften vom Hofe Seti's I. (an dem auch Mose seine Jugend verlebt haben muß) melden besonders, daß sich darunter auch zaklrdche semitische Kinder befunden haben. Die Ueberlieferung wmgt, daß Mose, ah er vor Pharao trat, 80 Jahre alt war; damit w%d) die Immer erneut erörterte Schwierigkeit gelöst, warum Mose ans

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