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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1928-04-01 · 14 (1.4.1928) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
4 (1928)
Issue
14 (1.4.1928)
Date
1928-04-01
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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4. Jahrgang, Nr. 14 4. April 1928 mttoMlafir dzr Jzr&elitischen. Am-Hiches Hdichnchiehilöt ^itr 6eHieitideverw*ltHH tiz l iqhntqz winde V* &tjtytg {HMU tu Geanaiadeblatt erscheint wöchentlich am Freitag Da« Mltgliederi dar Religionsgemeinde wird a* unemrtfeltlleh durch die Post zugeetellt. Bezugspreis Kr Nlchtaitglieder monatlich 60 Pfennige., r Anzeigenannahme i W. Teicher, ClockenstraBe U. Talaphan 14449 Schriftleitung: Gememderabb. Custa» Cohn, Leip7ig, Löhrstr, 10, Telephon 29641. g Druck und Verlag; W Teicher, Leipzig,, Glockeoatr. P, Telephon 14449. An xeigenpreise: Die 4 gespaltene mm-Zeile 20 Plg. Fs miiien- und kleine Anzeigen 10 P(g. Umschlagsaiten und Taitinse'ate nach boaond. Tarif. - Für den taaaratantail: J, Kühne, Bauhofs!:. 9 (Telephon 14449). Die Schnltleitung urjernmimt für die unter d<:m Namen des Verfassers erscheinenden Beitrage und d>e Vareinsnachrchten nur die preBgesetzhcne Verantwortung. Narhdrylr nur <r,\\ Quellenangabe Lnd Genehmigung des Verfassers gestattet Ein Sederabend im Hause des Rabbi Akiba Von Rabbiner Dr. Norden (Elberfeld). In unserm jüdischen Schrifttum tritt sehr häufig der Name des Verfassers eines Werkes hinter dem Werk selbst zurück. Das Werk ist bekannt, der Name des Werkes ist in aller Munde; der Name des Verfassers dagegen wird selten genannt, viele kennen seinen Namen nicht einmal. So sprechen wir oft von der Mischnah; an den Namen des Verfassers jedoch, an Rabbi Jnda ha-Naßi wird dabei nur selten gedacht. So reden wir viel vom Talmud; mir selten aber winl des Namen des grollen (ielehrten Raw Aschi Erwähnung getan, t|,., (jas Riesenwerk zusammengestellt hat! Jeder Jude weiB wohl, dall der Schitlchan arnch ein bedeutendes ReUgionSgesetzbUch ist: dall der Verfasser des Buches Josef Karo heillt, ist indessen weniger bekannt. So geht es uns auch mit der Pe!lach-I laggadah, die wegen ihrer großen Beliebtheit mit Recht ein jüdisches Volksbuch genannt werden darf. Wer aber denkt an den Verfasser der Haggadah? Je beliebter und volkstümlicher das Buch geworden ist, um so weniger hat man sich um den Verfasser des Buches gekümmert, und schließlich hat man seinen Namen ganz: vergessen. Freilich ist der grollte Teil unserer Peßach-Haggadah nicht Ursprünglich. Da finden wir vieles, was aus der Bibel, der Mischnah, dem Talmud und dem Oebethuch herübergenommen ist, so dall nicht allzu viel übrig blieb, was wir dem unbekannnten Verfasser der Haggadah zuschreiben kön- Zu diesem wenigen, was unserer I'ellach-Haggadah ursprünglich ist, gehört IL a. die kleine Erzählung von jenem Sedentbend, den einst im lleilgcn l ande vor 1SU0 Jahren fünf bedeutende Gelehrte gemeinsam begangen haben. Rabbi Elieser, Rabbi Josua, Rabbi l lasar ben Asarja, Rabbi Akiba und Rabbi Tarfon feierten einst gemeinschaftlich den Sederabend in dem kleinen Städtchen B'ne B'rak und unterhielten sich über den Auszug aus Aegypten die ganze Nacht, bis endlich ihre Schüler erschienen und sie darauf aufmerksam machten, dall es schon Zeit sei, die Morgenandacht zu verrichten. Diese kleine Erzählung macht einen ganz unscheinbaren Eindruck und doch glaube ich, dall sie durchaus nicht unwichtig ist und datS*\vic dem Verfasser der Haggadah zu Dank verpflichtet sind, daß er sie uns mitgeteilt hat. Ich habe diesen Gegenstand einmal an anderer Stelle behandelt. Dort habe ich jeden einzelnen der fünf (ielehrten zu kennzeichnen versucht: Rabbi Elieser. den bis zum Starrsinn unbeugsamen Charakter: Rabbi Josua den in religiösen und politischen Fragen milden und persönlichen Menschen; Rabbi Elieser ben Asarja, de', als Jüngling von achtzehn Jahren schon an die Spitze des Sänhedrin berufen wurde; Rabbi Akiba. der die erste Anregung zur Aufzeichnung der mündlichen lehre geyeben und der sein Leben als heiliger Märtyrer beschlossen hat; und Rabbi Tarfon, der gegenüber dem soeben aus dem Schofle des Judentums hervorgegangenen Christentum den jüdischen Gottesgedanken in seiner ganzen Schönheit und Reinheit hochgehalten hat. Wenn wir nun aber den religiösen Wert unserer kleinen I r/ahlung riehlig beurteilen wollen, so müssen wir uns einmal die Zeit und den Ort der Begebenheit vergegenwärtigen. Die Zeit war außerordentlich trübe: es war etwa ein halbes Jahrhundert nach der Zerstörung des /weiten Tempels in Jerusalem. Nicht genug damit, dafl unsere Yorafhrcn ihre politische Selbständigkeit eingebüßt, nicht genug damit, dafl sie ihr Heiligtum verloren hatten, lastete die Hand des römischen Kaisers Hadrian auf den Besiegten mit unerträglicher Qrausamkeit. Und in solcher Zeit sitzen die genannten fünf (ielehrten beisammen und verbringen die ganze Perlachnacht ia religiösen Oesprächen. ,,Seltsame Schwärmer!" werden die Ueherklugen sagen, ..unverbesserliche Idealisten und Optimisten! Haben die denn überhaupt in der Welt gelebt, in der rauhen Welt der Wirklichkeit? Das waren doch weltfremde Gelehrte!" O nein, diese Minner sind nichts weniger als weltfremd. Sie haben die Well gesehen wie sie damals war. in ihrer ganzen Schwere und Harte, und sie haben die Menschen gesehen, w ie sie unter der Schwere und I larie der Zeil zusammenzubrechen drohten. Und da haben sie sieh g'-agt: „Es gibt nur ein Mittel, über die schlimme Zeit hinwegzukommen, nur ein Mittel, ihr nicht /u erliegen: das isl die unbeirrtc l'tlcgee idealer Gesinnung, das ist die Wahrung und Behütung und Förderung der sittlich-religiösen (iüter. Je schwerer die Zeiten sind, je iwbannherziger sie uns niederdrücken wollen, um so wichtiger, naa so notwendiger ist es, den l eidenden und Unglücklichen zu zeigen, wie die Welt nach den Grundsätzen und den Förderungen der Sittlichkeit und der Religion sein soll. Jene großen Gelehrten waren nichts weniger als weltfremde und weitabgewandte Männer; sie waren Tröster und 11 elf er in dunklen traurigen Tagen. Das gilt von allen fünf Gelehrten, die sich au jenem denkwürdiges Sederabend zusammengefunden haben, und am meisten trifft es wohl zu auf denjenigen unter ihnen, an dessen Wohnort die Seder« feier sich abgespielt hat. In B'ne B'rak haben sie /us.unmcngcsesscn, einem kleinen Ort, der aber für die Geschichte unseres Judentums von gröliter Bedeutung geworden ist. Denn dort hatte der große Rabbi Akkiba sein i.ehrhaus gegründet und ganze Seharen begeisterter Jünger um sich gesammelt Dort in B'ne B'rak waren die übrigen vier Gelehrten an jenem Peflachfest bei Rabbi Akiba zu tiaste,

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