Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 4 (1928)
- Issue
- 13 (30.3.1928)
- Date
- 1928-03-30
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
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Seite 3 haben, ehrenamtlich geleistet wurde und geleistet wird im Dienste der Armen. Aber niemand wird leugnen können, dall auch viele Unberufene und Ungeeignete nur dadurch die Führung übernehmen konnten, dal) sie zu den Wohlhabenden gehörten. Und das wirkt sich oft um so schlimmer aus, als die Wohlfahrtspflege heute mehr denn je eine Chochmo, eine Wissenschaft, ja ein Beruf geworden ist, der gelernt und verstanden werden will wie jeder andere und mehr fast als jeder andere. Die schwere wirtschaftliche Krise, in der wir uns befinden, bringt vielleicht den Segen mit sich, daß sich in diesem Punkte ein Wandel vollzieht. Mit besonderem Danke darf gebucht werden, dali die Mitarbeit der Krauen in den jüdischen Wohltätigkeitsvereinen vieles gebessert hat. Für Männer und Frauen, die (ich auf diesem (iebiet betätigen wollen, gilt aber vor allem, dalt sie ein Lew, ein „Her/" mitbringen, was in der heiligen Sprache der Väter Verstand und OeitlÜI zusamt bedeutet. „Chochmath lew" ist die wahre Weisheit überhaupt. In der Armenpflege ist sie die einzige, die »im Ziele führt. Mein Vater s. A. berichtet in seinen „Frankfurter Wabbint n" von einer Sage, die von einer, längst verstorbenen armen Frau ZU erzählen weiß, die man vor der Frankfurter Synagoge gesehen habe, und die darüber klagte, dall die Annen sieh entwürdigen und von Haus ZU Haus gehen müßten, um Almosen ZU empfangen An diese Kr/Ählung knüpft der ZUI Zeit des Dreißigjährigen Krieges lebende, um das Frankfurter Wohltätigkeitswesen vielverdiente Rabbi natsassessor Josef Hahn an, indem er schreibt: „Darum ist hier die Einrichtung getroffen, daß die Beträge monatlich von seiten der Armenpfleger erhoben und Woche für Woche den Armen gegeben werden, damit diese nicht gezwungen lind, ihr Angesicht durch den Haushett«4 zu beschämen." Die interessante Mitteilung setzt als selbstverständlich \oral», daß in der jüdischen Wohlfahttsstelle niemals ein Armer beschäm* werden kann, daß die, welche dort sitzen, gewill allemal den rechte» Ton und die rechte Art finden, sein Ehrgefühl nicht nur nicht zu verletzen, sondern zu erhöhen, ihn zu trösten und wahrhaft aufzurichtem. Im Tempel gab es einst eim besondere „Halle der Verschwiegenen* Dorthin kamen, ohne daß jemand davon erfuhr, die verschämten "Armen, viele aus den edelsten Familien. Line ähnliche Einrichtung bestand, wie eine Tosefta erzählt, t inst in jeder palästinensische» Stadt. Wir haben viel, unendlich viel aus diesen Angaben zu lernen Keiner dürfte als beruflicher oder ehrenamtlicher Mitarbeiter der jüdischen Wohlfahrt» pflege zugelassen sein, dem nicht jener leine Takt zu eigen ist, der jedem Menschen gerecht zu werden versteht. Auch heute gibt es der Wege genug, die es gerade der wohlg«ordneten Wohlfahrtspflege ermöglichen, den Würdigsten und Bestes der in Not (ieratenen Hilfe zu bringen und zugleich, soweit inciisclv- Hchea Können das überhaupt vermag, Vorsorge zu treffen, daß jeder Mißbrauch ausgeschlossen Ist. Schluß folgt Jüdische Verband« u. Gemeinden Vereinigung der Rabbiner im Freistaat Sachsen Am 18. März, fand in Chemnitz eine Sitzung der „Vereinigung der Rabbiner im Freistaat Sachsen" statt, zu der bis aul den durch Amtsgeschäfte behinderten Koll. Carlebach-Leipzig alle Mitglieder erschienen waren. Den breitesten Kaum in den Verhandlungen nahm eine Aussprache über den Religionsunterricht ein. Koll. Fuchs- Chemnitz ging in dem einleitenden Referat von der Tatsache aus, dall sich hinsichtlich der Auffassung vom Judentum im allgemeinen und vom Religionsunterricht im besonderen in den letzten zwei Jahrzehnten manches gewandelt habe. Wir betrachten die Angleichung an die Umwelt als abgeschlossen und wollen die Eigenwerte des Judentums mehr betont wissen. Dem werde jedoch im Religionsunt" rieht keineswegs Rechnung getragen. Ref. sieht eine wesentliche Ursache dafür in dein Mangel au Lehrbüchern, die der veränderten Sachlage entsprechen und erachtet es als eine Aufgabe für die Vereinigung der Rabbiner, in Zusammenarbeit mit den Lehrern und unter Mitwirkung des Sächsisch eil Qemeindeverbandes an die Schaffung neuer I chrbüclicr heranzugehen. In der Aussprache w urden einzelne Punkte des Referats eingehend erörtert Als I rgebnls der Heratungen wurde die Anregung festgehalten, daß Tiir die Volksschulen wie für die höheren Schulen des Freistaates Sachsen ein einheitlicher Lehrplan aufgestellt wird. Die Frage der Lehrbücher soll bis zur nächsten Sitzung durch Referate geklärt werden, welche sich mit den Gebieten der biblischen Qeschichtc, der nachbiblachen Geschichte, des Hebräischen und der systematischen Religionslehre befassen sollen. Die Referenten werden die vorhandenen Lehrbücher durcharbeiten und Vorschläge für Aenderungen machen. Sodann wurde die Frage besprochen, ob einheitliche Vorschriften sich für die Aufnahme von l'rosclvtcn durchführen lassen. Schließlich wurde eine Eingabe verhandelt, in welcher ein Mitglied der Vereinigung der Rabbiner im Freistaat Sachsen das Ministe:nun für Volksbildung darum ersucht hatte, seinen VoUcsschulpflkhtigcn Sohn vom Schulbesuch an Sabbathen und jüdischen Feiertagen zu befreien. Die Versammlung sagt ihre Unterstützung bei den ergriffenen Schritten zu, damit endlieh der bedauerliche Zustand aus der Welt geschafft wird, daß in Sachsen zwar jedes christliche Adventistenkind von der Schule fortbleiben könne, daß aber die Juden sogar zu PeBadl ihre Kinder in die Schule schicken müssen. Nach einigen kleineren Mitteilungen schloß der Vorsitzende, Professor Dr. Winter die Sitzung um 7.10 Uhr. Die Juden in Ostasien Heber die Juden in Ostasien sprach am 27. Februar l.andgerichtsrat Dr. Stern (Berlin) auf (irund seiner Rcisceindriicke an der Hochschule für die Wissensehaft des Judentums. Nach einer kurzen Uebersicht über die chinesische Kulturrevolution, der durch sie bedingten großen Auseinandersetzung zwischen Ost und West führte der Vortragende aus, daß es seit den letzten 50 Jahren keine chinesischen Juden in dem Sinne wie früher gäbe, als sie noch nach Atissehen und Lebensweise den Chinesen glichen. Ihr Mittelpunkt war die Qemeinde in Kai-toiig-fu am gelben Fluß. Schon um (:hristiOcburt waren Juden, wahrscheinlich auf den großen Karawanenstraßen übet Persien und Indien, nach China gekommen; es gibt Berichte über sie von mittelalterlichen Reisenden und von Jesuitenmissionaren. Nackt diesen glichen die Juden in Kai-fong-fu Aussehen und Kleidung nach völlig den Chinesen. Japanische Juden hat es wohl niemals | hen. Die Juden, die jetzt in diesen I ändern leben, müssen w ie die übrigen fremden Ansiedler betrachtet weiden. Ihre Zahl beläuft sich gegenwärtig auf höchstens 2000 1000, ihr Wohnsitz sind die Städte Nagasaki, Tokio, Yokohama. In China gibt es erheblich mehr, in Charbin allein leben wohl 10000; sie sind dorthin meist infoige dir politischen Umwälzungen in Rußland verschlagen wurden In Schanghai und Hongkong haben es namentlich die aus Lugland und aus Indien stammenden Juden zu hohen Staatsstellungen gebracht, wir es beim Oouverneur Nathan der Lall war. Die übrigen sind zum großen I eile Kaufleute, auch Handwerker, sie lebi n häufig, besonders in Japan, in dürftigen Verhältnissen. Beide Länder kennen ursprünglich keinen Antisemitismus, wenn neuerdings Strömungen dieser Art vorhanden sind, so sind sie auf über Sibirien eingeführte Hetzschriften zurückzuführen, die den Bolschewismus als jüdisches Geistesprodukt hinstellen. Unsere Gemeinde Moaus Chitim In diesem Jahre haben sich in dankenswerter Weise die Herren I seischermeister Wilhelm Zellner (Nordstrafk Ii). M. Frischer •TÄGLICH ÜBER 100000 AUFLAST © CS XeueJfofpjiger Jeitnnct BEZUGSPREIS 9M *OSATUCH M POSTBEZUG JU2 fc<Ao~r/L. BESTLLLOBLD cn C3 DO 03 m ►täglich ober 100000 aufläse*