Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 4 (1928)
- Issue
- 9 (2.3.1928)
- Date
- 1928-03-02
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
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' GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIOIONSOEMEINDE, LEIPZIG Ssite 3 ten. Das Steinchen, das beim Schütteln heraussprang, gab das Orakel. Dem entspricht der hebräische Ausdruck: „Das Los kam heraus", der heute in vielen Sprachen erscheint. Von diesem Pur hat das Fest nach der Ueberlieferung des Lstherbuches seinen Namen. Der Bericht der Megilla, der sonst so ganz aus dem Rahmen der hebräischen Bibel herausfällt, der nichts von dem gewaltigen und fortreiHendeu Schwünge der Propheten, nichts von der liebevollen Strenge des Gesetzes, nichts von der hingebungsvollen Andacht der Psalmen, aber auch nichts von der tief sinnlichen und unendlich keuschen Liebesglut des Liedes der Lieder an sich hat, wurde im Lauie der Geschichte mehr und mehr ZU einem Liebling des jüdischen Volles. Und das hat seine guten Gründe: Immer und immer wieder hat es Männer gegeben, die — wie Haina«' — darauf ausgingen, dem jüdischen Volke den Garaus zu machen. Von Land zu Land und von Zeit zu Zeit wiederholten sich solche Judenverfolgungen, die zwar nicht alle einen Mardochai fanden, sie abzubiegen, aber zu denen die Hamans nicht fehlten. Wenn ein einziger Jude ihr Mißfallen erregt hatte, so dehnten diese Feinde das Verdammungsurteil erst einmal auf das ganze Volk der Juden aus. Und wenn dann die Juden doch errettet wurden oder wenigstens, zwar mit schwerer Einhülle, aber aoen m.t dem Lehen davonkamen, so wurde dies der Anlaß, nicht bloß das Purimfest frisch und aktuell zu empfinden, sondern es entstand allmählich eine ganze Reihe besonderer lokaler Purimieste, die von der Gefahr und Errettung der eigenen Gemeinde zu berichten wußten. So gab es cl enso auch ein Purim-Mainz wie ein Purim von Saragossa; Frankfurt a. M. hatte sein besonderes Purim-Vinz, und die jüdische Bibliographie kennt eine große Literatur, die solche besonderen Purimfeiern einzelner Judenschaften und auch einzelner jüdischer Familien behandelt. Der Fall Haman wurde so sehr der Typus aller nachkommenden Hamänner, daß, wenn Haman nicht am Anfang unserer Galuth- Geschichte stände, man meinen konnte, er sei nachträglich nach zwei Jahrtausenden gedichtet: als Abstraktion aus all den Judenfeinden, die das Volk ausrotten wollten, aus bloßem Hasse und niederer Mißgunst. Genau so lieb, wie die Megilla den Juden wurde, st) unangenehm empfanden sie die (iegner des Judentum! zu allen Zeiten. Diese Abneigung zeigt sich bei den Kirchenvätern. Als Martin Luther gesehen hatte, daß sein Versuch, die Juden durch eine freundliche Geste in hellen Haufen dem Christentum zuzuführen, mit untauglichen Mitteln oder am untauglichen Objekt gemacht worden und mißglückt war, wurde er aus dieser Enttäuschung heraus ein ebenso scharfer und vielleicht noch erbitterterer Judcnhasser als seine papistischen (iegner. Da ward er auch ein Gegner des Buches Esther. Ihm, der alles auf das Bibel wort aulbauen wollte, dem es geschriebene Offenbarung war, das Wort, das sie „sollen lassen stalin", hatte für das Buch Esther nichts übrig. El „judenzt" ihm zu sehr. Und eben dieses JudenzCU, durch das es einem gesund empfindenden jüdischen Volke so lieb wurde, machte es den Gcgmrn so ungenießbar, und die Megillath Esther hat deshalb zu allen Zeiten die Judenfeinde auf den Plan gerufen, um die Ungeschkht- Vchkcil der Vorginge „nachzuweisen''. Aus dieser Freude an der Errettung aus dem Urbild der < ialtith- VcrfolgUngen heraus wurde Purim /u dem besonderen Freudenfeste, das nach der Bibel bis nun Ende der Tage dauern wird Und](mit seiner Hoffnung und seiner überschäumenden Fröhlichkeit den Snn der Verfolgten und Gedrückten lebendig erhielt und widerstandsfähig gemacht hat, so daß sie nicht am Leide der Oegenwart völlig mutlos und verzweifelt wurden. Was das Judentum an Humor besaß, hat sich an Purim angelehnt. Bei der Parallele, die mau zwischen Purim und Peßaeh empfand, WJITde ein komischer Talmudtraktat Massecheth Purim als Parodie auf den Traktat Pcßaehiin verfaßt. Wie es eine besondere Haggada für die Lei selümmurim von Peßaeh gibt, so wurde zu wiederholten Malen eine Haggada le-Lel Bchikkorim (eine Fistlitanei für die Nacht der Trunkenen) ZU Purim verfallt. (Line sehr interessante Sammlung solcher sehr seltenen Purim-Parödieu und Travestien ist in Berlin in der einzigartigen judischen Bibliothek Jacob H. Wagner.) Schier unabsehbar ist ilie witzige und humoristische Literatur, die sich an die Purinifeier anlehnt. Der christliche Karneval ist ziemlich gleichzeitig mit den jüdischen Purim Und wenn mau statt des bürgerlichen den eigentlich kirchlichen Kalender SUgrahdc legt, so ergibt sich, daß er direkt dem Purimfeste entspricht, nur daß diesem das Fasten voranstellt, während dem Karneval die Fastenzeit folgt. In der ältesten Zeit hat freilich auch das Judentum Fasttage nach Purim gekannt, so daß die Anlehnung der fröhlichen Fastnacht, die auf niederdeutsch bezeichnenderweise eine Faselnacht genannt wird, an die ausgelassene Last des jüdischen Purimfestes auf der Hand liegt. Während das Judentum im allgemeinen Verkleidungen ablehnte, und besonders die Vertauschung der (iewandung der bei Jen Qeschlechter aus guten Gründen verwarf, galt diese Vorschrift für Purim nahezu für aufgehoben. Maskeraden und Vermummungen sind an Purim an der Tagesordnung. Während in Kairo das ganze jüdische Stadtviertel mit seinen rund dreißigtausend orientalischen Juden in Häusern und auf Straßen und Plätzen Purim feierte, und die arabische Nachbarschaft mitfeierte, begegnete ich auch in den arabischen und europäischen Sri aßen nicht bloß Masken alLr Art zu Fuß und in Wagen, sondern sogar einer ganz großen menschlichen Menagerie, über die Europaer und Asiaten herzlich lachen mussten. Diese Maskeraden sind noch heute auch in Polen und Rumänien so in (iebrauch, wie in Asien und Nordafrika. Aber vor Jahrzehnten waren sie noch überall auch in Deutschland im Schwange Die Masken standen unter dem besonderen Schutze der jüdischen Uemeindeobrigkeiten, und als in Strelitz bekannt wurde, daß ein Hausvater, in dessen Haus Masken hereingekommen waren, nichts geschenkt, sondern sie harsch hinausgeschickt hatte, da wurde die Erbitterung in der ganzen damals noch zahlreichen und angesehenen Gemeinde laut. Das war vor kaum neunzig Jahren. Heute kennt die jüdische Oeffentlichkfeit in Deutschland diesen Mummenschanz nur noch in wenig Orten, wie im badischen Gailingen. Aber er ist nicht tot. Er hat sich nur auf die Maskenbälle zurückgezogen. Von einem besonderen Brauehe an Purim erzählt der jüdische Lexikograph Nathan heu JechieJ aus der Zeit der salisch«*n Kaiser: „An den Purimtagen ist es überall in der ganzen jüdischen Weh Brauch, daß junge Leute eine Figur nach Art des Haman anfertigen und sie vier bis fünf Tage vor Purim auf ihren Dächern aufhängen. An den Purimtagen aber zünden sie ein Freudcnfeuer an, in das sie die Figur hineinwerfen. Dabei umstehen sie singend die Flamme. Manche haben auch einen Ring über der f lamme hängen, an den sie sieh hängen und so über das Feuer hinweghüpfen. Lieser King heißt „Misehwarta" (aramäisch: Nmiltt'O Springring), wie der Ring der Steigbügel beim Pferde und Esel" So weit der jüdische Lexikograph aus «lern 11. Jahrhundert. Wir erfahren daraus, daß schon das ausgehende Altertum den Brauch, die llamansfigur an einem hölzernen Galgen aufzuhängen und nachher Hol/ und Figur zusammen zu verbrennen, bei den Juden allgemein kannte. Unter dem Kaiser Theodosius IL wurde dies als ein Bild der Kreuzigung Christi ausgelegt und deshalb den Juden durch ein Gesetz der Kaiser Honorius und Theodosius vom 27. Mai IIIS verboten, da sie ,,/ur Feier ihres Hamansfestes (festivitatis tuae solemni Aman) angeblich eine llamansfigur am (ialgca verbrennen, damit aber das Christentum verächtlich machen wollen". Das erfahren wir aus dem Codex flicodosianus XV Tit. VIII, IS. Dazu er/ählt der griechische Kirchenhistoriker Socrates Scholasticus (380-440), daß die Juden aber doch nicht von ihrem Brauche, der ihnen wohl schon in der vorchristlichen Zeit lieb und traut geworden war. haben ablassen wellen, und so wären bald Judenverfolgungen ausgebrochen. Das war in den Ländern, in denen damals der christliche Olaubenseifer noch gan/ frisch war und am heftigste« die Juden traf, vor allein in Syrien, das so stark konfessionell war,'daft bald nachher eine ganze Reihe von christlichen besonderen Kirchen in ihm ihren Ursprung fanden. Zu dem Spiele au Purim gehört auch der Lärm der Jugend in den Synagogen beim Vorlesen dir Megilla, m dem wir Bestellungen für feine Konditoreimaren unter Tel. 20214 oder im ■ Laden Augustusplatz erbeten. Inn.: Ernst Fischer früher langjähriger Pächter der Konditorei „Fürst Reichskanzler" COPL5Ö KONDITOREI KAFFEE HAU/