Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 4 (1928)
- Issue
- 9 (2.3.1928)
- Date
- 1928-03-02
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 2 GEMEINDEBLAT V DER ISRAELITISCHEN RELIOIONSOEMEINDE, LEIPZIO das Fest dir ^wahrten Gewissensfreiheit Peßach und Chanukah sind kulturell-nationale Erinnerungen an Ereignisse, durch die die Selbständigkeit Israels und des jüdischen Volkes gewährleistet wurde. Ein drittes Freiheitsfest ist Pur im. Aber es ist grundsätzlich von den beiden anderen unterschieden. Purini bedeutet die Befreiung der Juden in einem Lande, in dem sie eine Minderheit sind, in dem an eine Selbständigkeit gar nicht zu denken ist. Purim ist die Erinnerung an die erste bekannte Errettung von Juden in der Verbannung und Zerstreuung. Es Ist deshalb ein ganz typisches Fest des tialuth, de* „Goles", wie es im jüdischen Volksinunde Deutschlands heißt. " Von der Entstehung des Purimfestes erzahlt uns das Buch Esther. Es ist das ein kurzes biblisches Schriftwerk von nicht mehr als 107 Versen oder kurzen Sätzen. Da wird gesagt, dali Mardochai und nachher noch einmal die Königin Esther zusammen mit ihrem Vetter den Juden geboten hätten, den vierzehnten und zum Teil auch den fünfzehnten Adar für alle Zeiten zu feiern. Vorher aber wird die Geschichte erzählt, wie die Gefahr über die Juden hereingebrochen und wie das Rettungswerk vollbracht sei. Es hätte keinen Zweck, hier den Hergang zu wiederholen. Denn wenn es dort heißt: „Und diese Tage der Purin vergehen nicht bei den Juden, und ihr Andenken hat bei ihrer Nachkommenschaft kein Ende", so sind auch bis auf den heutigen Tag die dort erzählten Ereignisse im Volke so lebendig, wie kaum eine andere Erzählung der althebräischen Literatur I listorisch ist das Buch Esther die einzige Quelle für den geschichtlichen QVorgang, über den dort berichtet wird. Denn was Josephus und andere Geschichtsschreiber mitteilen, zeigt deutlich die Abhängigkeit vom biblischen Berichte. Auch die Zusätze, die in griechischen und aramäischen Uebersetzungen überliefert sind, können als weitere ursprüngliche Quellen nicht angesehen werden. Dagegen ist die Feier des Purimfestes schon in älterer Zeit bei den Jude« Volks- I »iimlich gewesen, wie wir aus den Makkabäerbüchern wissen. Während aber heute die Juden im allgemeinen nur einen Tag feiern, und nur für die Juden in der persischen Residenzstadt Schuschan von einem zweiten Tage die Rede ist, erfahren wir von Josephus, dall in seiner Zeit die zweitägige Feier bei den Juden gebräuchlich war. Er nennt diese Festtage wie der griechische Uebersetzer des Buches Esther: Phruraiai. Die Volksetymologie wollte sich den Namen in ihrer Art verständlich macheu, indem sie ein ähnlich klingendes, dem Griechischen angehöriges Wort einsetzte. Dagegen heißt das Fest in dem gleichfalls griechisch erhaltenen nveiten Makkabä erbliche: ..Tag des Mardochai". Das Buch Esther unterscheidet sich ganz erheblich von anderen biblischen Büchern. Schon der Stil, in dem es geschrieben ist, weicht ab, c.hne i!aü da I it gesagt sei l soll, daß sonst eine einheitliche Sch eii> art vorläge. Aber auch in anderer I linsicht sind grundsätzliche Un- | terschiede zu beobachten. Wenn man sonst in der hebräischen Literatur der Bibel uberall den religiösen Gesichtspunkt erkennt, unter dem sie gesammelt ist, bemüht sich du Buch Esther deutlich, alles rein menschlich und ganz natürlich geschehen zu lassen. Nicht ein einzige Mal ist von i'iii'in Eingreifen der göttlichen Vorsieht die Rede. Alles ist novellistisch in leichtem Tone erzählt. Und alles greift so ineinander, als habt ein großer Erzählungskünstler die Geschichte verfallt. Von prophetischem Pathos ist nichts zu spüren. Bezeichnend damr ist, dal! der Name Gottes in der ganzen Megillath Esther nirgendgenannt wird. Dies wurde so fruh empfunden, daß das aramäische Targum ebenso wie die griechische Uebersetzung der Siebzig den Gottesnamen hin und wieder eingefügt hat. Dagegen ist der König 187 mal, die Königin 1«) mal erwähnt. Daher glaubt man schon aus uralter jüdischer Zeit Meinungsverschiedenheiten darüber zu sehen, ob das Buch Esther überhaupt seinen Platz in der kano« nischen Sammlung der heiligen Schriften habe. Schließlich aber hat man dem ganzen Charakter dieser Sammlung und des Estherbuches gemäll dieses mit aufgenommen oder darin bewahrt. Die Juden in Jemen, die so vieles Eigene und Besondere haben, in deren Ueberlieferungen aber sich auch mancherlei recht Altertümliches findet, die aber immer nur im altjüdischen Sinne neu geschaffen haben, bringen dieses I lervorheben des persischen Großkönigtums dadurch in die Erscheinung, dall sie beim Schreiben der Megillah jede Seite, natürlich mit Ausnahme der ersten und der „Söhne Hamans" immer mit dem Worte „ham-Melech", die letzte aber mit „hatn- Malkah" anfangen lassen. l Es ist naturgemäß, daß die Zweifel bibelkritischer Forschung niclv» Und auch in jüngerer Zeit sind diese Beurteilungen immer wieder zuletzt beim Buche Esther eingesetzt haben. hervorgetreten. Am weitesten geht darin Jensen, der Haman. Waschti und Seresch als etamitische Gottheiten zu finden glaubte. Freilich muß er die Namen etwas anders lesen und dem Namen Seresch die Form Geresch gleichsetzen. Da aber Schuschan die alte historische Hauptstadt der Landschaft Elymais war und auch die beiden Hauptnamen außer dem des persischen Königs zu babylonischen Götternamen nahe Beziehung haben, so glaubten viele Jensen hierin beipflichten zu sollen. Denn Mordechai — oder wohl besser Mardochai — ist unzweifelhaft ein von dem babylonischen Gott Marduk hergenommener Personennamen. Und nicht minder erinnert Esther mit ihrem Namen an den der babylonischen Göttin Ischtar. Auch aus andern Mythen und Legenden sucht man die Purimgeschichte zu erklären, ohne dabei zu größerer Wahrscheinlichkeit zu kommen. Ganz abgesehen davon, daß es kein Beweis gegen die historische Wahrheit eines Berichtes ist, daß nur eine einzige Quelle für den Vorgang existiert, wenn nur die innere Wahrscheinlichkeit nicht ausgeschlossen ist, .schlägt immer ein Erklärungsversuch den andern tot, und bis jetzt ist immer noch kein plausiblerer gefunden als der historische Vorgang, der im Buche Esther erzählt wird. Diese Erklärung an der Hand der Ueberlieferung ist noch immer die einfachste, während alle anderen gezwungen erscheinen. Daß Esther, die hebräisch Hadassa (Myrthe) hieß, einen Namen trug, der der •kindischen Götterwelt nahe verwandt ist, und daß der große Marduk der Babylon!er in Mardochai einen Sprößling seines Namens hinterlassen hat, ist kein Grund gegen die Glaubhaftigkeit der Erzählung. Denn es sind uns Juden mit dem Namen „Dionysios" bezeugt, der genau die gleiche Zugehörigkeit zum griechischen Gotte Dionysos hat wie Mardochai zum Marduk, ohne daß wii den geringsten Grund hätten, an der Wirklichkeit der Personen zu zweifeln. Auch „Siegfried" ist der Name einer mythischen Gestalt, ohne daß etwa Juden, die den Namen Siegfried tragen, darum in irgendeiner Beziehung zur germanischen Mythologie stünden. Noch bis auf den heutigen Tag hat sich bei gläubigen Juden der Name des griechischen Licht- und Sonnengottes Phoibos als Feibusch, Fa bisch, Feiwel usw. erlalten. Der Name aus der Mythe ist nach keiner Richtung hin ein Beweis dafür, daß wir eine Mythe vor uns haben. Indem der Orientalist Paul de Lagaide, der zugleich ein Vorläufer deutschvölkischer Anschauungen war, im Texte der griechischen Uebersetzung der Estherrolle ein griechisches Wort, das Schwierigkeiten macht, durch eine andere, freilich unbezeugte, Lesart ersetzte, konnte er das Purimfest zu einem Abkömmling des persischen Furdigän (Fawardigän) machen und meinte damit die Schwierigkeiten zu beheben. Obwohl er auf seine Bemerkung so stolz war, dal* er bedauerte, daß Joseph von Hammer ihm seine vermeintliche Entdeckung vorweg genommen hatte, bleibt sie eine Vermutung, für die er ebenso wie für seine Behauptung, „daß dem Buche Esther .kein' geschichtlicher Wert beiwohne", jeden Beweis schuldig geblieben ist. Wenn sein Nachtreter Hugo Willrich später unter Beweis gestellt hat, daß das Buch Esther eine hebräische Uebertragung des griechischen in der Septuaginta vorliegenden Textes sei, so hat er gerade den Umstand nicht beachtet, daß in diesem Falle die bei den Griechen vorhandenen Nennungen Gottes am allerwenigsten im hebräischen Texte hätte fehlen dürfen. Außerdem hat Martin Schreiner mit einem einzigen Satze diese Aufstellungen Willrichs widerlegt, die gesucht sind, dem Historiker aber nicht beweiskräftig erscheinen können. Wenn man annehmen dürfte, daß der König Achaschwcrosch des Mardochai- und Estherbuches der persische König ChschAjärscha ist, den die Griechen Xerxes nannten, wobei die hebräische Namensform leichter als die griechische zu erklären wäre, so würden sich wenigstens viele innere Schwierigkeiten beheben. Den Europäern erscheint der Prunk und Trunk liebende Xerxes als der König, unter dem der Verfall des Reiches beginnt. Die Orientalen sahen in ihm die Höhe der Macht. Der König, der auf goldenem Stuhle zu thronen pflegte, überbot an Pracht alles, was man vorher und nachher gesehen hat. Auch sein Bett war von Gold. Was die griechischen Schriftsteller über ihn berichten, steht nicht hinter dem zurück, was das Buch Esther von ihm zu erzählen weiß. Und auch der Charakter des biblischen Achaschwerosch ist in nichts anders als der des griechishen j Xerxes. Daß sich in späteren Ueberlieferungen manches Sagenhafte eingefügt hat, daß sehr bald schon die eigenartige Aeußcrung der Liebe des Kandaulcs zur Rhodope auf das Verliältnis des Achaschwerosch zur Waschti übertragen, daß immer mehr und mehr hinzugefügt wurde u. ä. m., hegt an dem besonderen Gefallen und dem Gefühle der Befriedigung, das das verfolgte Volk am Verlauf der Ihirimgeschichte hatte. Nach Jensen bedeutet Pur, das mit hebräischem Ofträl (Los) erklärt wird, im Akkadischen: einen Stein. Aber wir erinnern uns aus der llias, daß die Alten Steinchen als Orakellose benutz-