Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 4 (1928)
- Issue
- 8 (24.2.1928)
- Date
- 1928-02-24
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 Ol Ml IM»;.i;l Ai . DLR : .AEUTISCHEN IIZIK'. ' SGEME1NDE, LEIPZIG gewissenhafte Eltern und Lehrherren die Fortschritte der Lernbeftissenen sorgfältig überwachen, damit dem jungen, vielfach unverständigen Menschenkinde einen unschätzbaren Dienst erweisend. Es liegt auf der Hand, und tausend Erfahrungen beweisen es, daii die Jugend, die keine tüchtigen Fachkenntnisse erlangt, keine oder wenig Aussieht hat, den I ebenskampf ZU bestellen. Wer nur fähig ist tl>. Handlangerdiensten oder lediglich das Mandeln versteht, findet immer wenigei eine Erwerbsmöglichkeit, geschweige eine Möglichkeit /um Aufstieg. Auch der Handwerker kann es nur zu etwas bringen, wenn er eine Fachschule besucht und sieh befleißigt, gründliches technisches Wissen ZU erwerben. Allein jüdische Jugend, in dem uns innewohnenden übereifrigen Nachahmungstrieb, hat sich in den Nachkriegsjahren allzustark dem Sport verschrieben, unter Vernachlässigung aller anderen Betätigungen. Kein Wort gegen die notwendige Stählung des Körpers inner' halb der gesetzten Qrenzen, wohl aber gegen die Auswüchse des Triebes zum Sport, weil sie einseitig wirken. Wir Juden benötigen jedoch der geistigen Schulung und des fachlihen Wissens mehr als die anderen', weil eben von uns mehr verlangt wird, wenn anders wir im Lebenskampf bestehen -ollen. Ich bin viel in der Welt herumgekommen und habe meine Augen gerade für jüdische Erfordernisse offen gehalten. Ich habe aber nirgends finden können, daß etwa ein guter Boxer eine bessere Chance des Fortkommens hätte als sein Konkurrent mit größerem sprachlichen und fachlichen ^Wissen. Um kurz, zusammenzufassen: Wir, die wir selbst schon im Leben stehen, sollen sozial zu einander stehen, uns sozusagen privat und wirtschaftlich als eine (iemeinschaft auf Gegenseitigkeit fühlen. Unseren Kindern sollen wir aber das bestmöglichste fachliche Wissen, gepaart mit geistiger Schulung, für das Leben mitgeben. Die Wirtschaft in ihren mannigfachen Verflechtungen ist in stetem Fluß und geht mit Riesenschritten über denjenigen hinweg, der ihr nicht gewachsen ist. Das Erwerbsleben hat schon immer einen Kampf dargestellt, darum sollten wir wie Soldaten im Krieg eng zusammenrücken, um vereint dem Feind, in unserem Falle dem bedrohenden sozialen Abstieg zu "begegnen. Wer nur „modern" ist in äußerlichem Sinne, ohne innere Werte in die Wagschale werfen zu können, ist nicht fähig zu bestehen, und Zeit und widerlichen Verhältnissen ein Paroli zu bieten. Es sollte zu denken geben, daß z.. B. ein Sohn eines echten Friedens-Millionärs hiesiger (iemeinde jetzt am Bettelstab geht, ein allerdings besonders krasser Fall. Aber auch von Erben und Erbschaft Sännet', des s. Zt. wohl reichsten Mannes Deutschlands ist viel gesagt und gesungen worden. Solche Dinge spielen sich in unseren Tagen ab, in einer Zeit der Umwertung aller Werte. Gewohnheitsrecht De m A n il e n k c n S a m U e I Knie h s. Der Begriff des Gewohnheitsrechtes spielt im Rechtsleben aller Volker eine gewisse Rolle. Man kann die Berechtigung eines Anspruches wenn Urkunden und sonstige Beweismittel fehlen, aus der Tatsache herleiten, dal! man Anspruch auf diesen Besitztitel schon langja erhoben habe, ohne daß dagegen Einwendungen erfolgten. Das Gewohnheitsrecht stehl im Gegensatz zum geschriebenen Recht, lebt im Bewußtsein der (iesamtheit, wird praktisch von ihr geübt und steht ergänzend und mit gleicher Geltungskraft neben alledem, was in den Bm Inrit der Qesetze Aufnahme gefunden hat. Die hebräische Uebersetzung des Wortes „Gewohnheitsrecht" lautet Chasoko, wenn auch der Inhalt dieses Begriffes ein ungleich umfassenderer ist. Fr Stammt aus dem Talmud und findet nicht nur auf dem < iebiete des bürgerlichen und kriminellen Rechtes, sondern in all den mannigfachen Zweigen des jüdisch-religiösen und sozialen Lebens Anwendung. Je nach dem Zusammenhang verändert das Wort Chasoko seine Bedeutung, bald ist's mit ..Anrecht", bald mit ^Annahme" zu übersetzen, hier wird ein Rechtsanspruch damit bezeichnet und dort eine auf allgemein bekannten Tatsachen beruhende Voraussetzung. Mit der Chasoko wird schon der Anfänger bekannt, der erstmalig die Hallen talmudischer Wissenschaft betritt. Je tiefer man in die rabbinische Forschung eindringt, umso häufiger hat man sich mit Chasoko zu befassen. I •< gibt keinen Traktat des Talmud, dessen Probleme nicht in der einen oder anderen Variation durch Chasoko gelöst werden. Einen richtigen Ueberblick über die buntscheckige Anwendung dieses in allen Verästelungen des jüdischen Lebens bedeutungsvollen Begriffs kann naturgemäß nur derjenige haben, der den Talmud, diese gewaltige „Encyklopädie der Wissenschaft des Judentums" vollkommen beherrscht und in der schier unermeßlichen und unübersehbaren Literatur der Kommentare und Superkommentare zu Hause ist und ferner die zahllosen Responsen alter und moderner Dezisoren kennt, die j:i schon für sich allein eine Spezialwissenschaft von riesigem Umfang und Ausmali darstellen. Daß unsere Stadt jahrzehntelang einen solchen Thorafürsten, einen souveränen Meister in den angeführten judischen Wissensgebieten in ihren Mauern beherbergt hat, diese Tatsache soll durch diese Zeilen den (iliedem unserer (iemeinde bekannt gegeben werden. In diesen Tagen ist 'ein Werk erschienen, das den Namen „Chasoko Rabbo" tragt und den ersten Band von Abhandlungen über das Cha- Sokoprobleffl darstellt, dem drei weitere Binde von noch wesentlich größerem Umfange folgen sollen. Dieses Buch wird in Fachkreisen berechtigtes Aufseben erregen. Mii genialem Scharfblick sind die verschiedensten Fragen, die im religiösen Leben auftauchen, unter dem Gesichtspunkt der Chasoko behandelt; mehr noch als die Klarheit der Gedankengänge setzt die fast unglaubliche Beschlagenheit in allen einschlägigen Werken den, der sich hineinvertieft, in Erstaunen. Man steht beim Studium dieses Buches vor demselben Rätsel, wie es unsere Grollen der alten Zeit, die ,,Sterne am Horizont des Judentums" zu lösen geben, bei denen der Umfang und die Bedeutung der Arbeiten, die sie uns hinterlassen haben, in offenkundigem Gegensatz ntr Kürze des menschlichen Lebens zu stehen scheinen. Das Werk stellt den literarischen Nachlall des Rabbi Jakob Leib Kroch dar, des Vaters des im vergangenen Jahre verstorbenen Herrn Samuel Kroch. Das in der Familie wie eine teure Reliquie gehütete Manuskript zum Drucke zu geben, das geistige Erbe des grollen Vaters der Oeffentlichkeit zugänglich zu machen, war ein Lieblingsplan KÄBSCHÜTZ hervorragend« Qualftäfsmqbel aus eigener Fabrik. Leipzig Körner «»ir. 54"56 Jims* \mn und wehen! Wählt Rf jina pf fferblQth auf der Liste der Wählt die Lis e. welche für die unbedingte Oleichherechtinline der Frau im sozialen und Gemeindeleben eintritt. jüdischen Volkspartei!