Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 4 (1928)
- Issue
- 6 (10.2.1928)
- Date
- 1928-02-10
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
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GEMEINDE BLATT DER ISRAELITISCHEN RELI0IONSOEME1NDE, LEIPZIG Seilt i ritz Lazarus noch um 25 Jahre überleben. Denn mit Recht sah Nahida Lazarus sich als die verständnisvolle Hüterin des Lazarus-schen Lebenswerkes — eines Geistesschatzes von unerhörtem Wert und als Vollstreckerin seiner Gedanken und seines Willens an. Der Mann, der nicht nur eine zweibändige „Ethik des Judentums" geschrieben hatte, sondern der das Ethos dieser Jahrtausende alten, un- Berstörbaren Sittenlehre durch seine eigene Persönlichkeit, sein leben und Schaffen am überzeugendsten verkörperte, dieser Mann, der in seinen hohen Jahren selbst wie ein biblischer Patriarch wirkte, und von dem eine natürliche Hoheit und Würde ausströmte, hatte die Christin Nahida Sturmhoefel-Remy — ohne alle Prosclytenmacherei — zu einer glaubensstarken, feurigen, nach Er- und Bekenntnis lechzenden Jüdin gewandelt. Zeugnis von dem Olück und der Befriedigung, die sie im Judentum gefunden hat, legen ihre eigenen schriftstellerischen Werke ab, von denen noch heute „Kulturstudie über das Judentum", „Das jüdische Weib", „Humanität im Judentum", „Das Gebet in Bibel und Talmud", „Ich suchte Dich", die Forscherin und Streiterin Israels verraten. Ander diesen ihrem eigenen Geiste entsprossenen Schöpfungen, die sich alle mit der Sittenlehre des Judentums befassen, hat sie nach dem Tode ihres Gatten die „Lebenserinnerungen von Moritz Lazarus", ferner „Ein deutscher Professor in der Schweiz" sowie eine Autobiographie ihres Mannes, betitelt: „Aus meiner Jugend" herausgegeben und teilweise mit eigenem Vor- und 'Nachwort versehen.! Mit tief innerer Berechtigung hat N'ahida Rcmy, als sie zum Judentume übertrat, den jüdischen Namen Rulli empfangen. Denn gleich der schönen Moahiterin, ist auch ihr Wahr- und Wahlspruch »ll/eit gewesen: „Wo du hingehst, da will auch ich hingehen; Wo du bleibest, da bleibe ich auch. Dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott. Wo du stirbst, da sterbe ich auch. Das Judentum darf in Nahida Ruth Lazarus eine echt« Jüdin von hohen Graden der Seele und des Geistes betrauern. Christlich geboren, ist sie Wahljüdin geworden und geblieben bis zu ihrem letzten Atemzug. Und sie hat Größeres und Bedeutsameres für den Stamm „Aus tausendjährigem Blut" geleistet, als manche ihrer jüdisch geborenen Schwestern. Gleich dem Namen Moritz ■ Lazarus ist auch der ihre zu einem rot glühenden Fanal geworden, das vorbildlich und beispielgebend nicht nur in die Gegenwart, sondern auch in eine noch von Schleiern verhangene Zukunft des Judentums leuchtet. Fern ihrer Heimatserde, auf dein fremden Boden, wo sie mit Morit« Lazarus glückhaft gelebt und gestrebt, ist sie, umringt von den Erinnerungen an ihn, lebend in und zu seinem Gedächtnis, einsam, aber dank einer Gemeinschaft, die üher das Qrab hinaus reichte, nicht vereinsamt gestorben. Die große Welt, in der sie einst eine tonangebende Rolle gespielt, mag ihre vergessen haben. Die heurigen Geschlechter mögen nichts von ihr wissen. Darum ist es gut und wünschenswert, dall mit der traurigen Kunde von ihrem Tod auch die Geschichte ihres Lebens — eines reichen und erfüllten Lebens — vor der heutigen Generation neu erstehe. Eben diese raschlebige Generation wird von dem kontemplativen und doch kampferischen Dasein dieser grollen und gütigen Frau manches /u lernen haben. Sie war gesetzest reu in jedem Sinn. Treu dem inneren Gesetz ihrer S e e I e. Und treu dem G e s e t z d e s Alten Bundes, dem sie sich in der Liebe zu Morit/ Lazarus für Zeit undEwigkeit vermählte. JUdlsche Verbände u. Gemeinden Die jüdischen Studenten an den preußischen Universitäten Auf (iriind neuester Publikationen des Preußischen Kultusministeriums und des Statistischen l.aiidesamtcs stellt die Sektion für Wirtschaft imil Statistik beim Jüdischen Wissenschaftlichen Institut zu Berlin eine Reihe interessanter Statistiken zusammen, die den Status und die Entwicklung der jüdischen Studentenschaft in Preußen beleuchten, Im Jahre 1027 besuchten die preußischen Universitäten, Technischen, Handels- und landwirtschaftlichen Hochschulen insgesamt 2312 jüdische Studenten, was 1,5 Pro/, der Gesamtzahl der Hörer ausmacht Dabei entfiel die größte Zahl jüdischer Studierender - 072 auf die Universität Berlin, Ihr folgen die Technische Hochschule Berlin mit 264, die Universität Frankfurt a. M. mit 248, Universität Breslau mit IST, Köln mit 162, Bonn mit 129, Handelshochschule Berlin mit 81, Universität Königsberg mit 62, Göttin gen mit J6, Halle mit 34 und die Technische Hochschule Breslau mit il jüdischen Studierenden. Die judische Studentenschaft Preußens sei/t (590 Studierende) aus Ausländern zusammen. Von den reichsileutschen jüdischen Studenten die juristischen, rechts- und itaatswissenschaftlichen Fakultäten (von den rekhsdeutschen nichtjüdischen Studenten tun dies >b.~ Proz. und ebensoviel die philosophischen, wirtschafts-, sozial- und naturwissenschaftlichen Fakultäten (Niclujuden!W,2 Pro/.). Bloh* 20 Proz. studieren Medizin (Niclujuden nur 10,4 Pro/.); 10,9 Pro/, besuchen die technischen Hochschulen (Nichtjuden 14,7 Proz.) und mu 2 Proz. die Handelshochschulen (Nichtjuden '2.') Pro/..) Von den ausländischen jüdischen Studierenden besucht ih> l lüfte die philosophischen, wirtschafts- und sozialwissenschaftlichen Fakultäten. Medizin studieren 22 Pro/., Jura, Rechts- und Staatswissen- Schäften 17.2 Pro/. Der Prozentsatz der Techniker unter ihnen (22,5 Pro/) übertrifft um das Doppelte, der Prozentsatz der Handelshochschüler (S Proz.) um das Vierfache denjenigen der deutschen jüdischen Studenten. Was insbesondere die Universität Merlin anlangt, so zählte man hier Unter den Juden (In- und Ausländern) 31,2 Pro/. Juristen (Nichtsich /ii 25,5 Pro/, besuchen 13,4 Pro/ juden JJ Pro/..) 42,4 Pro/. Philosophen (Nichtjuden 4» Pro/.) und 20,4 Proz. Mediziner (Nichtjuden 14,2 Proz). Zieht man die Ziffern der Vorkriegszeit zum Vergleich heran, so stellt man einen bedeutenden Rückgang des Studiums von Juden an den Preußischen Universitäten fest. So zählte /. B. d'e Universität Berlin im Jahre 1905-b 16,9 Pro/. Juden, dagegen im Jahre 1927 nur 10,6 Proz. Die Universität Breslau hatte im Jahre 1905-06 S,4 Pro/ jetzt nur <>,2 Pro/. Juden. An der Universität Königsberg ist der judische Anteil von 10,7 auf 3,2 Proz. zurückgegangen. Im allgemein'— «TAGLICH ÜBER 100000 AUFLA6E* CD > G) ftetteJfofojiger Jeitung BEZUGSPREIS IM XOSATUCN M POSTBEZUG X*ü BiNSCHL BESTELLGELD CO m o o CP o •täglich Ober 100000 aufläge»