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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1928-02-10 · 6 (10.2.1928) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
4 (1928)
Issue
6 (10.2.1928)
Date
1928-02-10
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
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Seite 2 Gl MI INDFBl.ATT DER ISRAE1 1TIS< ÜILN RI.LIOK >NSGEMEINDE, LEIPZIG dieser Name einen Begriff umschließt oder mehr als ein schemenhafte* Gebilde bedeuet. Und doch war diese Prau Jahrzehnte hindurch Fahnenti igerin einei Idee und dnet Ideals, begeisterte und begeisternde Prophetin, um die sich gläubige Jünger und Verehrer beiderlei Geschlechts icharten. I s ist dartun und gerade in der heutigen wieder von demagogischen Bewegungen stürmisch gepeitschten Zeit nicht ohne Nutzen, das Qedenken dieser Frau zum anderen Mal lebendig auferstehen zu lassen. Orofle Beispiele wirken, unabhängig von Zell und Kaum, sittlich und erzieherisch auf die Menschheit, um so mehr, wenn diese Menschheit i:t Epochen des Aufruhrs hin- und hergerissen wird. x Nahida Remy-Lazarus war ein Berliner Kind, und /war rein arischer Abstammung. NabJda Sturmhoefel so lautete der Mädchenname d« ipäterMn zwiefach bekannten und genannten Frau heiratete mit jungen Jahren den Theaterkritiker dei „Vossi- BChen Zeitung", Max Remy. Aber sie geriet nicht nur auf diese Weise in ein literarisches Milieu, sondern sie war auch selbst von musischem Streben erfüllt. Sie trat mithin bald als selbständige Journalistin an die (Vttcntlichkeit. Aber die Tagcsschrit'tstellcrci gcnfigte ihrem hochgesteckten Ehrgeiz, nicht, und aus der Publizistin erwuchs rasch eine erfolgreiche Dichterin, die sich in allen poetischen Oattungen betätigte Den sensationellsten Erfolg erzielte sie zuvörderst durch graziöse Verslustspiele, die sogar Eingang ZU der da/umal ersten Huhne Europas, dem alten Wiener Burgtheater, fanden und der zwanzigjährigen Frau den ersten frischen Lorbeer eintrugen. »Anerkennung ist das Brot des Geistes". Die junge Schriftstellerin, durch ihre eisten überraschenden Triumphe ermutigt und ermuntert, wart sich wit eine kühne Schwimmerin in den Strom schöpferischen WirkenI, Romane, Novellen, Bühnenstücke folgten einander in buntem Wirbel. Bald gehörte Nalüda Rem* ZU den meistgelesenen und gefeiert-'ni Schriftstellerinnen ihrer Zeil Niemand wulite, daB in der jungen, von QeseUgkcH umbrandeten Frau, deren Eitelkeit - SO* fern Eitelkeit im alltäglichen Sinn überhaupt ZU den Triebkräften einer Nahida Rem* gerechnet werden durfte - mit Fug befriedigt sein konnte. In ihrem scheinbar gesättigten Dasein doch noch eine heiße Sehnsucht des Herzen* hütete und Im „janun Beeret" ihrer Seele eine noch unbebaute, nach Sonne dürstende Flüche verbarg. Nahida Remy, die an allen geistigen Strömungen ihrer Umwelt verständnisvollen Anteil nahm, hatte sieh auch mit den konfessionellen Ideen und Kämpfen der Zeit viel beschäftigt. Auf diesen Wegen war tie auch dem Professor Moritz Lazarus begegnet, der ein Vierteljahrhundert älter als sie, ebenso als Philosoph und Geschichtsforscher, wie hauptsächlich als unerschrockener Kampfer für alle Rechte und Pflichten des Judentums, das da/umal die ersten antisemitischen Krisen durchlebte, begegnet. Moritz Lazarus, der schon lange einen hervorragenden Platz m der Qdehrterrwctl dune*"" (wahrend reaktionärer Strömungen in Preußen war er sechs Ja Inj In der Schwei/ tätig gewesen), war durch einen Aufsatz „Lieber die Idee und die Möglichkeit einer Wissenschaft der Völkerpsychologie" zum Schöpfer dieser neuen Disziplin geworden, l i hatte eine „Zeitschrift für Völkerpsychologie und Sprachwissenschaft" begründet und geleitet, und seine Arbeiten fanden Anerkennung weit über die deutsehen (irenzen hinaus und verschafften ihm den Ruf an die Universität Bern, wo er z.uerst als ordentlicher Professor, spater als Dekan der philosophischen Fakultät und schließlich als Rektor wirkte, ohne jedoch wahrend dieser ganzen Jahre seine Berliner Wohnung aufzugeben. Denn so glänzend seine Stellung in der Schweiz »nttttcb. wie gesellschaftlich auch war, konnte er der Sehnsucht nach dem ,.< krönen Strand der Spree" d(K'h nebt Herr werden und kehrte im Jahre 18(>7 nach Berta zurück, um nach kurzer Muße Professor der Philosophie an der Kriegsakademie zu weiden und gleichzeitig für alle Fortschritte echten Judentums und edlen Menschentum* einzutreten. Die junge, auf jedem ideellen Gebiete leicht zu entflamm . Ilde Christin Nahida Remv lernte diesen itolzen jüdischen Patrizier und Weisen anläßlich seiner politischen Kampfreden kennen und schaute in ehrfürchtiger Bewunderung zu ihm auf. Aber, wie steht es im „Uriel Acosta" geschrieben? „Bewundern ist und I leben eins beim Weib". So wurde der fünfundzwanzig Jahre ältere und reifere Mann, der in der vordersten Eront und gemeinsam mit den Besten (eines Stammes für ein deutsches J udent um focht, die erste grolle i lebe in dem nicht völlig ausgefüllten Herzen der im I lochmittag ihres Lehens blühenden und glühenden Nalüda Remv. Sie ward seine Schülerin, bohrte sieh mit jenem Einfühlung-Vermögen, das nur dem liebenden Weibe eignet in seine Ideen und Gedankengänge ein, wurde \on der hohen Sittlichkeit der jüdischen Lehre so sehr ergriffen und mitfortgerissen, daß sie, die schon durch die Stöckerei und Muckerei der 80er Jahre sieh zu gründlichen biblischen und jüdisch historischen Studien bewogen gesehen hatte, schließlich selbst zum Judentum übertrat und nach 14-jähriger Witwenschaft als 40-jährige Frau ihrem Jugendideal, dem Professor Moritz Lazaru* als die Jüdin Nahida Ruth Remy die Hand zum /weilen Ehebunde reichte. Und dieser späte Liebeshund /weier völlig kongenialen, nur durch die Jahre getrennten Persönlichkeiten sollte eine Gemeinschaft begründen, die von der ersten bis zur letzten Stunde, vorbildlich an Tiefe und Inbrunst, eine geistige Fruchtbarkeit ohnegleichen entfalten sollte. Moritz Lazarus, der mit allen Geistesfürsten seiner Zeit, gleichviel welchen Bekenntnisses, mehr oder weniger freundschaftlichen Umgang pflog, der sich Adolf Menzel und Gottfried Keller, Paul Heyse und Theodor Storni, Berthold Auerbach und Tritz Reuter, Friedrich Rückerl und Wilhelm Raabe innig verbunden wußte, der einen Briefwechsel mit ungezählten Koryphäen der grollen Odstesrepublik unterhielt, den aber auch, dank mancherlei ihm erwiesenen intimen Ounstbezdgungen des vormaligen Kronprinzen, späteren Kaiser Friedrich und seiner freigeistigen Oemahlin, auch noch mannigfaltige enge Beziehungen an die höfischen Sphären knüpften; er führte seine weitaus jüngere Oattin und gelehrige Schülerin auller in die weltlichen Wissenschaften vor allem in „der Urväter Weisheit" ein. Noch am Abend seines Lebens vertiefte er sich wieder in die Bibelstudien der Jugend, indem er ein gelehrtes Werk über den Propheten Jeremias herausgab, während er in der Blüte seines Mannestums die Kanzel des Professors der des Rabbiners vorgezogen hatte und nur als gcfürchteter, weil unbesiegbar schlagfertiger Kämpfer für ausschließlich konfessionelle Interessen auf- und eingetreten war. Zu jeder Stunde seines Lebens war Moritz Lazarus, der gute Deutsche, Imbun t der gute Jude geblieben, der lieben einem Eduard Simson einem (iabriel Riesaer, einem Ludwig Bamberger und einem Eduard Lasker sdnen Glaubensgenossen ein leuchtendes Beispiel gab und der auch zuweilen, wenn es sein mußte, in die politische Arena hinabstieg, indem er u. a. 1Sj(I eine Flugschrift veröffentlichte: „Die sittliche Berechtigung PreuBCM in Deutschland", worin er Preußens Anspruch auf die Hegemonie lebhaft vertrat oder indem er im Jahre 187U seinen berühmt gewordenen Vortrag: „Was ist national" als Antwort auf Stöckers Hetzrede: „Unsere Forderungen an das moderne Judentum" mit wahrhaft biblischer Schleuderkraft seinem demagogischen (jegner ins Antlitz, warf, in noch zwei weiteren Vortrages des Jahres 1880 rief er seine UlaubnsgenOBSeu mit den Worten: „Rührt Euch! Wehrt Euch!" zu programmatischer Abwehr des immer bedenklicher um sich greifenden Antisemitismus auf. - Aber wenn er seine Standpunkfte der Staatseinheit aMer Burger: „Fcstlialtung der gesellschaftlichen 1 oleranz und I lumanität gegen Trennung wegen Abstammung und Konfession" klargelegt und gewahrt wulite, lenkte er alsbald wieder auf die Bahnen der reinen Wissenschaft zurück, die ihm längst einen hervorragenden Platz in der (ielchrtcnwelt gesichert hatten. Hatte die Ehe zwischen Moritz Lazarus und Nalüda Ruth Remy auch nur acht Jahre gewährt, so bestand die innere Uemeinschaft doch schon weit länger, führte sie bis in die jugendliche Weibblüte Nahidas zurück und sollte den nahezu achtzigjährigen Mo-

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